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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.09.2014

IrakKermani: Religiöse Minderheiten ohne Zukunft

Orientalist befürchtet starke Regionalisierung des Landes

Navid Kermani im Gespräch mit Nana Brink

Ein irakischer Shiit trägt einen Schirm mit dem Umirssen des Iraks. (AFP/Wissam Al-Okaili)
Ein irakischer Shiit trägt einen Schirm mit dem Umirssen des Iraks. (AFP/Wissam Al-Okaili)

Einen Irak mit religiöser Vielfalt werde es nicht mehr geben, sagt Navid Kermani. Der Schriftsteller glaubt nicht, dass das Christentum als prägende Kultur im Irak noch eine Zukunft hat - das Misstrauen sei gewaltig.

Nana Brink: Seit Anfang August fliegen die USA schon Luftangriffe auf Stellungen der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak, heute Abend, sozusagen am Vorabend von Nine-Eleven, jenes symbolkräftige Datum in der amerikanischen Geschichte und der Anfang des Irak-Krieges. Also heute Abend nun will Präsident Obama seine Strategie für den Kampf gegen den IS verkünden, der die Welt mit seinen Gräueltaten aufgeschreckt hat.

Und zu einem militärischen Vorgehen gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat hat auch der Schriftsteller Navid Kermani aufgerufen. Er ist Orientalistikprofessor, hat Bücher geschrieben über "Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime", und er recherchiert gerade im Irak, und da erreichen wir ihn auch.

Einen guten Morgen, Herr Kermani!

Navid Kermani: Guten Morgen!

Brink: Sie sind seit ein paar Tagen im Irak unterwegs, waren auch in Bagdad - wen konnten Sie treffen?

Kermani: Ich war zunächst im Süden, in Nadschaf und Kerbela, da, wo auch die schiitische Geistlichkeit ist. Dort blieb ich einige Tage. Dann war ich Richtung Bagdad gereist. Im Süden habe ich vor allem Geistliche getroffen, hochrangige Ayatollahs und auch den höchsten, Großayatollah Sistani, während ich in Bagdad Kollegen getroffen habe und vor allem auch durch die Stadt gezogen bin.

Brink: Und wie sind die Reaktionen bei Ihren Gesprächspartnern auf die Hilfe des Westens oder auch auf den angekündigten Kampf gegen IS, den die USA ja vorausgesagt haben?

"ISIS wird als westliche Kraft gesehen"

Kermani: Das kommt natürlich sehr darauf an, wen ich treffe. Die meisten finden die Luftschläge der Amerikaner - begrüßen das im Prinzip. Man sieht, dass es ohne diese Luftschläge wahrscheinlich zu einem Vormarsch der ISIS in den Norden gekommen wäre. Andererseits wird auch die Bedeutung der Luftschläge etwas relativiert.

Zum Beispiel der Vormarsch der ISIS in den Süden, nach Bagdad, nach Hamarai, ist ja nicht durch die Luftschläge gestoppt worden, sondern mit Schiiten, die sind ja der Fatwa des Großayatollahs Sistani gefolgt, die ISIS zu bekämpfen. Das heißt, die große Bedeutung wird hier etwas relativiert. Vor allem, und das macht man sich im Westen einfach nicht klar genug: ISIS wird als westliche Kraft gesehen.

Die Unterstützung durch die Saudis und durch die Golfstaaten für ISIS, die ja sehr stark war, die wird als westliche Unterstützung gesehen oder wahrgenommen, zu Recht oder zu Unrecht, weil die Saudis eben der engste Bündnispartner des Westens im Nahen Osten sind. Und das, was Saudi-Arabien macht, wird als westliche Politik wahrgenommen. Dies Ausmaß, was das wirklich für die Wahrnehmung des Westens bedeutet im Nahen Osten und vor allem im Irak, das macht man sich, glaube ich, in Europa gar nicht so recht deutlich.

Brink: Da würde ich gerne noch einmal anhaken: Ist das denn dann so, dass die Menschen, also zumindest die, mit denen Sie sprechen können, sagen, das kommt eigentlich nicht aus dem Irak - also, der Islamische Staat ist etwas, was eigentlich nicht zu uns gehört oder je gehört hat?

Regierung in Bagdad hat versagt

Kermani: Was ganz klar ist, ist, dass der Islamische Staat nicht so weit vorgedrungen wäre, wenn es nicht ganz starke Kooperationen mit Kräften im Irak gegeben hätte. Das sind aber weniger die religiösen Kräfte im Irak als vielmehr die alten Eliten der Baath-Partei und die sunnitischen Stämme, die eine gar nicht so sehr religiöse Agenda haben als vielmehr eine national-ethnische oder konfessionelle Agenda haben.

Es ist ja kein rein sunnitsch-kritischer Krieg. Wir sehen, dass die Kurden, die ja gegen ISIS kämpfen, ebenfalls Sunniten sind. Also rein in das Schema Sunna-Schia passt das ja gar nicht, weil die sunnitischen Kurden an der Seite der Schiiten gegen die sunnitischen Extremisten kämpfen. Aber was ganz klar gesehen und worauf hingewiesen wird, dass die Regierung in Bagdad wirklich auf dramatische Weise versagt hat und dass ISIS nicht so weit vorgedrungen wären, wenn es nicht auch starke Kooperation bis in die höchsten Stellen des Staates innerhalb des Irak gegeben hätte.

Brink: Sie haben es schon angedeutet: Der Irak ist, oder vielleicht muss man ja sagen, war ein Land mit vielen Religionen, vielen Ethnien. Ist denn davon überhaupt noch etwas übrig geblieben?

Der Autor Navid Kermani liest am 13.03.2014 in Köln im Rahmen des internationalen Literaturfestival lit.cologne. (picture alliance/dpa/Horst Galuschka)Der deutsch-iranische Autor Navid Kermani (picture alliance/dpa/Horst Galuschka)

Kermani: Na ja, in den Flüchtlingslagern schon, da sammeln die sich ja. Ich glaube, den Irak und den Islam wie es ihn gab und wie er 1.400 Jahre, 2.000, 3.000 Jahre existiert hat, wo - gut oder schlecht, ich meine, nicht, dass die Minderheiten hier alle gleichberechtigt waren, aber, anders als in Europa, haben sie immerhin überlebt, die Minderheiten. Also was es hier alles an Religionen, an Sprachen gibt, das ist ja unglaublich.

Was ist denn die Vielfalt? Von der weiß man in Europa ja kaum was. Aber ich glaube, diesen Irak wird es so nicht mehr geben. Wahrscheinlich wird es zu einer sehr starken Regionalisierung kommen. Die Sunniten werden sich im Westen, Nordwesten konzentrieren. Bagdad wird immer schiitischer werden, der Süden ist ohnehin schiitisch. Die Kurden machen ihre Sache, und wer halt rausfällt, sind die ganzen Minderheiten, allen voran die Christen und die Jesiden.

Brink: Aber die Christen und die Jesiden können ja nicht, wie die Kurden, in ein anderes Gebiet fliehen. Haben die überhaupt noch eine Chance in einem Land namens Irak?

Christen ohne Zukunft im Irak

Kermani: Ich befürchte, nicht. Natürlich wird es hier und dort Christen geben, aber ich glaube, als eine Kultur, als eine Religion, die den Irak geprägt hat, so wie ja auch die Juden den Irak geprägt haben bis etwa 1949, als eine solche wirklich wichtige Kraft für den Irak, die zur irakischen Kultur gehört, die dieses Land ausmacht - ich befürchte, das klingt jetzt sehr bitter, und man könnte darüber fast weinen, aber ich glaube, dass die Christen da - ja, ich sehe nicht, wie die eine Zukunft haben könnten. Also nicht mehr so, wie sie das einmal hatten, wie wir das hatten.

Brink: Eint denn dann die Angst vor dieser Terrorgruppe Islamischer Staat die anderen Religionen?

Kermani: Ja, also natürlich, die Schiiten haben auch ganz klar erklärt, die oberste Stelle, dass sie, die Christen, dass sie solidarisch sind. Die nehmen auch christliche Flüchtlinge auf. Die Kurden ja sowieso, das sind ja auch keine Westler, sondern das sind ja auch Muslime und Iraker. Auch die nehmen die Christen auf. Nur, das sind ja Notlösungen.

Das ist ja nicht so, dass es dauerhaft, dass die Christen, wenn sie in Kurdistan oder im schiitischen Süden sind, sind sie ja aus den eigenen Häusern vertrieben und dann ist ihre angestammte Heimat auch verloren. Und das Misstrauen vor allem zwischen den Konfessionen, zwischen Schiiten und Sunniten, das ist natürlich jetzt auch gewaltig, denn gerade die Kooperation von Teilen der sunnitischen Bevölkerung mit ISIS, dass man auf die Häuser der Schiiten, auf die Häuser der Christen, auf die Häuser der Jesiden gezeigt hat - das mögen nicht alle gewesen seien, aber es waren eben doch auch offenbar einige, die es gemacht haben - das Misstrauen gegen die ehemaligen Nachbarn, das ist gewaltig. Wie die wieder zusammen leben wollen in einem Dorf, friedlich - das sehe ich nicht recht.

Brink: Der Schriftsteller Navid Kermani, gerade im Irak unterwegs für das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Danke für die Zeit und alles Gute für die Reise weiterhin!

Kermani: Bitte schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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