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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.09.2013

Industriemagnat in Not

Robert Wilson: "Stirb für mich", Page & Turner, München 2013, 540 Seiten

London ist die Bühne für die Entführung der Tochter eines indischen Industriellen (Stock.XCHNG / Viajero Viajero)
London ist die Bühne für die Entführung der Tochter eines indischen Industriellen (Stock.XCHNG / Viajero Viajero)

Der Brite Robert Wilson trägt denselben Namen wie sein berühmter amerikanischer Künstler-Kollege – im Gegensatz zu dem legendären Theatermann schreibt er allerdings Krimis und Thriller – mit inzwischen weltweitem Renommee.

In der globalisierten Welt ist eine Entführung in London nicht einfach eine Entführung in London. Zwar wird die Tochter eines indischen Industriemagnaten von typisch britischen Gangstern, wie wir sie aus unzähligen einschlägigen Romanen und Filmen und wohl auch aus der Realität kennen, gekidnappt, aber von da läuft in Robert Wilsons neuem Roman "Stirb für mich" nichts mehr so, wie man es voraussagen könnte. Selbst das mittlerweile voraussetzbare "Genre"-Wissen des Lesepublikums hilft da nicht unbedingt weiter.

Das hat auch damit zu tun, dass Romane wie dieser zwar deutlich einem Genre oder einem Genre-Mix – hier Polit- und Psycho-Thriller plus Gangster-Roman – angehören, aber keine eindeutigen Merkmale mehr erfüllen.

Der Engländer Robert Wilson, der laut Presse und Verlags-Marketing als einer der besten Thriller-Autoren dieses Planeten platziert wird, kombiniert hier literarisch das, was man auch auf der lebensweltlichen Ebene zusammendenken müsste. Die Hintergründe der Entführung liegen in einem komplizierten Geflecht von Machtstrukturen in Indien und Pakistan. Die wiederum sind einerseits mit der großen Weltpolitik der Geheimdienste und den verschiedenen Zielen von Terrorismus, religiösem Fundamentalismus und pragmatischem Machiavellismus verbunden, die zeigen, wie aktuell die koloniale Vergangenheit und die heutige politische Situation zusammenhängen: Das ehemalige Empire ist froh, wenn der indische Magnat mit Investitionen lockt.

Komplexer Entführungsfall vor breitem politischen Panorama

Auf der anderen Seite ist auch Weltpolitik an Individuen gekoppelt. Wilson inszeniert das virtuos auf mehreren Ebenen: als Psychoduell der entführten jungen Frau mit ihren Peinigern. Zudem als Größenwahn kleinkrimineller Londoner Gangster, die glauben, irgendetwas im Griff zu haben und deswegen die Geisel mit Gewalt ihren ersten Entführern stehlen, um selbst den großen Schnitt zu machen, und als psychologisches Kammerspiel zwischen der Mutter des Entführungsopfers und dem heimlichen "Helden" des Romans, dem für eine private Sicherheitsfirma arbeitenden "Entführungsspezialisten" Charlie Boxer, der sich in seine Klientin verliebt und selbst eine eigene schwierige familiäre Situation zu bewältigen hat. Und schließlich als Psychodrama, manifestiert in der Gestalt des indischen Magnaten, dessen Rolle als Vater, selfmade man und politischer Faktor, als Täter und Opfer im großen Spiel tragische Dimensionen hat.

Wilson braucht jede der über 500 Seiten, um all diese Stränge (und noch ein paar Subplots mehr, die wir hier nicht alle aufzählen können) so zu erzählen, dass sie eine detaillierte Binnenanalyse eines komplexen Entführungsfalls, ein breites politisches Panorama und einen teilweise robusten Thriller mit handfesten Action-Elementen ergeben.

So verwandelt Wilson die komplizierten realpolitischen Voraussetzungen des Romans in nachvollziehbare und dadurch auf Niveau unterhaltsame Erzählungen, die mit dem alltäglichen Irrwitz literarisch umgehen, ohne allzu simpel und reduktionistisch zu werden.

Besprochen von Thomas Wörtche

Robert Wilson: Stirb für mich
Aus dem Englischen von Kristian Lutze
Page & Turner, München 2013
540 Seiten, 14,99 Euro

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