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Religionen / Archiv | Beitrag vom 10.05.2015

Indische Hindutva-BewegungFasziniert vom Faschismus

Von Antje Stiebitz

Anhänger der indischen Oppositionspartei BJP feiern sich als Wahlsieger. (pa/dpa/EPA/Solanki)
Anhänger der indischen Oppositionspartei BJP feiern sich als Wahlsieger (2014). (pa/dpa/EPA/Solanki)

Die indische Hindutva-Bewegung ist eine Mischung aus politischem Nationalismus und religiösem Hinduismus. Die ihr verbundene Partei BJP stellt seit einem Jahr die Regierung. Wie hat sich das Land seither verändert?

Indien. Ein Land mit über 1,2 Milliarden Einwohnern. Davon gehören rund 830 Millionen Menschen einer indischen Religion an. Hierzu zählen die Verehrer der weiblichen Urkraft, genauso wie die Anhänger des Flöte spielenden Gottes Krishna. Die nackten heiligen Männer, die in der Askese ihre Bestimmung finden, ebenso wie die Priester, die aufwendige Rituale durchführen.

Diese sehr unterschiedlichen religiösen wie philosophischen Weltbilder werden der Einfachheit halber gerne unter dem Begriff "Hinduismus" zusammengefasst. Dabei stellte der Tübinger Indologe Heinrich von Stietencron bereits vor rund 25 Jahren fest, dass der Hinduismus nichts anderes sei als eine von der europäischen Wissenschaft gezüchtete Orchidee. Der Sammelbegriff "Hinduismus" fußt auf einer starken Vereinfachung der britischen Kolonialherren im 19. Jahrhundert, die damit pauschal alle Gläubigen benannten, die einer indischen Religion angehörten, die sie nicht kannten.

Doch auch die Hindu-Nationalisten von heute wollen die indischen Religionen verengen, ihnen ein einheitliches Gesicht verpassen. Als Dreh- und Angelpunkt der zahlreichen hindunationalistischen Organisationen gelten drei Zusammenschlüsse: Die aktuelle Regierungspartei Bharatya Janata Party, kurz BJP, ist die parlamentarische Vertretung. Der Rashtriya Swayamsevak Sang, kurz RSS, bildet die organisatorische und ideologische Basis. Und der Vishwa Hindu Parishad, kurz VHP, tritt als Autorität für religiöse Fragen auf.

Die Hindutva-Bewegung wurzelt im anti-kolonialen Befreiungskampf

Ob Lotusblume, der heilige Banyan-Baum, die Göttin Durga oder der Affengott Hanumann. Als Emblem oder Namenspate geben sie den Hindu-Organisationen ein religiöses Outfit. Und täuschen darüber hinweg, dass sie eine Ideologie vertreten, die vor allem politisch ist: die sogenannte Hindutva-Bewegung.

"Hindutva" bedeutet "Hindutum" und wird häufig schlicht mit "Hindu-Nationalismus", "politisiertem Hinduismus" oder "Hindu-Fundamentalismus" übersetzt. Für Pierre Gottschlich, Südasien-Experte am Lehrstuhl für Internationale Politik und Entwicklungszusammenarbeit in Rostock, passen Hinduismus und Fundamentalismus allerdings überhaupt nicht zusammen.

Pierre Gottschlich: "Der Hinduismus ist eine Religion, die sich überhaupt nicht eignet für irgendeine Art des Fundamentalismus. Der Hinduismus ist ja auch eigentlich weniger eine Religion als vielmehr ein Sammelsurium aus ganz unterschiedlichen religiösen Strömungen, Glaubensbekenntnissen und Ritualen. Insofern fehlt es eigentlich dem Hinduismus an dem notwendigen wesentlichen Element für einen Fundamentalismus, nämlich das Fundament. Diese gemeinsame Basis auf die sich alle beziehen , ist schlichtweg nicht vorhanden."

Deshalb habe das Hindutva-Projekt von Anfang ein nationalistisch-politisches Projekt sein müssen, erklärt der Wissenschaftler und fährt fort:

"Hindutva-Vertreter waren und sind bis heute in erster Linie Nationalisten und erst danach irgendwo vielleicht auch religiöse Eiferer. Aber der Nationalismus, die vorgeblich gemeinsame Kultur aller Inder, ist das treibende Moment, und da gehört natürlich die Religion mit dazu, aber es ist nur ein Teil unter vielen."

Die Hindutva-Bewegung wurzelt im anti-kolonialen Befreiungskampf des 19. und 20. Jahrhunderts. Damals verurteilten die puritanischen Briten den indischen Polytheismus und klagten Kastenwesen, Kinderheirat und Witwenverbrennung an. Ihre Kritik fiel auf fruchtbaren Boden, und es entstanden zahlreiche neo-hinduistische Reformbewegungen.

Die radikaleren Kräfte innerhalb dieser Reformbewegungen wandten sich gegen die britische Kolonialherrschaft und litten gleichzeitig noch am zuvor erlebten Regiment der Großmogule. Sie glaubten, einzig die Rückkehr zu den eigenen Wurzeln könne dabei helfen, die Jahrhunderte alte Fremdherrschaft endlich abzuschütteln.

Ein Hindu müsse Indien als Vaterland haben und es als heiliges Land betrachten

Tobias Delfs von der Uni Kiel ist Spezialist für die Geschichte Indiens und erklärt, was außerdem noch zur Entstehung der Hindutva-Bewegung beigetragen hat:

Tobias Delfs: "Die Briten haben in Indien nach dem Grundsatz 'Teile und herrsche' im Grunde geherrscht und hatten ein Interesse daran, eine Konkurrenzsituation zwischen einzelnen Gruppen zu schaffen. Dazu gehörte eben auch, dass man Volkszählungen durchführte, die wurden seit 1871 durchgeführt, und diese Volkszählungen führten dazu, dass man Menschen gewissermaßen von oben in bestimmte Kategorien presste, beziehungsweise die Menschen sich für eine bestimmte Kategorie zu entscheiden hatten, die es vorher so gar nicht gab. Also vorher hatten sich die einzelnen Individuen vielleicht eher über die Familie identifiziert, über die Kaste oder eine bestimmte Gottheit, vielleicht auch über die Dorfgemeinschaft, wo sie herkamen, aber eben nicht über den Hinduismus."

Der glühende Nationalist Vinayak Damodar Savarkar galt als Vater der Hindutva-Bewegung, weil er mit seiner Schrift "Hindutva: Who is a Hindu?" im Jahr 1923 die Grundlage für die Bewegung schuf Pierre Gottschlich beschreibt das Gedankengerüst und das Ziel Savarkars so:

Pierre Gottschlich: "Er schreibt über die Hindus als eine uralte großartige Zivilisation, die im übrigen auch schon immer in Indien beheimatet war, schon immer dort in Südasien gelebt hat und die mutmaßlich ganz harmonisch, glückselig zusammengelebt haben, bis irgendwann von außen Fremdherrscher kamen, zunächst die Muslime, die Mogulkaiser, und danach dann die Briten. Und diese Fremdherrschaft hätte dieses vorgeblich großartige, glänzende Reich einer ganz, friedlichen zusammenlebenden Hindu-Nation zerstört. Und das Ziel der Hindutva-Bewegung ist es jetzt und auch heute, diese vormalige große Zivilisation der Hindus wieder herzustellen."

Die von den Hindunationalen behauptete ununterbrochene Geschichte der Hindus auf dem Subkontinent, so Gottschlich, sei archäologisch kaum aufrechtzuerhalten. Nur könne das kein Hindutva-Aktivist zugeben, da sonst der Anspruch auf "ihr" Land verloren ginge.

Was für den Nationalisten Savarkar wirklich zählte, war die Hindurashtra, die Hindunation. Für diese Nation sind drei Säulen entscheidend, denn auf diese stützt sie sich. Dabei handelt es sich um das gemeinsame Land, die gemeinsame Abstammung und die gemeinsame Kultur. Außerdem konnte aus Sicht Savarkars nur der ein Hindu sein, der Indien als Vaterland und vor allem auch als heiliges Land betrachtete. Im Original liest sich das so:

"Das sind die wesentlichen Elemente des Hindutums – eine gemeinsame Nation, eine gemeinsame Rasse und eine gemeinsame Kultur. Im wesentlichen kann man sagen, dass der ein Hindu ist, dem Indien nicht nur Vaterland sondern auch Heiliges Land ist."

Blutige Pogrome von Hindutva-Aktivisten haben in Indien eine lange Geschichte

Mit dieser Definition bezog er alle in Südasien entstandenen Religionen in die Hindutva-Bewegung mit ein. Er umarmte Sikhs, Buddhisten, Jains und die Stammesbevölkerung. Gleichzeitig zog er damit eine deutliche Grenze und schloss alle Inder aus, die ihre heiligen Stätten nicht in Südasien haben: Muslime, Parsen, Juden und Christen gehörten, nach Savarkars Definition, nicht dazu. Daran ließ er keinen Zweifel, wenn er schreibt:

"...tatsächlich sind uns Hindus wichtiger als alle Nicht-Hindu-Gemeinschaften in Indien."

Wer sich jetzt an die "Blut-und-Boden-Ideologie" des deutschen Nationalsozialismus erinnert fühlt, liegt richtig. Denn Hindunationalismus und europäischer Faschismus weisen durchaus Parallelen auf:

"... da gibt es ein paar Punkte, die man einfach aufzählen kann, die bei beiden eine relativ große Rolle spielen. Stichwort Führerkult beispielsweise, Stichwort Idee eines Volkskörpers, Idee der Überlegenheit der eigenen Rasse. Wir finden in beiden Bewegungen Bestrebungen über Straßenkämpfe, politische Machtdemonstrationen zu entfalten. Wir finden Bestrebungen, die staatlichen Organe zu unterwandern, um dann dort das eigene politische Projekt voranzutreiben."

Die militaristischen Aufmärsche Hitlers, die italienischen Jugendorganisationen der Mussolini-Zeit – der europäische Faschismus faszinierte die Hindunationalisten. Der Historiker Tobias Delfs spricht von einer "entfernten Verwandtschaft" der Bewegungen in Europa und in Indien und erklärt, warum:

Tobias Delfs: "Wichtig ist halt, dass man zeigen kann, dass die wichtigsten Ideologen und Organisationen im Hindunationalismus sich vor allem in den 1920er und 30er Jahren stark von den europäischen Entwicklungen beeinflusst gezeigt haben, also vor allem vom italienischen Faschismus und vom Nationalsozialismus. Hinzu kommt auch, dass es direkte Kontakte nach Italien und Deutschland gab, und darauf bezieht sich der Begriff Verwandtschaft."

Die Hindutva-Ideologie ist für die vielfältigen Organisationen der Hindunationalisten bis heute Richtschnur und dient weiterhin dazu, Menschen auszugrenzen. Religiöse Minderheiten betrachten den wachsenden politischen Einfluss der Hindunationalisten mit großer Sorge. Denn blutige Pogrome, die von den Hindutva-Aktivisten mit Hilfe religiöser Rhetorik und Symbolik geschürt werden, haben in den Städten und Dörfern Indiens inzwischen eine lange und traurige Geschichte.

 

Mehr zum Thema:

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