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Studio 9 | Beitrag vom 26.01.2016

Jacqueline Bakir BraderEin Migrantenkind, das es geschafft hat

Von Almuth Knigge

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"Stop Ehrenmorde" - Demonstration nach dem Mord an Hatun Sürücü in Berlin 2005. (dpa / picture alliance / Bernd Settnik)
"Stop Ehrenmorde" - Demonstration nach dem Mord an Hatun Sürücü in Berlin 2005. (dpa / picture alliance / Bernd Settnik)

Fast wäre Jaqueline Bakir Brader in ihrer Jugend Opfer eines "Ehrenmordes" geworden, nachdem das freiheitsliebende türkische Mädchen von zuhause flieht. Heute ist Jacqueline Bakir Brader erfolgreiche Unternehmerin und Buchautorin - eine "Mutmacherin".

Wenn es in Oldenburg keinen durchgehenden Zug nach Wilhelmshaven gegeben hätte, damals vor 28 Jahren – wer weiß, was dann aus Jacqueline Bakir Brader geworden wäre.

"Also, ich hatte das überhaupt nicht groß geplant, sondern mein Vater hat mich geschlagen und ich hab dann gedacht, so, jetzt reicht es, hab meine Schulbücher zusammengepackt und bin in den Zug und abgehauen."

Klassenfahrt, Schwimmen – alles war verboten

Sie flieht aus ihrem Zuhause, vor ihrem Vater, der unglücklich in Deutschland war, der trank und der vor allem sie und ihre Mutter schlug. Sie zuhause einsperrte, nicht zur Schule gehen ließ.

"Wir waren total Außenseiter immer, durften nicht mit auf Klassenfahrt, durften nicht mit schwimmen, all solche Dinge, die wir in der Schule gemacht haben und wo wir praktisch von unseren Eltern zu Außenseitern gemacht wurden. Und das hat mir nicht gefallen, das hat mich dazu bewegt, dass ich das hinterfragt habe und mich auch mit meinem Vater immer angelegt habe."

Als sie in den Zug nach Wilhelmshaven steigt, da war das kleine zähe Migrantenmädchen Klassenbeste, heftig verliebt in einen deutschen Jungen und hieß noch Güler. Was so viel bedeutet wie "Die Lachende". Das passt. Heute.

Neuanfang im Frauenhaus

Wenn sie an ihre Kindheit, ihre Jugend denkt, dann erinnert sie sich nur an Zwang, Repression und Kampf. Sie will nicht in die Koranschule, weil sie nicht einsieht, dass sie etwas beten soll, dass sie nicht versteht – denn sie kann kein Arabisch. In der Schule muss sie kämpfen, weil es nicht üblich ist, dass Migrantenmädchen auf ein Gymnasium gehen. Sie will so leben wie ihre Freundinnen – aber auch das passt nicht zu den traditionellen Werten des türkischen Vaters. In der Familie hat sie keine Verbündeten – die Brüder, die alles dürfen, verstehen ihren Drang nach Freiheit nicht. Also steigt sie in den Zug.

"Und dann bin ich hier gelandet an der Bahnhofsmission und dann bin ich zusammengeklappt und dann bin ich ins Frauenhaus gekommen."

Ein neuer Anfang, ein neuer Name – sie nennt sich Jacqueline, was so viel bedeutet wie die, die die Freiheit liebt. Aber das wusste sie damals noch nicht. Sie heißt also die Lachende, die die Freiheit liebt. Das passt.

"Freiheit ist mein höchster Wert"

28 Jahre später, in Jever, Ostfriesland – bei Jacqueline Bakir Brader zu Hause. Ein imposantes, sehr sehr großes Haus, fast ein kleines Schloss. Es leuchtet auffällig weiß in der ostfriesischen Tiefebene. Ein offenes Haus – für eine Mutter und ihre drei Töchter. Drei junge Mädchen, die alle Freiheiten der Welt zu haben scheinen.

Wenig Schnickschnack, klare Linien, viel weiß, viel Marmor, viel Platz.

"Für mich war wichtig eben dieses Offene, Lichtdurchflutete."

Das Haus ist eine Art zu zeigen: Es zeigt, das Migrantenkind hat es geschafft – trotz aller Widerstände.

"Und ich wollte, dass man sieht, hier ist Freiheit. Also, das ist ja mein höchster Wert... In meiner Werteskala, würde ich sagen, Nr.1 ist Gesundheit und Freiheit."

Und Arbeit. Mit 19 hat sie sich selbstständig gemacht, drei Immobilienfirmen hat sie mittlerweile aufgebaut, den Brustkrebs besiegt, ein Buch veröffentlicht.

Der Bruder sollte Jacqueline töten

"Das hab ich in der 'Mutmacherin' auch gar nicht so erwähnt in dem Buch weil ich gedacht habe, das passt auch nicht, dass mein Bruder schon beauftragt war, mich aufzuspüren und zu erledigen. Ich war schockiert, als er mir das erzählt hat Jahre später, so nach dem Motto: Papa hat das schon gewollt. Also diese Ehrenmorde, die passieren, weil die delegiert werden in der Regel."

Mit ihrer Familie hat sie sich trotzdem ausgesöhnt –  zu stark war die Sehnsucht nach der Mutter und den Geschwistern. Mittlerweile lebt einer der Brüder in ihrer Nachbarschaft. Der Mordauftrag spielt keine Rolle mehr zwischen den Geschwistern. Heute fährt die ganze Familie gemeinsam in den Urlaub. 

Hart erarbeitetes Happy End

Alles scheint vergessen. Auch der Suizidversuch an ihrem 18. Geburtstag, als sie auf einmal aller Mut verließ. Die vielen Jahre, als sie sich alleine durchschlagen musste. Die verlorene Jugend.

"Letztlich hat mein Vater mir bis zum Schluss, glaube ich, nicht so richtig verziehen, aber um des Friedens willen... Und er hatte gesehen, dass ich nicht mit einem Jungen abgehauen bin, sondern nur wegen meiner Freiheit, da bin ich dann auch wieder mit offenen Armen aufgenommen worden, und ich glaube, wenn ich so die Schande gewesen wäre, wäre mit einem Mann abgehauen, das wäre dramatisch für die Familie gewesen. Aber die haben gesehen, ich habe mein Abi gemacht, ich gehe meinen Weg, ich hab mich selbstständig gemacht, ich hab ne Firma geführt. Da war mein Vater schon ganz stolz und hat gesagt, ok, du bist wegen deiner Freiheit abgehauen und nicht, weil da irgendein Typ dahintersteht."

Und nicht immer gibt es ein glückliches Ende im Kampf zwischen Tradition und Freiheit, so wie bei Jaqueline. Aber ihres ist auch hart erarbeitet.  

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