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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.02.2011

"Irgendwo auf den dritten, vierten Seiten"

Bundeswehr beklagt mediale Fixierung auf Plagiatsaffäre

Oberst Ulrich Kirsch, Vorsitzender des Bundeswehrverbandes (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Oberst Ulrich Kirsch, Vorsitzender des Bundeswehrverbandes (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, hält die militärische Situation in Afghanistan für wichtiger als die Diskussion um den Doktortitel des Bundesverteidigungsministers und plädiert für eine andere Schwerpunktsetzung in den Medien.

Ute Welty: Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg verzichtet auf seinen Doktortitel und versucht sich in Schadensbegrenzung, und er wird nicht müde die eigene Fehlleistung in Verhältnis zu setzen zu den drei toten deutschen Soldaten, die in Afghanistan zu beklagen sind. Inwieweit der Minister damit seiner Sache und der Sache der Soldaten schadet, das bespreche ich jetzt mit Ulrich Kirsch, Vorsitzender des Bundeswehrverbandes. Guten Morgen!

Ulrich Kirsch: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Persönliches Fehlverhalten auf der einen Seite, die Frage nach Menschenleben auf der anderen. Herr Kirsch, ist dieser Vergleich des "IBuK" würdig, des Verteidigungsministers als dem Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt?

Kirsch: Also ich persönlich trenne diese zwei Dinge total voneinander. Ich habe zwar Verständnis dafür, dass der Minister betroffen ist von dem, was passiert ist, das geht uns allen so. Das geht allen Soldatinnen und Soldaten so, und ich bin auch ein bisschen traurig darüber, dass die Dinge inzwischen in den Printmedien irgendwo auf den dritten und vierten Seiten behandelt werden, und die Frage, wie geht es mit dem Doktortitel von unserem Minister weiter, das steht auf der ersten Seite.

Welty: Sie meinten jetzt die toten Soldaten oder die Todesfälle in Afghanistan, die auf der dritten und vierten Seite behandelt werden?

Kirsch: Ja, ja.

Welty: Warum wäre es Ihnen lieber, wenn das auf der ersten Seite stände?

Kirsch: Für uns ist das wichtig, dass die Gesellschaft registriert, was um uns herum passiert. Überlegen Sie sich mal, wir haben einen gefallenen Hauptfeldwebel, der hatte ein ganz kleines Kind, ein Jahr alt in etwa. Dieses Kind wird eines schönen Tages sagen, ich habe meinen Vater nicht gekannt, mein Vater ist im Krieg gefallen in Afghanistan. Ich denke, das ist eine gesellschaftliche Auseinandersetzung wert, wie es den Familien geht der Gefallenen und der Verwundeten. Wir wissen auch gar nicht, wie schwer die Verwundungen letztendlich sind und was das für Konsequenzen hat. Also das sehe ich viel weiter vorne in der Betrachtung und würde mir wünschen, wenn es auch insgesamt in der Öffentlichkeit viel weiter vorne in der Betrachtung stehen würde als der Doktortitel des Ministers.

Welty: Aber die gesellschaftliche Auseinandersetzung, die nach einem solchen Todesfall stattfindet normalerweise, die läuft ja darauf hinaus, ob der Ansatz in Afghanistan noch tragbar und zielführend ist. Ist Ihnen diese Auseinandersetzung tatsächlich lieber?

Kirsch: Diese Auseinandersetzung ist genau so wichtig. Und wir haben ja nun in der vergangenen Zeit viel gehört über den Fortschrittsbericht und die Absicht der Bundesregierung, Ende dieses Jahres auch mit einer Reduzierung zu beginnen. Das sind die Themen, die für mich insgesamt und für meinen Berufsverband und für meine Mitglieder und für die Soldatinnen und Soldaten allgemein wichtiger sind als das Thema "Doktortitel zu Guttenberg".

Welty: Aber noch mal zum Verhalten des Ministers zurück: Diese Kombination, die er durchführt, die er vollzieht, schadet die nicht der Sache, Ihrer Sache?

Kirsch: Also ich weiß manchmal nicht, welche Konstrukte noch hergestellt werden sollen. Ich kann nur sagen, und dabei bleibe ich: Ich trenne diese Dinge! Und ich habe das ja auch gerade erklärt, warum ich das so sehe, und wenn es andere anders machen, dann sollen sie es tun. Ich trenne sie, und was die Frage des Doktortitels betrifft, kann ich nur sagen, das hat natürlich Streueffekte auf die Streitkräfte, und letztendlich ist das, was um den Minister herum passiert, auch immer verbunden mit der Bundeswehr und mit den Streitkräften. Auch das ist im Moment eigentlich nicht unser Hauptthema. Unser Hauptthema ist die Tatsache, dass wir im Einsatz sind, unser Hauptthema ist die Tatsache, dass wir eine große Reform vor uns haben. Diese Reform muss angegangen werden, und vor allen Dingen muss jetzt auch mal was passieren, denn bisher haben wir nur Ankündigungen und noch keine Umsetzung, und das sind die Dinge, die die Streitkräfte wirklich bewegen.

Welty: Wenn wir jetzt aber trotzdem noch mal kurz auf die Streueffekte schauen: Welche registrieren Sie da, was hören Sie aus der Truppe, von den Soldaten?

Kirsch: Also ich meine noch nicht mal so sehr den Streueffekt in die Truppe hinein, sondern den Streueffekt in die Gesellschaft hinein, was das In-Verbindung-Bringen von Minister zu Guttenberg und dem Doktortitel und uns angeht. Wenn ich mir zum Beispiel anschaue, dass wir vermehrt in Satiresendungen auftauchen und in diesen Zusammenhang gebracht werden, und ich denke, der Karneval wird noch das Übrige dazu tun, dann finden wir das nicht gut. Was unsere Frauen und Männer im Einsatz angeht, das kann ich Ihnen ganz klar sagen: Die registrieren das fast gar nicht, was hier in Deutschland passiert, und die sind wesentlich mehr betroffen, im Übrigen gerade auch die, die im Kosovo sind, über die wird ja schon kaum mehr geredet, die sind genau so betroffen wie die Kameraden in Afghanistan. Das ist das, was uns umtreibt. Und was den Streueffekt angeht in die Truppe hier in Deutschland, kann ich nur sagen: Ja, da wird das anders gesehen, da ist aber auch sehr viel Unverständnis da, dass das also solche Wellen geschlagen hat. Auf der anderen Seite sage ich Ihnen ganz persönlich, es wird die Universität Bayreuth ja zu klären haben, wie denn mit dem Doktortitel umgegangen wird, und das sollte man jetzt einfach mal abwarten, zumindest habe ich die Gelassenheit ganz persönlich, das abzuwarten, wie das Ergebnis ausschaut. Dass der Minister jetzt sagt, er gibt den Doktortitel zurück, ist seine persönliche Entscheidung.

Welty: Versuchen wir doch noch mal ein bisschen etwas Positives zu sehen, wenn wir in die Zukunft blicken …

Kirsch: … das mache ich gerne, ja …

Welty: … könnte es nicht sein, dass Ihnen als Interessensverband es ein bisschen leichter fällt einen Minister zu beeinflussen, für Ihre Sache zu begeistern, der vielleicht nicht ganz so stark ist, der nicht ganz so fest im Sattel sitzt?

Kirsch: Nein, das kann ich nicht bestätigen. Also ich habe bei allen Gesprächen, die ich bisher mit Minister zu Guttenberg hatte, die Dinge sehr gut ansprechen, durchsetzen können, um die es uns gehen muss. Und es muss natürlich dann durch ihn letztendlich auch mit dem Bundeskabinett und mit der Bundesregierung umgesetzt werden. Insofern ist er ja auch gar nicht alleine gefragt, sondern, wenn Sie mal an die Sparauflagen denken, das ist ja nicht eine Entscheidung, die er persönlich trifft, sondern das ist ja eine Sache, die jetzt erst mal der Finanzminister vorgegeben hat und wo die Kanzlerin noch gefragt sein wird zu entscheiden, aber vor allen Dingen auch die Haushaltspolitiker. Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn wir mal wieder zu den Sachthemen zurückkommen könnten, und da haben wir wahrlich genug. Und es geht jetzt um die Frage, Anfang März, wie werden diese Streitkräfte finanziert auf der Grundlage der Steuerschätzung. Im Top-Down-Verfahren wird der Bundesfinanzminister sagen, wie viel Geld er denn dem Bundesminister der Verteidigung zur Verfügung stellt. Und da müssen wir mal schauen, wie sich dann die Streitkräfte entwickeln. Das sind doch die Kernfragen!

Welty: Und darüber sprechen wir beim nächsten Mal!

Kirsch: Das mache ich gerne, ja!

Welty: Die Causa Guttenberg aus der Sicht von Ulrich Kirsch, Vorsitzender des Bundeswehrverbandes. Ich danke für Ihre Einschätzung!

Kirsch: Gerne!

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