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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 08.09.2011

Israels Mittelstand protestiert weiter

Über die Kluft zwischen Arm und Reich

Von Benjamin Rosendahl

Israelis protestieren in Tel Aviv gegen den Anstieg der Lebensmittelpreise und Wirtschaftskartelle (AP / Ariel Schalit)
Israelis protestieren in Tel Aviv gegen den Anstieg der Lebensmittelpreise und Wirtschaftskartelle (AP / Ariel Schalit)

Als meine Frau und ich am letzten Sonnabend in Tel Aviv zum Rothschild-Boulevard gingen, da überkam uns beide ein ungutes Gefühl: Wir sahen nur wenige Menschen, nicht aber die angekündigte "Demonstration der Millionen". Das hätte den "coup de grace" des Zeltprotestes bedeutet: Wenn sich das Volk nicht mehr für soziale Gerechtigkeit interessiert, dann die Regierung bestimmt nicht.

Denn Bibi Netanyahus Koalition ist nicht nur politisch die wohl rechteste Regierung Israels, sondern auch wirtschaftlich: Der Thatcherismus wird im kapitalistischen Israel von 2011 voll ausgelebt, was zur Folge hat, dass die Kluft zwischen Arm und Reich eine der größten in der Welt ist. So langsam füllte sich der Platz vor dem Bima-Theater auf und der Ruf der letzten zwei Monate wurde lauter und lauter: "Ha-Am doresh Zedek Chevrati". Das Volk verlangt soziale Gerechtigkeit!

Soziale Gerechtigkeit – zwei Worte, die so viel ausdrücken: von der Wohnungsnot der Mittelklasse, die sich die Miete nicht leisten kann - von einer Hypothek ganz zu schweigen, über die nicht bezahlbaren Kindergartenplätze und die unerschwinglichen Lebensmittel zu einem öffentlichen Gesundheitswesen, das kurz vor der Pleite steht. Die Antwort der Regierung war stets die gleiche: Öffentliche Dienste zu privatisieren, sei ebenso wenig ein Problem wie die soziale Not. Denn schließlich habe Israel eine niedrige Arbeitslosenzahl. Was beschwert Ihr euch also?

Wir beschweren uns darüber, dass Netanyahu und seine Regierung blind und taub für Fakten sind. Denn mehr Menschen als in irgendeinem anderen Industrieland leben in Israel unter der Armutsgrenze. Auch wenn sie Arbeit haben, reicht das Geld hinten und vorne nicht, weil sie zu wenig verdienen oder die Preise explodieren. Nein, der Premier interessiert sich nicht für die Sorgen der Bürger.

Er fürchtet eher um seine Beziehung zu den Oligarchen des Landes, die seinen Wahlkampf finanzieren. Der Mittelstand, auch die Arbeiter haben ihn dagegen bis dato immer wieder gewählt, auch wenn er gegen ihre sozialen Interessen gehandelt hat. Und warum taten sie es? Aus Angst um ihre Sicherheit.

In einem Land, das feindselige Staaten umzingeln, ist es immer einfach, der Bevölkerung einzureden, dass Sicherheit vor sozialer Gerechtigkeit gehe. Als vor kurzem nach einem Attentat in Eilat Raketen auf Sderot fielen, schien wieder so ein kritischer Zeitpunkt erreicht. Würde auch die Zeltrevolution - wie andere Bürgerproteste zuvor- ein abruptes Ende finden?

Schon in den letzten Wochen waren die Zelte im Zentrum Tel Avivs immer leerer geworden, weniger Menschen kamen zu den Demonstrationen. Das Schuljahr hatte bereits angefangen, bald würden auch die Studenten gehen. Außerdem zeichneten sich unter den Organisatoren erste interne Konflikte ab. Die Medien, welche die Revolution stark unterstützt hatten, fanden andere Themen, eben in der Sicherheitslage oder bei den arabischen Nachbarn.

Und dann kam es anders, als wir befürchteten. Immer mehr Menschen folgten dem Ruf: "Zu mi-ha Mirpesset – ha-Medina koresset", was bedeutet: "Vom Balkon herunter, der Staat geht unter". Da war es, als würde eine neue Unabhängigkeit ausgerufen: für einen Staat, der sich um die ganze Bevölkerung kümmert und nicht nur um ein paar Milliardärsfamilien. Zum Schluss demonstrierten zwar nicht Millionen, sondern rund 400.000 Menschen. Aber es wurde auch so die größte Demonstration der Geschichte Israels.

Die Hymne des Landes heißt Hatikva – Hoffnung. Ich habe Hoffnung, dass die Sozialrevolution Früchte trägt. Jedoch mischt sich auch etwas Skepsis hinein, weil schon öfter sozialer Aufruhr in Israel unterdrückt wurde. Ähnlich wie der renommierte israelisch-arabische Schriftsteller Emile Habibi bin ich auch ein Optimist - halb Optimist, halb Pessimist. Und vielleicht gibt uns nicht die offizielle Hymne eine Antwort, sondern das Lied des Sängers Eyal Golan. Er trug es für die Demonstranten am vergangenen Sonnabend vor: "Mi she maamin, lo mefached". Wer daran glaubt, der braucht keine Angst zu haben.


Benjamin Rosendahl (privat)Benjamin Rosendahl (privat)Benjamin Rosendahl, Übersetzer, 1977 in München geboren, seit 1999 lebt er in Israel. An der Hebräischen Universität beendete er den Studiengang "Middle Eastern Studies" mit dem Bachelor Of Arts und an der Bar-Ilan Universität eine Übersetzerausbildung mit dem Magister. Er arbeitet als freier Übersetzer und Journalist in Tel Aviv.

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