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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.01.2012

Ineffektiv, teuer, ungerecht

Harald Walach: "Weg mit den Pillen", Verlag Irisiana, München 2011, 256 Seiten

Harald Walach plädiert für einen Paradigmenwechsel im medizinischen System.
Harald Walach plädiert für einen Paradigmenwechsel im medizinischen System. (picture alliance / dpa)

In schöner Offenheit wirft der Psychologe Harald Walach dem konventionellen Gesundheitssystem Nutzlosigkeit und Dummheit vor. Statt eine hochgerüstete Interventionsmedizin zu fördern, müsse sich das Gesundheitssystem wieder dem Menschen in seiner Ganzheit zuwenden.

Pharmafirmen unterschlagen routinemäßig negative Studien, um Medikamente auf den Markt zu drücken. Schwerste Nebenwirkungen nehmen die Manager in Kauf, denn bis Klagen eintreffen, sind solch immense Gewinne erzielt, dass selbst hohe Strafen sich noch rechnen.

So leidenschaftlich und direkt geht der Psychologe Harald Walach in seiner Streitschrift "Weg mit den Pillen" seine Gegner an - ohne Scheu, Ross und Reiter beim Namen zu nennen. Für einen Paradigmenwechsel im medizinischen System plädiert der Autor, denn was momentan rund um Krankheit und Gesundheit betrieben werde, sei ineffektiv, teuer, ungerecht und vor allem: sehr dumm.

Die Maschinenmetaphern des 17. Jahrhunderts hätten sich wie eine kollektive Suggestion über uns gelegt, erläutert der Autor zu Beginn seines Buches, obgleich zahllose Erkenntnisse dagegen sprächen. Zum Beispiel die abschätzig als "Placebo-Effekt" bezeichneten Selbstheilungsfähigkeiten lebendiger Organismen. Mit beeindruckenden Forschungsdaten zeigt Harald Walach, dass selbst knallharte schulmedizinische Interventionen bis hin zu Operationen ihren Erfolg zu einem erheblichen Teil psychologischen Faktoren verdanken. Auch Medikamente entfalten ihre Wirkung häufig "wie Zwerge auf den Schultern der Placebo-Riesen".

Mitreißende Metaphern, eine lebendige Sprache, ein kluges Gespür für Dramaturgie - dass dies die erste populärwissenschaftliche Publikation des Autors sein soll, ist kaum zu glauben. Sicher geleitet er seine Leserinnen und Leser durch eine anspruchsvolle Mischung aus Schulmedizin und wissenschaftlicher Methodik, alternativen Heilverfahren, Kulturanthropologie, Psychologie und Gesundheitspolitik. Und immer wieder gelingen Harald Walach Interpretationen, die auf faszinierende Weise mit gängigen Erklärungsmustern brechen.

Welcher Chirurg sieht sich schon als mächtiger Schamane, der seinen Patienten ein plausibles Weltmodell anbietet ("Ihre Adern sind verstopft") und mit viel Brimborium (weiße Kleidung, Machtsymbole, glänzende Apparaturen) zur magischen Heil-Handlung schreitet? Und welcher Homöopath möchte eingestehen, dass seine Kügelchen alleine nutzlos, in Kombination mit der elaborierten Zuwendung an seine Patienten jedoch hochwirksam werden? Auch wohin Akupunkturnadeln gestochen werden, ist nicht so wichtig - nur dass sie gestochen werden. Dann allerdings zeigt sich die Akupunktur medikamentösen Verfahren etwa in der Behandlung chronischer Schmerzen haushoch überlegen.

An den Schluss seines starken und überzeugenden Buches stellt Harald Walach eine Vision: von einer Gesellschaft, die begreift, dass sich der komplexe Normalzustand "Gesundheit" vorwiegend darin begründet, ob Menschen auch so leben - mit sich und anderen, in Bewegung und Ruhe, Ernährung und Verzicht. Ein Gesundheitssystem, das seinen Namen verdient, müsste sich vom Übermaß der Interventionen ab- und dem ganzen Menschen zuwenden. Gespräch und Ermutigung spielten darin die Hauptrolle. Und die Pillen? Sie wären auf die hinteren Plätze verwiesen.

Besprochen von Susanne Billig

Harald Walach: Weg mit den Pillen - Selbstheilung oder warum wir für unsere Gesundheit Verantwortung übernehmen müssen - Eine Streitschrift
Verlag Irisiana, München 2011
256 Seiten, 17,99 Euro