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Thema / Archiv | Beitrag vom 29.01.2009

Internet-Blogs im Unterricht

Pädagoge Christian Spannagel plädiert für den Einsatz von Web 2.0 in der Schule

Christian Spannagel im Gespräch mit Dieter Kassel

Spannagel: Web 2.0 als Ergänzung zum klassischen Unterricht.  (Kölnmesse)
Spannagel: Web 2.0 als Ergänzung zum klassischen Unterricht. (Kölnmesse)

Interaktive Publikationsformen im Internet wie Blogs und Wikis sollen nach Ansicht von Christian Spannagel stärker Eingang in Unterrichtsmethoden finden. Dabei müsse man die neuen Technologien mit anregenden Inhalten verbinden, da sich die Motivation für die Nutzung sonst schnell verbrauche, meint der Juniorprofessor.

Dieter Kassel: In den USA haben Blogs mit dazu beigetragen, die Präsidentenwahlen zu gewinnen, das ist relativ unumstritten. Und wenn das interaktive Internet, das Web 2.0, Wahlen entscheiden kann, dann ist es nicht sehr überraschend, dass immer mehr Pädagogen die Zukunft der Schule auch in Verbindung mit den Möglichkeiten des Web 2.0 sehen. Schule 2.0 ist zwar womöglich doch noch einiges mehr als das, aber Blogs und beispielsweise Wikis – wir werden gleich klären, was das in diesem Zusammenhang bedeutet –, die können schon jetzt im Unterricht eingesetzt werden und werden es auch, wenngleich in Deutschland wahrhaftig noch nicht gerade flächendeckend. Christian Spannagel, Juniorprofessor an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, beschäftigt sich schon seit einer Weile mit dem Einsatz von Computern und auch dem Netz an Schulen. Mit ihm bin ich jetzt telefonisch verbunden. Schönen guten Tag, Herr Spannagel!

Christian Spannagel: Hallo!

Kassel: Fangen wir mit dem Blog mal an. Blogs sind natürlich ein weites Feld, früher hat man immer als Synonym zur Erklärung so ein bisschen gesagt, Internettagebucheinträge, was – wie wir ja heute wissen – im Netz ja alles sein kann, vom privaten Blödsinn bis zu interessanten journalistischen Sachen. Was kann denn ein Blog in der Schule bringen?

Spannagel: Wenn Schüler eigene Blogs führen, dann können sie über bestimmte Themen ihre eigenen Gedanken aufschreiben, reflektieren und so weiter. Beispielsweise kann man einen Webblog einsetzen im Sprachenunterricht Deutsch, die Schüler lesen ein Buch und schreiben immer wieder, an Aufgaben orientiert, ihre eigenen Gedanken in das Blog. Vorteil dabei ist, dass auch die anderen Schüler die Gedanken ihrer Mitschüler lesen können und dann gleich auch kommentieren können, so dass sich gewisse kleine Diskurse bei den Beiträgen entwickeln oder anderes Beispiel: Die Schüler schreiben Blogs in einer fremden Sprache, also beispielsweise in Englisch, und könnten sich dann auch über das Internet mit Schülern austauschen, die beispielsweise in England sitzen, Australien oder Amerika, und deren Blogs lesen und mit denen Diskurse führen.

Kassel: Das zweite Beispiel leuchtet mir ein. Wenn wir bei dem ersten bleiben, zum Beispiel Deutschunterricht – was ist der Vorteil, in einem Blog sich über zum Beispiel einen Roman auszutauschen, im Vergleich zu im Klassenzimmer sitzen und einfach mit den anderen Schülern sprechen?

Spannagel: Das kommt darauf an, wie man den Blog einsetzt. Wenn man die Blogs so führt, dass tatsächlich auch andere Personen mitlesen können, dann könnte man beispielsweise auch Diskurse zwischen verschiedenen Klassen führen oder man könnte beispielsweise auch den Autor des Buchs mit einladen. Manche Menschen sind ja bereit, dann auch dort miteinzusteigen, so dass die Schüler auch ein Feedback von außen bekommen, also beispielsweise vom Autor. Das ist natürlich eine starke Motivation, wenn sich da Personen von außen mit in den Diskurs einklinken.

Kassel: Welche Rolle spielt der Lehrer, die Lehrerin?

Spannagel: Der Einsatz von Web 2.0 generell hat einen stark konstruktivistischen Einschlag, das heißt, es wird davon ausgegangen, dass das Wissen von den Lernenden selbst konstruiert wird, das heißt, die Schüler schreiben ihre Gedanken beispielsweise zu einem Buch auf, und der Lehrer und die anderen Mitschüler lesen das, und der Lehrer ist also mehr ein Strukturierer von Lernumgebungen, mehr ein Berater als jemand, der sich jetzt vorne hinstellt und einfach das Wissen vermittelt.

Kassel: Das heißt, ein Blog ist, so wie Sie das jetzt beschrieben haben, es gibt natürlich unterschiedliche Varianten, aber im Wesentlichen eine Ergänzung oder vielleicht ein Ersatz für die Hausarbeit. Dieses naive Bild, da sitzen jetzt 25 Schüler im Klassenraum vor den Computern und bloggen, das ist falsch?

Spannagel: Man muss natürlich die Situation nutzen, also wenn beispielsweise die Schüler alle in einem Zimmer sind, im Klassenraum, dann kann man den Diskurs natürlich auch direkt führen. Web 2.0 sehe ich generell eher als Ergänzung zum klassischen Unterricht, also nicht, dass die Schüler jetzt alle nebeneinander sitzen und über das Internet kommunizieren, sondern dass tatsächlich auch in Hausarbeit oder im Diskurs mit anderen außerhalb der Klasse dann diskutiert wird.

Kassel: Reden wir mal über die Möglichkeit, im Unterricht als Ergänzung oder auch nicht mit Wikis zu arbeiten. Da sagt vielleicht der eine, was um Himmels Willen, ist das? Das bekannteste Wiki kennt nun fast jeder, das ist Wikipedia, das Online-Lexikon. Was kann man denn nach diesem Prinzip in der Schule machen?

Spannagel: Wikis sind ja generell Systeme, in denen man gemeinsam an Texten schreibt. Man kennt das ja auch aus anderen Situation, dass man sich ein Textdokument hin- und hermailt und da gemeinsam dran arbeitet, wenn man als Dreierteam beispielsweise einen Text produzieren soll. Das ist in Wikis sehr viel einfacher, weil man nämlich auf der einen Seite von jedem Rechner aus auf denselben Text zugreifen kann, auf der anderen Seite sich auch die Versionen erhalten. Man kann also immer wieder auf die alten Versionen zurückgreifen, so dass man im Unterricht Schüler gemeinsam einen Text erarbeiten lässt zu einem bestimmten Thema, und diese praktisch flexibel an diesem Text arbeiten können, ohne Gefahr zu laufen, dass versehentlich ein Mitschüler alles löscht und alles ist weg, weil man immer wieder auf die alten Versionen zurückgreifen kann.

Kassel: Wir reden im Deutschlandradio Kultur gerade mit Christian Spannagel, Juniorprofessor an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg über die Möglichkeit, das Web 2.0 im Schulunterricht einzusetzen. Es wird zwar, Herr Spannagel, in Deutschland nun nicht gerade flächendeckend permanent eingesetzt, aber offenbar doch intensiv genug, um auch schon wieder Gelegenheit zum Meckern zu geben. Es gibt erste Lehrer, die haben das probiert und haben dann erzählt, na ja, das war ein bisschen nur am Anfang gut, ein paar Wochen lang waren die Schüler begeistert und danach haben sie die Blogs, haben sie die Wikis nicht mehr interessiert, da wurde das langweilig. Woran liegt das, wenn es denn stimmt?

Spannagel: Das Phänomen kennt man eigentlich häufig, wenn man versucht, neue Technologien im Unterricht zu etablieren. Wir haben eine anfängliche motivationale Wirkung, weil es einfach was Neues ist, und die Motivation lässt natürlich über einen gewissen Zeitraum nach, wenn man nur auf diesen Neuigkeitseffekt gesetzt hat. Man muss natürlich die Motivation aus anderen Quellen dann ziehen als dem Medium an sich, sondern aus den spannenden Projekten, die die Schüler gemeinsam durchführen, ich nehme jetzt ein anderes Beispiel, Physikunterricht, gemeinsam ein Experiment ausarbeiten, und das durchführen, und darüber im Wiki einen Experimentierbericht schreiben oder ähnliches. Da muss natürlich dieses Projekt spannend sein und das Medium muss in gewisser Weise unterstützend und hilfreich sein. Nur auf das Medium als Motivator zu setzen, das ist zu kurz gegriffen, dann lässt es relativ schnell nach.

Kassel: Mit anderen Worten: Wenn ein Lehrer das, was er seit Jahren im Frontalunterricht vor der Klasse erzählt und es hört keiner mehr zu, wenn er das im Blog im Internet reinschreibt, dann wird es auch nicht besser.

Spannagel: Genau, ja. Man muss grundsätzlich natürlich anregende Inhalte oder anregende Aktivitäten bieten. Ich glaube aber, dass das Web 2.0 gewisse Strukturen bietet, die auch es einfacher machen, schüleraktivierende Situationen umzusetzen, so dass sie vielleicht als Katalysator dienen können, solche spannenden Situationen tatsächlich dann auch im Unterricht zu implementieren.

Kassel: Das war jetzt ein bisschen Pädagogikdeutsch, "schüleraktivierende Situationen umzusetzen", wie könnte das konkret aussehen?

Spannagel: Also, dass die Eigenaktivität der Schüler mehr im Mittelpunkt steht im Gegensatz zum klassischen Frontalunterricht, bei dem der Lehrer vorne steht, etwas präsentiert oder im Schüler-Lehrer-Gespräch sozusagen Antworten von den Schülern erfragt, die im Prinzip vorher schon feststehen, sondern dass man Situationen herstellt, in denen Schüler an motivierenden, komplexen Fragestellungen gemeinsam arbeiten, und ich glaube, dass da auch diese Web 2.0-Tools ein gutes Medium bieten, um eben innerhalb der Gruppe den Diskurs zu führen, um dann später auch die Präsentation auszuarbeiten und die dann der Klasse vorzustellen.

Kassel: Wann immer es um neue pädagogische Konzepte geht – in der Regel redet man immer kurz nach irgendwelchen PISA- und ähnlichen Studien darüber, wir machen es mal zwischendurch jetzt gerade –, wird auch erwähnt, dass es ein Problem bei der Pädagogenausbildung oft gibt, wenn es um moderne Inhalte, um moderne Formen der Vermittlung vor allen Dingen geht. Wie ist denn das mit Web 2.0 und Internet, so, wie sie es beschrieben haben, in der Schule? Wenn jemand heute Lehrer wird, lernt er da schon was drüber?

Spannagel: Nach meinem Geschmack noch zu wenig. Wenn man in bestimmten Richtungen studiert, also ich beispielsweise bin im Fachgebiet Informatikdidaktik tätig, die Studenten, die bei mir in den Seminaren sitzen, lernen das einfach, weil sie sich auch mit Informatik und Computern auseinandersetzen. Es kann durchaus sein, dass man andere Fächer studiert, ohne jetzt mit den Web 2.0-Technologien konfrontiert zu werden. Mein Wunsch wäre es, dass das noch stärker auch in die Lehramtsausbildung aufgenommen wird, aber nicht nur das, sondern auch die Lehrer, die bereits ausgebildet sind, mehr Möglichkeiten haben, sich damit auseinanderzusetzen und das kennenzulernen. Meine Studenten haben jetzt gerade eine Community gegründet, die Maschendrahtcommunity, die genau dafür eingerichtet wurde, nämlich dass Lehrer, Studenten, Referendare dort auch eine Anlaufstelle haben, um mit anderen im Austausch – auch in der direkten Nutzung von Web 2.0-Tools –, sich austauschend dann zu informieren, Anregungen zu holen, Unterrichtsideen, was man machen kann, was man beachten muss.

Kassel: Wir wissen ja aus verschiedenen Untersuchungen, dass der Erfolg von Jungs und Mädchen in der Schule in Deutschland stark – sicherlich zu stark – davon abhängig ist, aus welchem Elternhaus sie kommen, vereinfacht ausgedrückt wissen wir: Bildungsferne Haushalte produzieren meistens Kinder, die an der Hauptschule, an der Realschule bleiben, und da nicht sehr erfolgreich sind, bildungsnahe Kinder landen dann schon eher mal auf dem Gymnasium. Was bedeutet das für den Einsatz dieser Web 2.0-Techniken im Unterricht? Ich meine, gut, Internet – setzen wir mal voraus – haben die meisten, wenngleich auch nicht alle, aber lassen wir das mal außen vor. Wir wissen, dass ja auch der Computer je nach Bildungshintergrund sehr unterschiedlich benutzt wird. Für den einen ist das ein reines Spaßinstrument und für den anderen eben eine Wissensquelle.

Spannagel: Ja. Daher halte ich es für ganz wichtig, dass das im Unterricht gemacht wird, weil natürlich in Verbindung mit den Web 2.0-Anwendungen auch gewisse Gefahren einhergehen, insbesondere auch im privaten Bereich. Alles das, was diskutiert wird unter Datenschutz, Persönlichkeitsrecht, Urheberrecht und so weiter, das sind alles Dinge, Fallen, in die Schüler sehr schnell hineintappen. Deswegen ist es ganz wichtig, dass insbesondere auch an Hauptschulen und an Realschulen diese Gefahren auch angesprochen werden von Web 2.0-Anwendungen, und auf der anderen Seite aber auch gezeigt wird, wie man diese wirklich sinnvoll und auch zur Wissensaneignung verwenden kann, insbesondere auch deswegen, weil unter Umständen der ein oder andere Schüler aus einer armen Familie keinen Computer zu Hause hat, und da wäre es natürlich ein absoluter Bildungsnachteil, wenn man dann zum Beispiel in der Hauptschule auch das nicht mal im Unterricht machen würde.

Kassel: Christian Spannagel, Juniorprofessor an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, über die Einsatzmöglichkeiten des Web 2.0 im Schulunterricht.

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