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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.07.2011

Islamische Wahrheit

Thomas Bauer: "Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams", Berlin 2011, 462 Seiten

Kachelschmuck in der Grünen Moschee von Bursa. (Science/W. B. Denny)
Kachelschmuck in der Grünen Moschee von Bursa. (Science/W. B. Denny)

Mit seinem bahnbrechenden Großessay über die "Kultur der Ambiguität" arbeitet Thomas Bauer die Ursachen für die verzerrte Wahrnehmung des klassischen Islams im Westen ebenso wie in der islamischen Welt kulturgeschichtlich auf.

Das schlüssige Erklärungsmuster dafür verbirgt sich im Begriff der "Ambiguität", also der möglichen Doppel- und Mehrdeutigkeit von Phänomenen. Epochen und Kulturen, Gruppen und Individuen unterscheiden sich demnach durch ihre wechselnde Toleranz oder Intoleranz gegenüber Ambiguität. Die entscheidende Frage lautet dabei stets, ob wir in der Lage sind, die Existenz verschiedener, darunter auch gegenläufiger Wahrheiten und Diskurse zu ertragen – oder ob wir darauf beharren, dass die jeweilige Wahrheit oder Moral eine Monopolstellung innehat.

Bauer, Professor für Islamwissenschaft in Münster, belegt anhand von zahlreichen Texten, dass die klassische islamische Kultur – vom 8. bis ins 19. Jahrhundert – nicht nur hochgradig ambiguitätstolerant war, sondern in die Ambiguität regelrecht vernarrt war: diese herausstellte und pflegte, wo es nur möglich war. Das galt sogar im Bereich der Koranforschung und der Rechtspflege – ausgerechnet den Bereichen also, in denen der Islam gemäß dem heute verbreiteten Bild so intolerant erscheint. Der Grund dafür liegt darin, dass ab Mitte des 19. Jahrhunderts der westliche Einfluss die klassische Kultur des Islams zunehmend verdrängt hat.

Der Islam, der uns heute begegnet, ist bereits ein verwestlichter, gleich ob es sich um den Reformislam oder um den Fundamentalismus handelt. Der Westen hingegen war Bauer zufolge bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts durch eine hohe Ambiguitätsintoleranz gekennzeichnet, durch die Fixierung auf eine jeweils einzige, universelle Gültigkeit beanspruchende Wahrheit.

Diesem vehementen Wahrheitsanspruch des Westens, so Bauer, hatte die ambiguitätstolerante klassische Kultur des Islams wenig entgegenzusetzen. Sie modernisierte sich, indem sie ihrerseits eine Ambiguitätsintoleranz entwickelte, das heißt: dem Westen eine eigene islamische Wahrheit entgegenhielt. Diese jedoch ist nach westlichem Vorbild konstruiert und verdrängte ausgerechnet das Wesensmerkmal, das die klassische islamische Kultur auszeichnete, nämlich die Pluralität der Wahrheitskonzepte. So ist etwa die heutige Homosexuellenfeindlichkeit in der islamischen Welt weniger "islamisch" als "viktorianisch", stammt also aus dem prüden England des 19. Jahrhunderts. Abertausende Verse populärster klassischer Liebeslyrik auf schöne Jünglinge belegen dies eindrucksvoll.

Mittels intimster Kenntnisse des klassischen islamischen Schrifttums entlarvt der Autor die frappante Unwissenheit der Orientalistik alten Stils und der Medien. Er nennt aber auch Gründe dafür, etwa die fehlende Edition maßgeblicher arabischer Literatur. In der Mischung aus überzeugender Grundthese und einschlägigen Beispielen entpuppt sich dieses Buch als eine der besten Einführungen in den Islam seit langem. Es hat das Zeug zum kulturwissenschaftlichen Klassiker, der sich hinter Edward Saids "Orientalismus" (1978) nicht zu verstecken braucht.

Besprochen von Stefan Weidner

Thomas Bauer: Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams
Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, Berlin 2011
462 Seiten, 32,90 Euro

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