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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 23.09.2015

Internatsstreit nach 60 JahrenKlassenkampf in Schulpforta

Von Florian Felix Weyh

Das Landesgymnasium Schulpforta bei Bad Kösen in Thüringen. (picture alliance / dpa / Foto: Hendrik Schmidt)
Das Landesgymnasium Schulpforta, einem Ortsteil von Naumburg im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt (picture alliance / dpa / Foto: Hendrik Schmidt)

Das Internat Schulpforta in Sachsen-Anhalt war in der NS-Zeit eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt. Zu DDR-Zeiten galt dort die Bildungspolitik der SED. Damit prallten ab den 50er-Jahren das bürgerliche und das Arbeitermilieu aufeinander, mit Auswirkungen bis heute.

Traugott Eberhard: "Also hier hat er zumindest etwas zitiert, was ich gleich mal raussuchen muss hier aus diesen..."

Dietrich Müller-Römer: "Der steht falsch drin. 'Adverbo', sagt der. Der hieß 'Averbo' bei uns, ohne das D. Aver­bo!"

Eberhard: "So viel Mühe habe ich mir gemacht, ihm alles genau zu schreiben!"

Dirk Heinecke:"Das auslösende Moment war mein 40. Geburtstag. Da hab ich mir noch mal ein Stu­dium geschenkt, endete mit einem Magister."

Eberhard: "Und hier habe ich es extra fettgedruckt."

Heinecke:"Und in der Verteidigung der Arbeit, die ich geschrieben hatte, da entstand dann die Idee, das auszubauen."

Hans Schubert: "Müsst ich nachschlagen. Müsste ich nachsehen, dass…"

Eberhard: "Ich kann das jetzt gar nicht mehr so differenzieren."

Müller-Römer: "Geschichte nur anhand der Dokumente ist ein falscher Blickwinkel, der reicht nicht aus!"

Schubert: "Also ich habe eine hohe Meinung von dem, was ich gelesen habe. Aber das, was unsere Klasse betrifft, das ist doch ein bisschen klischeehaft."

Eberhard: "Der weiß gar nicht, wovon er redet!"

Müller-Römer: "Gut, der Heinecke, das ist doch klar, der hat Schulpforta in der Zeit nicht erlebt, der konnte das gar nicht so richtig einschätzen!"

Eine "diamantene Abiturfeier" ist in Deutschland etwas Seltenes. Am 1. Juni 2012 versam­meln sich jedoch in der Landesschule Pforta die noch lebenden Absolventen des Abschlussjahrgangs 1952 zur Jubiläumsfeier. Sechzig Jahre ist es an diesem Tag her, dass sie in derselben Aula des im deutschen Geistesleben so berühmten Internats Schulpforta ins Leben verabschiedet wurden. Die beiden ehemaligen Klassen – der naturwissenschaftliche B- und der altsprachliche C-Zweig – sitzen allerdings nicht zusammen. Auch den Vorabend verbringt man getrennt. Die altsprachliche C-Klasse lässt nach einem gemeinsamen Abendessen den gegenwärtigen Geschichtslehrer der Schule, Dirk Heinecke, über jenen Zeitraum referieren, den diese Männer selbst als Schüler erlebt haben. Hei­necke hat ihn für seine vor dem Abschluss stehende Dissertation erforscht:

"Transformationsprozesse im Schulsystem der Sowjetischen Besatzungszone/frü­hen Deutschen Demokratischen Republik 1945 bis 1958 am Beispiel der ehemaligen Fürstenschule
und Nationalpolitischen Erziehungsanstalt Schulpforta."

"Also ich wusste vorher, dass das kompliziert ist",

...erklärt Dirk Heinecke heute.

"Der Stoff an sich, die Aktenlage, aber eben auch die Erinnerungen der Schüler. Wenn man am Ende seines Lebens zurückblickt, wie man geworden ist, was man geworden ist, dann sucht man ja immer auch die Punkte, die dazu geführt haben. Und da ist die Schule und das Internat natürlich ein ganz, ganz wichtiger Punkt. Ich wusste also vorher, dass das sehr kompliziert wird."

Die Stimmung ist bei diesem Vortrag im Juni 2012 von Anfang an gespannt. Offenbar ahnen die Zuhörer, dass Heinecke ihre Erinnerungen in Frage stellen will. Wird er auf ihre per Fragebogen vorab erhobenen Selbstaussagen eingehen? Wird er die Wahrheit sagen?

"Sehr unterschiedlich präsentierten sich die Interviewpartner allerdings schon bei der ´Kontaktaufnahme` heißt es in der inzwischen publizierten Dissertation."

Heinecke: "Es gab mehrere Formen von Reaktionen. Die eine Reaktion war zu sagen: ´Das hab ich alles schon mal erzählt, das will ich gar nicht noch mal von mir geben.` Einige waren sehr aufgeschlossen und einige haben gesagt, so was wollen sie gar nicht unterstützen, weil das immer ideologisch ausgelegt wird."

"Gerade aber diejenigen, die sich bereitwillig den Interviews stellten", so weiter die Promotionsschrift, "hatten sich im Laufe der letzten Jahre bereits in die Diskussion (...) eingebracht, in der Regel sogar mehrfach. Letztlich erschien es mir relevanter, auf die publizierten Erinnerungen zurückzugreifen."

Ob es dieses Bekenntnis ist, das Öl ins Feuer gießt, weiß ich heute, drei Jahre später, nicht mehr so genau. Aber ich erinnere mich, dass es in der anschließenden Aussprache emotional zugeht, dass Vorwürfe der Inkompetenz, zumindest der Ignoranz gegenüber dem Historiker laut werden. Das hat Gründe, die mit der exemplarischen Situation beider Abschlussklassen zusammenhängen. Zitat:

"Mit dem Abiturjahrgang 1952 erreichten die Spannungen innerhalb der sich verändernden Pfortenser Schülerschaft einen gewissen Höhepunkt. Man kann bei den Auseinandersetzungen im wortwörtlichen Sinne von einem ´Klassenkampf`sprechen, in dem die Konflikte der großen Weltanschauungen quasi per se auf eine persönliche Ebene geholt wurden."

Die Anwesenheit eines Journalisten – nämlich meine eigene – ist an diesem Abend zufälliger Natur: Ich habe meinen Schwie­gervater, der in der Sendung nicht zu Wort kommt, zu dieser Veranstaltung gefahren und bin dann aus Interesse zum Vortrag geblieben. Nun werde ich zum ungeplanten Ohrenzeugen. Aber das ist mehr als drei Jahre her, und Aufzeichnungen existieren nicht. Was kann ich wirklich darüber berichten?

Heinecke: "Wir alle waren Zeitzeugen des 11. September, aber was wissen wir? Das, was Betroffene von sich geben, ist ganz oft was anderes als das, was Augenzeugen sagen. Und das, was Zeitzeugen dazu sagen, das ist noch mal ne ganz, ganz andere Geschichte."

Ich bin Zeuge einer Emotion, die sich auf sechzig Jahre zurückliegende Vorfälle bezieht. Oder bezieht sie sich auf die über Jahrzehnte hinweg tradierte Erinnerung an diese Vorfälle, auf einen emotionalen Gedächtnisinhalt?

Heinecke: "Es gibt eine fortgeschriebene Erinnerung. Die Pförtner sehen sich ja als immergrünen Baum, der Blätter natürlich auch nach rechts und links trägt. Aber eigentlich das Entscheidende ist ja der große Stamm, der wächst. Und da werden Erinnerungen natürlich auch mitgegeben."

Zum ersten Mal Mädchen an der Schule

Erinnerungen an eine besondere Schulzeit.

Heinecke: "Speziell für diesen Zeitraum 49 bis 52, da prallten ja hier zwei Lebenswelten aufeinander, dadurch dass eine komplette Klasse aus Köthen hierher gekommen ist 49. Und damit auch zum ersten Mal Mädchen. Und das hat dafür gesorgt, dass hier eine Atmosphäre entstanden ist, die es so vorher noch nie gegeben hat."

Mädchen in einem Knabeninternat – das ist aufregend, aber wohl kaum ein Grund, sich bis heute damit zu beschäftigen. Allerdings stimmt: 1949 werden Schüler aus der Kleinstadt Köthen nach Schulpforta verpflanzt und bilden dort die B-Klasse des Abiturjahrgangs 1952. Ein Fremdkörper, denn die Köthener Schüler entstammen dem Arbeitermilieu, können kein Latein, stehen der Kirche fern. Und ja, sie zählen 17 Mädchen in ihren Reihen, für die im ehemaligen Kloster ein Trakt geräumt wird.

Heinecke: "´Backfischaquarium` hieß das. Und jeder, der ein Aquarium kennt, der weiß, da kann man von außen reingucken, sieht gut aus! Beobachtet man gern, und ab und zu fängt man sich einen Fisch!"

Reicht der pubertäre Wettkampf ums andere Geschlecht für ein Drama, das vom altsprachlichen C-Zweig seither wie ein Abwehrgefecht beschrieben wird? Nein – exemplarisch wird der Klassenkampf der Altsprachler mit den "Köthenern"...

Vice versa.

...durch die politischen Umstände, die bis heute die Diktion der Kontrahenten bestimmen.

Eberhard: "Also diese Zäsur ist eigentlich erst 1950 gekommen, als unsere Parallelklasse als ´fortschrittliche Klasse`– die in meinen Augen in manchen Figuren die Diktatur des Proletariats verkörpert hat –, als die die Oberhand aufgrund der umgestellten politischen Weichen bekommen hatte. Dank der FDJ."

Traugott Eberhard, Berlin. Mediziner. Altsprachliche C-Klasse.

Eberhard: "Und wir Elftklässler und Zwölftklässler mussten uns dann gefallen lassen, dass von aktiven FDJ-Mitgliedern, die in der 9. Klasse waren, unsere Spinde durchsucht wurden, und das war natürlich ein Wandel gegenüber anderen Zeiten, wo in herkömmlicher und natürlicher Form die Älteren etwas mehr zu den Jüngeren zu sagen hatten, als dass wir uns von Jüngeren sagen lassen mussten, was wir verkehrt machen!"

Schubert: "Das ist zum Beispiel der Punkt gewesen, der uns als neue Klasse 1949 sofort sauer aufgestoßen ist: Diese sogenannte Selbstverwaltung, die auf dem Prinzip beruhte, dass Ältere die Jüngeren erziehen."

Hans Schubert, Berlin, Historiker. Mathematisch-naturwissen­schaft­liche B-Klasse. Einer der "Köthener".

Schubert: "Dort war ja es üblich, als Strafen irgendwelche Lernaufgaben zu stellen. Also bei Ausgangsübertretungen oder so mussten die ´ein Kapitel lernen`, also aus irgendwelchen Schriften, Thukydides oder Herodot oder sonst irgendwas. Als wir kamen, ging das nicht! Also haben die bei uns zu Heimfahrt- oder Ausgangssperren gegriffen, und das tat weh! Und es waren immer die Älteren, die durch ihre Funktionen solche Strafen gegenüber den Jüngeren verhängten. Und das hat uns natürlich sofort erbittert, und wir haben nun die FDJ benutzt, um dieses System aufzubrechen beziehungsweise abzuschaffen."

Eberhard: "Das war ein Affront besonderer Güte."

Müller-Römer:"Arbeiter und Bauern – wir konnten die nicht liefern, den Hintergrund."

Dietrich Müller-Römer, Jurist und ehemaliger Geschäftsführer eines pharmazeutischen Betriebs. Bergisch-Gladbach. Altsprachliche C-Klasse.

"Aber interessant ist in dem Buch von Heinecke an einer Stelle, dass die Köthener, also die mit diesem anderen Hintergrund nach Schulpforta kamen, die wären also durch Krieg und Nachkrieg, durch die Not für den Kommunismus und für die neue Zeit der SED besonders anfällig gewesen. Das kann schon deshalb nicht stimmen, wir kamen ja aus genauso entwurzelten Verhältnissen!"

Tatsache allerdings ist, dass die altsprachliche Klasse, die sich 1946 konstituiert und 1952 das Abitur macht, ganz in der Tradition des alten Schulpforta steht, des bürgerlich-protestantisch geprägten Internats, dessen Umbau in eine Napola ..

Marxisten bringt dieser Zweig nicht hervor

Nationalpolitischen Erziehungsanstalt.

...zwischen 1935 und 45 der einzige ideologische Ausrutscher bleiben soll. So ver­sucht der kommissarische Rektor Robert Pahnke...

Im Kaiserreich selbst Absol­vent der Schule.

...nach Kriegsende, aus den alten Milieus von Pfarrhäusern, Beam­ten- und Akademikerfamilien seine Schüler zu gewinnen.

Schubert: "Unsere Parallelklasse zum Beispiel bestand ja zur Hälfte aus Pfarrerskindern."

Eberhard: "Da ich als Kind aus einer Pfarrersfamilie kam, hat man nun stillschweigend angenommen, dass ich dort reinpasse."

Doch so, wie sich in den Augen der kommunistischen Machthaber der erste Rektor als ungeeignet erweist und rasch wieder abgesetzt wird, erscheinen auch die Schüler aus den alten Bildungsschichten für die "neue Zeit" irgend­wie unpassend:

"Bezeichnend ist vielleicht in diesem Zusammenhang, dass aus der Abiturklasse 12C von 1952 mehrere Pfarrer und der Bischof von Magdeburg hervorgingen."

...heißt es in der Dissertation Dirk Heineckes. Bezeichnend hoch ist auch der Anteil derjenigen, die später in den Westen gehen oder in der DDR oppositionell agieren.

Müller-Römer: "Wir waren alle Nichtkommunisten! Die ganze Klasse. Es gab so einige Randerscheinungen, die sagen: ´Man muss sich ja arrangieren.` Aber Kommunist war keiner."

Marxisten bringt dieser Zweig nicht hervor – ganz im Gegensatz zur Parallelklasse aus Köthen. In der Selbstwahrnehmung des altsprachlichen Abiturjahrgangs passt demnach alles perfekt ins Muster einer geplanten Machtübernahme, deren Ziel die Abschaffung aller bürgerlichen Werte ist. Insgesamt drei Rektoren erleben die Schüler, und von Wechsel zu Wechsel verengt sich das ideo­logische Korsett. Auf Rektor Pahnke folgt Rektor Habenstein. Er laviert gegenüber der neuen Führung, um das Konzept der humanistischen Bildung in den Sozialismus hinüberzuretten, stößt dabei aber auf Widerstände. Dirk Heinecke:

"Dann gab’s ja das Konzept der Aufnahmeprüfung. Das hat Habenstein immer noch gemacht. Aber die Arbeiterkinder, die sich dort der Prüfung gestellt haben, die sind in der Regel durchgefallen. Und viele Arbeiterkinder haben sich deshalb erst gar nicht dieser Prüfung gestellt. Das war bekannt, dass man da nicht hingeht! Naja, und dann hat man gesagt: ´Okay, ab jetzt darf der Schulleiter nur noch ein Drittel der Schüler zur Prüfung einladen. Und die anderen, die werden gesetzt.`"

Mit den zugewiesenen Schülern macht sich ein Distinktionsproblem bemerkbar. Denn das angestammte Milieu will natürlich weiterhin den Ton angeben: 

Heinecke: "Das war das alte Bürgertum, bei dem musiziert wurde. Die konnten alle ein Instrument spielen oder zwei oder drei. Die waren belesen, die hatten zu Hause eine Bibliothek, die hatten Taschengeld! Und dann kamen Schüler, die konnten weder eine Fremdsprache, noch konnten die ein Instrument spielen, noch hatten sie Taschengeld. Natürlich stand man auf dem Standpunkt: Was wollen die armen Schlucker jetzt hier? Das ist so böse formuliert worden."

Auch Direktor Habenstein wird abgelöst – von einem Junglehrer, Kommunisten, Karrieristen. Im "Klassenkampf" des Abiturjahrgangs 1952 ist dieser Werner Ostrowitzki eine zentrale Figur, an der sich bis heute alle abarbeiten. Denn bereits als "fortschrittlicher" Geschichtslehrer beider Parallelklassen hinterlässt der offenkundig charismatische Mann einen nachhaltigen Eindruck – so oder so:

Schubert: "Uns hat beeindruckt, dass er relativ offen mit uns geredet hat, auch über politische Fragen. Damals wurde dann gerade das Fach Gegenwartskunde eingeführt, und das war in den ersten Jahren wirklich eine Katastrophe. Da hatten wir einen Lehrer, der erzählte dann nur, wie er mit der ME 109 zehn Meter Höhe über den Atlantik geflogen ist und alles solche Kriegserlebnisse! Und Ostrowitzki hat in seinem Geschichtsunterricht das doch ausgeglichen. Vor allen Dingen hatten wir das Gefühl, ernst genommen zu werden, einbezogen zu werden. Dass er uns eben auch so über die politische Lage und das Geschehen an der Schule informierte. Sicherlich gezielt."

Eberhard: "Schubert hat mir also auch in einer schwachen Minute bei unserem ersten Schultreffen nach dem Mauerfall in Schulpforta mir gestanden, dass sie von Ostrowitkzi diese Aufgabe gestellt bekommen haben, uns zu provozieren in politischer Hinsicht. Damit wir Material bieten, was dann gegen uns angewendet werden kann."

Schubert: "Es ist etwas Wahres dran. An der Schule tobte damals so die Auseinandersetzung. Ja, es ging also um die Durchsetzung des Einflusses der SED. Und Ostrowitzki hat dabei diese Auseinandersetzung zwischen unseren beiden Klassen, die besonders zugespitzt verlief, benutzt, um seinen Einfluss zu stärken."

Eberhard: "Wir haben ihn als Lehrer eigentlich immer nur negativ empfunden. Er wurde dann immer laut, und es wurde bei uns dann der Spruch geprägt: ´Was der Geist allein nicht schafft, versucht er mit der Stimme Kraft!`"

Schubert: "Naja, vielleicht in dieser Klasse! Vielleicht wird er irgendwie die kritische Distanz gemerkt und gespürt haben, er war ja nicht dumm, und hat entsprechend reagiert."

Heinecke: "Das kann man also auch in den Parteiakten lesen: Ostrowitzki war ein junger Lehrer, und der hat mit einem Teil der Schüler das sehr kumpelhaft abgetan. Und das muss die Köthener Klasse gewesen sein, jedenfalls gab’s dieses Verhältnis. Und in den Unterlagen habe ich das handschriftlich gefunden, dass Ostrowitzki wirklich sagt: ´Wenn ich Schulleiter werde, benutze ich die FDJ, um die Linie der Partei durchzusetzen.` Eins ist klar: Wenn ich eine Diktatur – auch wenn’s die Diktatur des Proletariats ist – verankern will und lebensfähig halten will, dann brauch ich die Jugend! Und die Jugend, die muss mein System tragen und vor allen Dingen fortentwickeln. Und deshalb ist die Bildungslandschaft natürlich ein ganz, ganz wichtiges Feld."

...in dem die Opfer den Machthabern und Akteuren so ziemlich alles zutrauen. Mythenbildungen sind die Folge.

"Es gibt keine reinen Fakten der Erinnerung", schreibt der Philosoph Hans Blumenberg. "Das bedeutet noch nicht, enthält aber als Möglichkeit: Erinnerung ist die Dimension der Kunst, der Herstellung eines Einzigen und Ganzen, eines der ´finalen` Romane im Wettbewerb mit dem Mythos."

Frühform der Zersetzung und Unterwanderung

Schon in den Erzählungen meines Schwiegervaters galt bei den Altsprachlern des Abiturjahrgangs 1952 die Überführung der Köthener Klasse nach Schulpforta als gesteuerte Aktion der SED. Sozusagen als Frühform der Zersetzung und Unterwanderung, wie sie später die Stasi mit Regimegegnern praktizierte. Dietrich Müller-Römer hat damals...

Müller-Römer: "...auch gedacht, das ist eine bewusste Infiltration, um eben Schulpforta rot zu machen."

Nach Lektüre der Doktorarbeit Dirk Heineckes amüsiert ihn das heute. Doch diese Annahme, der "Klassenkampf" könne kein Zufall gewesen sein, erregt noch auf der diamantenen Abiturfeier 2012 die Gemüter. Es ist den Anwesenden durchaus unange­nehm, mit der aus den Dokumenten ersichtlichen Faktenlage konfrontiert zu werden.

Eberhard: "Ich hab das Gefühl gehabt, dass er nun unsere Einschätzung dieser Zeit als subjektiv gefärbt hingestellt hat, die den objektiven Fakten nicht entsprechen würden."

Heinecke: "Tatsächlich ist passiert, dass eine Klasse hierher gekommen ist 49, die anders war als die Schüler, die hier waren. Und die hier aufgenommen worden sind, weil sie in Köthen weg mussten. Also hatte man gesucht: Wo ist noch irgendeine Schule, die Kinder aufnehmen, die keine Eltern haben, die Halbwaisen sind, die aber ´ne Internatsschule brauchen? Und da bot sich einfach Schulpforte an, weil hier Kapazität war."

Eberhard: "Das kann sein. Aber es war dann ein zufälliges Zusammentreffen für die Leute, die die Schulpolitik machten, dass das eben doch alles sehr – wie soll ich sagen? – SED-dis­tisch eingestellte Leute waren. Sie haben zumindest das Leben in der Pforte durch die Intoleranz geprägt, die sie ja nun mit ihrer Grundeinstellung der ´Diktatur des Proletariats` ­– ich wiederhole es! – gehabt haben. Es war vor Ort nachher die ständige Auseinandersetzung, die wir ´Reaktionäre` dann zu ertragen hatten."

Heinecke: "Der andere Punkt ist, dass diese neuen Schüler angefeindet worden sind, sich sofort nach außen abigelten, im Inneren solidarisierten, was dann noch mehr dazu führte, dass sie von außen angefeindet worden sind, sich noch mehr solidarisierten, und dann gab’s eben diesen berühmten Kreislauf."

Letztlich setzt sich noch Jahrzehnte nach dem Schulabgang dieser Kreislauf in einer Erinnerungspublizistik fort, die versucht, die Deutungshoheit über den "Klassenkampf" der Umbruchzeit zu behaupten. Im Westen sind es vor allem Aufsätze in der Zeitschrift des Pförtnerbundes...

Der Vereinigung ehemaliger Schulpforta-Absolventen. In der DDR ist der Pförtnerbund aus politischen Gründen inaktiv.

Im Osten werden nach der Wende umfangreiche Erinnerungsschriften der "Kö­thener" publiziert. Eine davon erhebt fachlichen Anspruch. Sie stammt aus der Feder des DDR-Historikers Hans Schubert, dessen Berufswahl auf den umstrittenen Rektor Ostrowitzki zurückgeht:

Schubert: "Ostrowitzki hatte so eine lockere Art, Dinge darzustellen. Und das hat eigentlich mein Interesse für Geschichte so befördert, weshalb ich das später dann auch zum Beruf gemacht habe. Das ist eigentlich seinem Geschichtsunterricht zu verdanken."

Schubert stößt auf dasselbe Problem, mit dem sich auch Dirk Heinecke konfrontiert sieht. Die Jahrhunderte alte Chroniken verzeichnen zwar jeden Schüler, der je in Schulpforta lebte und lernte...

Heinecke: "...aber in dieser historischen Bibliothek ist der Zeitraum ab 1945 sehr dünn besetzt. Viele Unterlagen sind tatsächlich 1990 verschwunden. Im wahrsten Sinne des Wortes!"

Schubert: "Ich muss Ihnen sagen, ich habe einen Verdacht, dass diese Akten gezielt aussortiert wurden. Man hat mir erzählt, das wäre der neue, nach der Wende eingesetzte Direktor gewesen. Das glaube ich nicht! Ich habe einen ganz anderen Verdacht: Weil man nach der Wende einen ehemaligen Lehrer – das war zugleich der letzte Parteisekretär der Schule, Geschichtslehrer – dort weiterbeschäftigt hat, weil er ja die Bibliothek und so bestens kannte. Und ich habe den wirklich im Verdacht, dass er gezielt alles, was irgendwie politisch brisant ist, aussortiert hat."

Also arbeitet die 2009 erschienene Schrift Hans Schuberts wie später auch Dirk Heinecke mit Fragebögen, autobiografischen Aufzeichnun­gen, aufgeschriebenen Erinnerungsmaterialien.

"Die Erinnerungen sind, was Daten anbetrifft, teils ungenau", schreibt Schu­bert, "aber alle Berichte machen den Eindruck großer Ehrlichkeit. (...) Nicht alle Berichtenden stimmten einer Veröffentlichung ihres Namens zu, deshalb werden sie (...) generell ohne Namen genannt."

Heinecke: "Wenn man sein Buch nimmt und Originale, die der Schule vorliegen, daneben legt, dann zeigt sich, dass eben einige Schüler-Erinnerungen, die anonymisiert sind, seine eigenen sind! Er hat sich also selber publiziert, ohne seinen eigenen Namen anzugeben. Also ich will das jetzt gar nicht wissenschaftlich irgendwie in eine Ecke stellen. Die Erinnerungen, die er dort verarbeitet, das sind die, die er vorher in so einer Fragewelle abgegeben hat! Es ist nicht so, dass er’s ins Buch selber reinschreibt, sondern er sagt: ´Damals hab ich das halt so geschrieben, dann kann ich’s genauso wie jeder andere seine Erinnerung eben auch verarbeiten.`"

"Große Ehrlichkeit" attestiert Hans Schubert seinen Quellen – ist das eine historische Kategorie? Liegt man richtig, wenn man sich als Zeitzeuge nur anständig Mühe gibt?

Heinecke: "Wir reden ja landläufig immer von Zeitzeugen. Dann gibt es die Augenzeugen, die die dabei waren, die es gesehen haben, aber vielleicht nicht alles verstanden haben. Und dann gibt’s die Zeitzeugen, auf die wir uns immer berufen, die dabei waren im weite­sten Sinne, aber vielleicht gar nichts wissen!"

...oder deren Wissen natürlicherweise von Interessen durchkreuzt wird. Wer vermag sich schon Rechenschaft darüber abzulegen, wann sein Gedächtnis einem Eigennutzen dient und wann es annähernd objektiv die Geschehnisse speichert? Nicht zuletzt hängt das davon ab, in welcher Position man sich befindet.

Heinecke: "Eigentlich muss man als Historiker unterscheiden zwischen Täter und Opfer. Das heißt aber, ein Täter kann auch zum Opfer werden oder ein Opfer zum Täter."

"´Das habe ich getan`, sagt mein Gedächtnis. ´Das kann ich nicht getan haben` – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach."

So Friedrich Nietzsche in einem treffenden Aperçu. Gerade in Konfliktfeldern mit Demütigungspotenzial ist auf den Kampf zwischen Gedächtnis und Stolz oder Scham wenig Verlass. So insistiert eine der autobiographischen Aufzeichnungen auf der Beobachtung, dass die Kö­the­ner nur "die Köter" genannt wurden.

Müller-Römer: "Das hab ich’s erste Mal gelesen. Das glaub ich nicht!"

Schubert: "Ich hab’s auch auf dem Zimmer erlebt. Ich war im Zehn-Mann-Zimmer der einzige aus dieser Klasse, und jaja! Da ging das auch so los."

Müller-Römer: "Solche Gehässigkeiten waren an sich nicht an der Tagesordnung, selbst wenn man politisch völlig kontrovers war."

Heinecke: "Dass die Köthener als ´Köter` bezeichnet worden sind, das entzieht sich meiner Kenntnis. Zumindest, sage ich mal, nicht als offizielles Schimpfwort."

Schubert. "Er versucht, das hier zu verharmlosen. Das hat… also mich hat’s getroffen! Andere auch."

Heinecke: "Aber manchmal wird das so empfunden: ´Der hat mich Köter genannt! Wir sind für die die Köter!` Und dann ist dieses kollektive Gedächtnis: ´Wir waren die Köter!`"

In dem Fall das Gedächtnis eines Klassenkollektivs. An ihm wird vom Abiturjahrgang 1952 seit Dekaden gefeilt, gehämmert und geschmiedet. Dirk Heinecke:

Heinecke: "Wenn ich zu einem Klassentreffen gehe, dann wird das ein harmonischer Abend. Und es gibt die Wortführer. Es gibt sicherlich auch Stimmen, die sagen ´Aber da war doch noch!` Aber dann kommt das kollektive Gedächtnis der anderen 19, die sagen: ´Nenene, das war so!` Und wenn ich ein Jahr später wieder zum Schulfest komme, dann hab ich das aufgenommen. Und wenn ich das 30 Jahre lang jedes Jahr dreimal höre, dann glaube ich’s am Ende selber."

Eine Schule mit einer besonderen Versammlungs- und Erinnerungstradition wie Schulpforta...

Jenseits des Pförtnerbundes mit seinen Treffen gibt es in allen Teilen Deutschlands ein jährliches Martinsgans-Essen, und beim Schulfest sind stets Absolventen früherer Jahrgänge willkommen.

...eine solche Schule arbeitet dementsprechend unermüdlich an ihrer eigenen Legendenkultur. Historiker unterscheiden zwischen dem kommunikativen und dem materiellen Gedächtnis. Das kommunikative reicht etwa 80 Jahre in die Vergangenheit zurück und transportiert – gleichsam wie ein Hefeteig der Geschichte – keine unveränderlichen, sondern im Kommunikationsprozess gärende und sich damit wandelnde Erinnerungen. Im materiellen Gedächtnis sind fixierte Dokumente aus den entsprechenden Zeiträumen bewahrt. Interessanterweise bleiben sie auch nicht starr – wenn sie nämlich ins kommunikative Gedächtnis hinüberdriften.

Heinecke: "Es gab eine Reihe von Elternbriefen, und viele Dinge, die dort standen, habe ich in den Interviews als Erlebtes wiedererzählt bekommen. Offensichtlich müssen viele Ehemalige diese Elternbriefe im Nachhinein gelesen haben, das als eigene Erinnerungen verarbeitet haben, ausgetauscht haben auf den Pförtnertreffen. So dass das dann auch als Gemeingut galt, weil viele Aus­sagen sich einfach deckten."

Müller-Römer: "Eine bewusste Abstimmung ist nie erfolgt. Aber man hat sich natürlich immer ausgetauscht."

Heinecke: "Die eigene Erinnerung wurde angeglichen an das, was sozusagen offiziell auch irgendwo geschrieben stand."

"Pointiert lässt sich zusammenfassend formulieren:"

...resümiert Dirk Heineckes Dissertation nach gut 400 Seiten.

"Die Transformation der Landesschule Pforta zu einer allgemeinbildenden sozialistischen (Heim-)Oberschule (später EOS) stellt sich als ein überaus langwieriger Prozess dar, der erst im Jahr 1958 (...) abgeschlossen werden konnte. Dieser Prozess war mit Druck, Repressionen, Intrigen und persönlichen Verunglimpfungen (...) verbunden..."

Heinecke: "Wenn sich jemand rächen wollte, weil die Klassen über einem einem die Mädchen ausspannen, dann konnte man das machen, indem man als FDJ-Sekretär demjenigen, der das getan hat, ´ne schlechte Beurteilung mitgegeben hat und damit das Studium versaut hat. Das war ganz konkret möglich!"

"... und konnte erst greifen, nachdem mehrmals gezielt Einzelpersonen beziehungsweise Personengruppen ausgetauscht worden waren."

Insofern irren die Zeitzeugen der altsprachlichen C-Klasse des Abiturjahrgangs 1952 in ihrem Glauben nicht, sie seien grundsätzlich Feindseligkeiten ausgesetzt gewesen. Sie täuschten sich nur lange über die Absichtlichkeit der Motive und die Zielstrebigkeit, mit der die kommunistische Führung Anfang der 50er-Jahre noch keineswegs durchgängig agierte. Die Unterwanderung der bürgerlichen Institution durch eine "rote" Klasse aus Köthen war kein perfider Plan.

Heinecke: "Dass man auf diese Weise in Schulpforte ganz konkret die Schule umgestalten konnte, das hat sich durch mehrere Zufälle ergeben. Das war weder kalkuliert noch angedacht."

Eberhard: "Das ist die Diktatur des Proletariats gewesen. Wenn man so will in kleiner Form, es wurde keiner getötet."

Heinecke: "Es gibt immer sozusagen den jugendlichen Opportunismus, in Verbindung mit den persönlichen Dingen. Und dann das, was man politisch daraus macht."

Schubert: "Eins ist mir schon durch meine engere Befassung mit den Schriften von Marx und so weiter klargeworden, dass wir teilweise wirklich uns wie Revoluzzer benommen haben! Also dieses Revoluzzertum, nur Krawall machen, zum Beispiel mit dem Fanfarenzug Gottesdienst stören und solche Dinge."

Müller-Römer: "Dem Heinecke verdanke ich verschiedene Informationen, die ich bisher noch nie gehört habe. Warum soll nicht selbst so ein linkslastiger Mensch wie der Schubert vielleicht noch was Neues finden, was das Bild abrundet? Aber die Wahrheit muss sehr sorgfältig herausgearbeitet werden."

...meint der pensionierte Jurist Dietrich Müller-Römer, wohl wissend, dass historische Wahrheitsfindung noch komplizierter ist als juristische. Doch 2015 klingen die Befragten deutlich moderater als noch 2012 bei ihrer diamantenen Abiturfeier, als ihre Entrüstung mit Händen zu greifen schien. Oder bin doch ich hier der schlechte Zeitzeuge, der auf der Suche nach spannenden Themen mehr Dramatik wahrnahm, als wirklich existierte?

"Jedes Ding hat drei Seiten."

...entlastet mich ein chinesisches Sprichwort.

"Eine siehst du, eine sehe ich, die dritte sieht keiner von uns beiden."

 

Literaturangaben:

Hans Blumenberg:
"Lebensthemen"
Reclam Verlag, Stuttgart 1998

Dirk Heinecke:
"Transformationsprozesse im Schulsystem der Sowjetischen Besatzungszone/frühen Deutschen Demokratischen Republik 1945 bis 1958 am Beispiel der ehemaligen Fürstenschule und Nationalpolitischen Erziehungsanstalt Schulpforta"
Dissertation an der FU-Berlin

Hanjo Kesting:
"Grundschriften europäischer Kultur"
Wallstein Verlag, Göttingen 2012

Hans Schubert:
"Schulpforta während der Zeit der SBZ/DDR (1945-1990). Ehemalige erinnern sich"
Projekte-Verlag, Halle 2009

 

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