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Thema / Archiv | Beitrag vom 05.12.2011

"Internationale Gemeinschaft hat ihre eigenen Interessen"

Afghanischer Bau-Koordinator ist zuversichtlich über weitere Hilfen für sein Land

Ahmad Shoaib im Gespräch mit Katrin Heise

Der afghanische Präsident Hamid Karsai (l) und Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) bei der 10. Afghanistan-Konferenz in Bonn. (picture alliance / dpa /Henning Kaiser)
Der afghanische Präsident Hamid Karsai (l) und Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) bei der 10. Afghanistan-Konferenz in Bonn. (picture alliance / dpa /Henning Kaiser)

Der Afghane Ahmad Shoaib sieht viele Baustellen in seinem Land. Die Sicherheitslage habe sich in den vergangenen zwei Jahren verschlechtert. Dafür seien viele Gebäude und Straßen entstanden. Alleine könne sich das Land aber nicht entwickeln, meint der Infrastruktur-Entwickler.

Katrin Heise: Ende 2014 geht der ISAF-Einsatz in Afghanistan zu Ende. Die Sicherheit im Lande soll dann von den Afghanen selbst gewährleistet werden. Aber einig ist sich die Weltgemeinschaft darüber, dass man Afghanistan bei dieser Aufgabe nicht alleine lassen kann. Und deshalb trifft man sich heute in Bonn mit Petersberg II zu umfangreichen Beratungen zur Zukunft Afghanistans. In den zehn Jahren seit den ersten Afghanistan-Gesprächen sind nicht nur die ISAF-Soldaten im Einsatz gewesen, es haben sich auch unendlich viele Hilfsorganisationen und staatliche Institutionen am Hindukusch engagiert, unter anderem der Deutsche Akademische Austausch Dienst, DAAD, der hat mehr als 2500 junge Afghanen unterstützt, ihr Land mit aufzubauen.

Einer von ihnen ist Ahmad Shoaib, der in Erfurt Public Policy studiert hat und nun als Projektentwickler und Koordinator in einer Firma tätig ist, die in Afghanistan am Aufbau von Straßen, Bewässerungskanälen und Schulgebäuden mitwirkt und zu diesem Zweck mit den internationalen Schutztruppen, der US-Armee und den afghanischen Ministerien zusammenarbeitet. Ich erreiche Herrn Shoaib am Handy und bitte eventuelle Empfangsprobleme zu entschuldigen.

Sie waren ja, Herr Shoaib, zwei Jahre zum Studium in Deutschland und sind vor zwei Monaten nach Afghanistan zurückgekehrt. Wie sehr hat sich Ihr Land in der Zwischenzeit, in diesen zwei Jahren verändert?

Ahmad Shoaib: Manche Sachen haben sich verschlechtert und manche Sachen haben sich verbessert. Zum Beispiel die Sicherheitslage hat sich verschlechtert. Vor zwei Jahren musste man sich keine Sorgen machen, auf der Straße mit dem Auto zu fahren oder in ländliche Gebiete zu fahren.

Heise: Sie haben also beobachtet, dass Sie vor zwei Jahren viel besser aufs Land fahren konnten. Das können Sie im Moment nicht mehr, das ist natürlich schwierig, denn wenn Sie als Projektentwickler arbeiten und Straßen bauen, dann müssen Sie ja über Land fahren. Das heißt, Sie haben sehr schwierige Arbeitsbedingungen?

Shoaib: Genau. Wir müssen unbedingt in die ländlichen Gebiete und zu den Projekten hinfahren. Und deswegen braucht man viel sogenannte Bodyguards. Mit Begleitung von Sicherheitskräften, Polizisten, kann man in die ländlichen Gebiete fahren, aber wenn man angegriffen wird, dann gibt es keine Garantie, dass man am Leben bleibt und lebendig zurück nach Hause kommt.

Heise: Was Sie uns da schildern, das ist ja ein Alltag, das ist ja ein Arbeiten unter Lebensgefahr. Mit welcher Motivation machen Sie das?

Shoaib: Das ist, was ich mache, und was ich liebe zu machen. Deswegen habe ich mich entschieden, also, ich habe das Risiko auch akzeptiert. Die Hauptsache für mich als einen Afghanen ist, dass, dieses Land braucht Leute, die in die Zukunft sehen. Ich habe hier eine Familie, Afghanen sind meine Leute. Was hier geschehen wird, wird für alle Afghanen geschehen, nicht nur für einige. Deswegen bin ich hier.

Heise: Sie haben gesagt, dass Sie auch Verbesserungen beobachten. Wo sind Verbesserungen?

Shoaib: Es gibt, glaube ich, viele Verbesserungen in der afghanischen Gesellschaft. Zum Beispiel die Infrastruktur ist viel besser als vor zwei Jahren. Man sieht viel bessere Straßen, Autobahnen, Kliniken zum Beispiel, bessere Schulen. Man sieht viel mehr privates Engagement hier in Afghanistan. Zum Beispiel, vor zwei Jahren hatte man keine privaten Universitäten hier. Und heutzutage hat man einige.

Heise: Die Afghanen sollen und wollen ihr Land ja vor allem eben auch selber wieder aufbauen. Sie haben das gerade angesprochen, dass es viel mehr private Initiativen auch gibt, viel mehr privates Engagement. Um diesen Aufbau voranzutreiben, braucht es ja natürlich auch Fachleute, Fachkräfte. Wie sieht es mit einheimischen Fachkräften in Afghanistan aus?

Shoaib: Die Situation der Fachkräfte ist leider sehr schlecht hier heutzutage. Wir haben viele Probleme, richtige Leute für unsere Projekte zu finden. Der Arbeitsmarkt ist hier leider sehr begrenzt. Die Universitäten können nicht viele Leute aufnehmen, aber ein ganz anderes Problem ist, dass viele ausgebildete Menschen sich entschieden haben, dass sie dieses Land verlassen müssen. Meistens wegen der Sicherheitslage.

Heise: Also wieder das Problem vor allem der mangelnden Sicherheit. Ahmad Shoaib, Projektentwickler und Koordinator in Afghanistan berichtet anlässlich der internationalen Konferenz zur Zukunft Afghanistans vom momentanen Zustand, von der momentanen Situation, die er in Afghanistan erlebt. Herr Shoaib, Sie koordinieren ja Projekte mit den ISAF-Schutztruppen und mit den afghanischen Behörden. Die Antikorruptionsbehörde Transparency International, die hat gerade einen Bericht zur Korruption veröffentlicht. Die Skala reicht von zehn, das wenig korrupt bedeutet, bis eins für extrem korrupt. Afghanistan liegt bei 1,5, also ganz extrem korrupt. Wie sind da Ihre Erfahrungen mit Korruption, gerade ja auch im Baubereich …

Shoaib: … ja, das stimmt, ich habe diesen Bericht auch gelesen. Leider sieht man am Anfang auch viele Fehler, wo man auch für einfache Sachen Geld geben muss. Meiner Meinung nach ist nach Sicherheit die Korruption das zweitgrößte Problem im Alltag. Zum Beispiel, wenn man sich einen Pass beantragt, muss man auch 500 Dollar hier bezahlen, damit man legal ein Pass bekommt.

Heise: Bestimmte Kräfte in Afghanistan haben ja sich auch die Anwesenheit der internationalen Hilfsorganisationen und die Anwesenheit der Soldaten ganz gut für sich nutzen können. So war ja zum Beispiel schnell klar, dass Hilfsorganisationen oder auch eben Truppen für geeignete Räumlichkeiten fast jeden Preis zahlen werden. Ist da auch viel Geld einfach durch so etwas, durch eigentlich die Anwesenheit von Hilfsorganisationen in falsche Kanäle geflossen?

Shoaib: Stimmt, das ist auch einer der Fehler der Korruption hier. Das Problem meiner Erfahrung nach ist, dass die Hilfsorganisationen keine bestimmten Pläne haben, die sie durchführen müssen. Die Hilfsorganisationen bekommen einfach das Geld der Staaten, zum Beispiel Deutschland oder USA, und sie müssen dieses Geld in diesem Finanzjahr ausgeben. Und das Problem ist, dass sie keinen bestimmten Plan haben, weil die Koordination mit der Regierung und mit der Gesellschaft nicht so gut ist. Deswegen wissen die Hilfsorganisationen meistens nicht, wo es den Bedarf gibt, wo man Projekte braucht, wo man Helfer braucht.

Die geben das Geld für Projekte, die sie verfolgen möchten, nicht für etwas, was man hier ehrlich braucht. Zum Beispiel der Bau von Straßen ist eine der Prioritäten hier in Afghanistan, weil man Infrastruktur für die Unternehmen und für die einfachen Staatsbürger braucht. Aber meistens ist das Geld, das sogenannte Aid-Money, für Autos zum Beispiel ausgegeben worden, für die Wohnung der Ausländer oder der Experten, die hier wohnen. Das ist auch ein Problem hier.

Heise: Ein Problem, das man ja auf jeden Fall in den Griff kriegen muss. Denn eigentlich, selbst wenn die ISAF-Schutztruppen bis 2014 abgezogen sind, sagt der ehemalige UN-Sondergesandte für Afghanistan Tom Koenigs, dass die internationale Gemeinschaft ja weiterhin beim Wiederaufbau des Landes helfen muss. Wie sehen Sie das, wird Afghanistan ohne ausländische Hilfe ansonsten zurechtkommen?

Shoaib: Leider ist das meiner Meinung nach momentan nicht möglich, weil, die afghanische Regierung konnte in den letzten zehn Jahren keine Projekte aufbauen, damit sie genug Geld aus unseren Ressourcen bekommen konnte, das heißt die Ressourcen aus Afghanistan, nicht Ausland. Ohne Helfer aus dem Ausland kann der Staat momentan das Gehalt seiner Arbeiter oder der Leute, die in der Regierung arbeiten, nicht bezahlen.

Heise: Also, einerseits ist Afghanistan allein gar nicht in der Lage, ohne ausländische Hilfe zurechtzukommen, andererseits muss man eben nach wie vor auf die Langfristigkeit der Projekte setzen. Herr Shoaib, bei all dem, was Sie uns jetzt auch erzählt haben: Mit wie viel Zuversicht schauen Sie in die Zukunft Ihrer Heimat?

Shoaib: Meiner Meinung nach wird sich nach dem Abzug der internationalen Truppen besonders die Sicherheitslage verschlechtern. Aber ich glaube, dass die internationale Gemeinschaft Afghanistan nicht so verlassen wird, denn so viel wurde hier investiert. Die internationale Gemeinschaft hat ihre eigenen Interessen hier.

Heise: Sagt Ahmad Shoaib, er arbeitet in Afghanistan für eine Firma, die Straßenbau betreibt und Schulen aufbaut. Er schilderte uns seine Eindrücke und Erfahrungen in Afghanistan im Moment. Herr Shoaib, vielen Dank für dieses Gespräch!

Shoaib: Vielen, vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Links bei dradio.de:

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