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Buchkritik | Beitrag vom 25.10.2016

James McClure: "Steam Pig" und "Song Dog"Kein naiver Weltverbesserer

Von Thomas Wörtche

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Deutsche Protestler rufen zum Boykott gegen Südafrika auf. Eine erste Form der Divestment-Bewegung (dpa/picture alliance/Klaus Rose)
1986: Auch in Deutschland demonstrierten die Menschen gegen das südafrikanische Apartheidssystem. (dpa/picture alliance/Klaus Rose)

Der Südafrikaner James McClure musste 1965 sein Land verlassen - als Journalist stand er dem Apartheidssystem damals abweisend gegenüber. Im Exil in England schreibt er weiter Kriminalromane, in denen er das Regime in Südafrika kritisiert, ohne es je beim Namen zu nennen.

Neuauflagen und Wiederveröffentlichungen von als "Klassiker" geltenden, aber aus dem Bewusstsein der Leser verschwundenen Kriminalromanen können leicht museal geraten. Das gilt in seltenen Fällen nicht, wenn solche Romane innovativ waren und wenn sie eine ästhetische Qualität haben, die auch heute noch erlaubt, sie sozusagen ganz frisch zu lesen.

Ein Musterbeispiel für diese beiden Kriterien sind die acht Romane des Südafrikaners James McClure (1939-2006) um Lieutenant Tromp Kramer und Sergeant Mickey Zondi von der Mordkommission des fiktiven Trekkersburg, in dem man aber leicht Pietermaritzburg erkennen kann. McClure musste 1965 Südafrika verlassen, weil seine polizei- und systemkritische Arbeit als Journalist dem Apartheid-Regime gefährlich suspekt wurde.

Von England aus schlug er dann seit 1971 mit seinen Kriminalromanen zurück, die sofort internationale Beachtung und höchstes Renommee erlangten. Jetzt beginnt der Unionsverlag die Tromp/Zondi-Romane wieder zugänglich zu machen und beginnt mit dem 1993 entstandenen "Song Dog", der das Prequel für die Serie nachschiebt, die 1971 mit "Steam Pig" begann.

Gewaltbereite, ungehobelte Buren

McClure Methode aber war schon seit dem ersten Buch klar: Geschichten von Mord, Verbrechen und brutaler Gewalt zu erzählen, die in dem widerwärtigen System begründet sind, ohne dieses System mit einem einzigen Wort zu benennen. McClures Figurenkonstellation und seine Stories sprechen für sich: Tromp Kramer ist ein harscher Bure, ruppig, ungehobelt, notfalls gewaltbereit, ätzend sardonisch, jeder Autoritäts- und Hierarchiegläubigkeit abhold, der Bantu Mickey Zondi, ein Dandy, clever bis skrupellos, hochintelligent und wenn nötig robust.

Als Duo bilden sie das Modell, das in der südafrikanischen Kriminalliteratur bis heute, bei Malla Nunn zum Beispiel, immer noch Bestand hat. McClures Hauptfiguren sind aber keine naiven Weltverbesserer, beide kennen ihren jeweiligen Status in ihrer Gesellschaft, Kramers grober Ton kontert Zondi mit süffisanter Unterwürfigkeit, ihre gegenseitige Wertschätzung und ihre eigentlich unmögliche Freundschaft äußert sich "nonverbal", durch ihr blindes Verständnis und ihre Entschlossenheit, den Dingen auf den Grund, auch gegen alle institutionellen Widerstände.

Kritik in bitterer Präzision

Auch die Fälle der beiden kommentieren die südafrikanischen Verhältnisse mit bitterer Präzision: In "Song Dog" geht es um zweckrationale Morde von Weißen an Weißen, wobei man an höherer Stelle lieber die moralische Verworfenheit der Beteiligten als Motiv gesehen hätte; in "Steam Pig" ist der Auslöser einer menschlichen Tragödie die "Zurückstufung" des Opfers, einer jungen, begabten Frau, die nach langen Jahren des Lebens als Weiße zur "Schwarzen" erklärt wird. Der anti-moderne Puritanismus des Landes, die grotesken und bizarren Situationen, die entstehen, weil man Schwarze und "Farbige" als unsichtbar, bzw. fast nicht existent betrachtet, spielen eine ebenso entscheidende Rolle wie die Brutalität, mit der solche Verhältnisse durchgesetzt werden. Kramer und Zondi kommentieren all das nicht, nur ihre Handlungen sind entsprechend subversiv.

Aber all das wären letztendlich doch Vergangenheit, wenn McClure nicht ein grandioser Schriftsteller wäre, dessen sprachliche Präzision, seine Erzählökonomie, das Gefühl für kleinste Nuancen, seine überraschen und verblüffenden Wendungen und sein Gespür für die fürchterliche Komik der Umstände auch heute nur selten erreicht werden. So allerdings lesen wir große Kriminalromane, die große Romane sind und schon früh ein noch immer gültiges "state of the art" definieren.

James McClure: "Steam Pig"
Aus dem Englischen von Sigrid Gent.
Unionsverlag metro, Zürich 2016
305 Seiten, 13,95 EUR

James McClure: "Song Dog"
Aus dem Englischen von Erika Ifang.
Unionsverlag metro, Zürich 2016
350 Seiten, 13,95 EUR

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