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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.07.2015

IsraelDer antisemitische Hass auf den Judenstaat

Georg M. Hafner und Esther Schapira im Gespräch mit Ernst Rommeney

Demonstranten in Paris verbrennen am 26. Juli 2014 eine Flagge Israels aus Protest gegen den Gaza-Krieg. (dpa / picture alliance / Etienne Laurent)
Demonstranten in Paris verbrennen eine Flagge Israels aus Protest gegen den Gaza-Krieg. (dpa / picture alliance / Etienne Laurent)

Die Journalisten Esther Schapira und Georg M. Hafner haben eine Streitschrift über offenen und verdeckten Antisemitismus in Deutschland veröffentlicht. Es ist Buch, das es in sich hat - und mit den Kritikern Israels hart ins Gericht geht.

Sie haben eine Streitschrift über den offenen und verdeckten Antisemitismus in Deutschland geschrieben. Gemeinsam mit ihrem Kollegen und Koautor Georg M. Hafner sei es ihr Anliegen, so die Frankfurter Rundfunk- und Fernsehjournalistin Esther Schapira, zu einer offenen und ehrlichen Debatte aufzufordern, sich nicht hinter der Ausrede zu verstecken, man sei nicht antisemitisch, sondern nur gegen die Politik Israels.

Vielfältige Motive und Ressentiments

Denn hinter der "Israel-Kritik" würden sich vielfältige Motive und Ressentiments verbergen, nicht etwa nur eine ehrliche Sorge um den Zustand israelischer Demokratie. Vielmehr sei es die These der beiden Autoren, dass sich alte antisemitische Vorurteile in einem neuen Gewand als Hass auf Israel entladen würden, indem die Kritiker Israels dem Judenstaat für alles die Schuld gäben.

Sie hätten herauszufinden versucht, ergänzt Georg M. Hafner, warum die Deutschen so wenig Empathie mit diesem kleinen Staat empfänden. Die Lehre aus der Geschichte sei in Deutschland gewesen, nie wieder Täter zu sein, während die historische Lehre in Israel genau umgekehrt laute, nie wieder Opfer sein zu wollen. Das führe hierzulande zu einer merkwürdigen Selbstgerechtigkeit, die im Vorwurf gipfeln würde, gerade Juden müssten doch aus dem Holocaust gelernt haben.

Den Kritikern Israels halten sie vor, demonstrativ und einseitig zu den Palästinensern zu stehen, ohne Mitgefühl für israelische Opfer palästinensischen Terrors zu zeigen, dabei nicht einmal wirklich am das Schicksal der Palästinenser interessiert zu sein.

Cover: "Israel ist an allem Schuld" von Georg Hafner und Esther Schapira (Eichborn Verlag)Cover: "Israel ist an allem Schuld" von Georg Hafner und Esther Schapira (Eichborn Verlag)

So fragen sie, warum wohl "Israel-Kritik" ein stehender Begriff sei, nicht aber beispielsweise "Deutschland-Kritik". Sie kritisieren die doppelten Standards, mit denen israelisches Handelns in Nahost gemessen, und das Zerrbild, das vom Lande verbreitet werde, dessen Gegner nicht bereit seien anzuerkennen, was Israel erreicht habe: Demokratie, freie Presse und wirtschaftlichen Erfolg.

Doch nicht nur die polemischen Sätze der Autoren stimmen nachdenklich, sondern auch die ungeschminkten, ehrlichen Aussagen der Interviewpartner, der vom Thema Betroffenen, die immer wieder zwischendurch zu Wort kommen.

Majer Szanckower beispielsweise, der als "Nachgeborener" der Shoa den jüdischen Friedhof in Frankfurt verwaltet, fühlt sich persönlich getroffen, wenn er als Jude permanent zur Rechenschaft gezogen werde für ein Land, in dem er nicht lebe. Er spüre aus diesen Debatten eine "Art Urhass", mit dem er nur schwer umgehen könne.

Andere berichten, wie sich die Gesprächsatmosphäre ändert, wenn sie sich in Deutschland als Juden zu erkennen geben, dass sie sich je nach Stadtbezirk auf der Straße vor Gewalt in Acht nehmen, dass sie sich verleugnen, weil sie der ablehnenden, verkrampften Reaktionen überdrüssig sind. Und schließlich, dass sie an einem Aufenthalt in Israel schätzen, sich dort nicht als Fremde zu fühlen.

Mangelndes Gespür im Umgang mit Juden

Esther Schapira und Georg M. Hafner werfen Nicht-Juden mangelndes Gespür im Umgang mit Juden vor. Sie streiten wider eine ideologische Grauzone, in der sich Hass und Vorurteile mit oberflächlichem, unbedachtem Denken sowie halben und falschen Informationen verbinden. Und sie haben sich zugleich auf die Suche nach einer Definition des Antisemitismus gemacht, der sich von Klischees und Vorurteilen über Unfairness und Diskriminierung zu kriminellen Übergriffen steigert.

Gespräch mit Georg M. Hafner, Esther Schapira: Israel ist an allem Schuld. Warum der Judenstaat so gehasst wird.
Eichborn Verlag, Köln 2015
317 Seiten, 19,99 Euro

Mehr zum Thema:

Ari Shavits "Mein gelobtes Land" - Das aufregendste Buch über Israel
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 12.06.2015)

"Palestine loves Israel" - Wenn Feinde zu Freunden werden
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 01.06.2015)

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