Seit 12:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 12:07 Uhr Studio 9
 
 

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 07.03.2009

"In Wien entscheidet sich das Schicksal Europas"

Vor 160 Jahren endete die Revolution in Österreich mit der gewaltsamen Auflösung des Reichstags

Von Volker Ullrich

Heute tagt der Nationalrat im Parlamentsgebäude in Wien. Vor 160 Jahren wurde der österreichische Reichstag in Kremsier per Manifest aufgelölst. (AP)
Heute tagt der Nationalrat im Parlamentsgebäude in Wien. Vor 160 Jahren wurde der österreichische Reichstag in Kremsier per Manifest aufgelölst. (AP)

In der mährischen Landstadt Kremsier arbeitete der Reichstag einen Verfassungsentwurf aus, der eine Lösung der schwierigen Nationalitätenprobleme des Vielvölkerstaates bereithielt. Doch als die Abgeordneten heute vor 160 Jahren an ihren Tagungsort kamen, fanden sie ihn von Militärs umstellt. An den Toren war ein kaiserliches Manifest angeschlagen, das den Reichstag für aufgelöst erklärte.

Unter den Klängen des Marsches, den Johann Strauß (Vater) für den österreichischen Feldmarschall Graf Radetzky komponiert hatte, löste das Militär am 7. März 1849 den in Kremsier, der mährischen Kleinstadt, tagenden Reichstag auf. Damit fand ein Kapitel in der Geschichte der Habsburger Monarchie ein unrühmliches Ende, das ein Jahr zuvor mit großen Hoffnungen begonnen worden war.

Am 13. März 1848 hatte die von Paris ausgehende revolutionäre Bewegung auch Wien, die Hauptstadt des österreichischen Vielvölkerstaates, erreicht. Staatskanzler Fürst Metternich, die verhasste Symbolfigur der Restauration nach 1815, musste zurücktreten, Kaiser Ferdinand I. versprach eine Verfassung. Auf dem Turm des Stephansdoms wehte die Fahne der Revolution - Schwarz-Rot-Gold.

Doch der anfänglichen Euphorie folgte bald Ernüchterung. Denn die versprochene Verfassung wurde im April ohne Mitwirkung einer Volksvertretung einfach oktroyiert. Von verantwortlichen Ministern und allgemeinem Wahlrecht war keine Rede mehr. Die Empörung darüber führte Mitte Mai 1848 zu einem neuen Aufstand. Die Revolutionäre, an ihrer Spitze die Studenten der Wiener Universität, erzwangen die Rücknahme der oktroyierten Verfassung und die Einberufung eines konstituierenden Reichstags nach allgemeinem und direktem Wahlrecht. Kaiser Ferdinand floh mitsamt seinem Hof nach Innsbruck. Besorgt berichtete der sächsische Gesandte Graf Vitzthum von Eckstädt Anfang Juni aus Wien:

"Das Ministerium beharrt in seiner kläglichen Halbheit und Unentschlossenheit. Die Studenten sind unsere anerkannten Herren. Wo das hinführen soll? Gott weiß es. Wien scheint verloren."

Am 22. Juli 1848 wurde der erste österreichische Reichstag von Erzherzog Johann in der kaiserlichen Hofreitschule zu Wien festlich eröffnet. Die Hälfte der 383 Abgeordneten war slawischer Nationalität, etwa ein Viertel war der deutschen Sprache nicht mächtig. Die sich daraus ergebenden Probleme schilderte ein Beobachter:

"Der zum Vorsitz berufene Alterspräsident erschien in der Person eines Mannes aus der Bukowina. Er ließ sich im rumänischen Dialekt hören, nach ihm kamen die Slawen, endlich ein Italiener. Die mythischen Zeiten des babylonischen Turmbaus scheinen wiederzukehren."

Die wichtigste Aufgabe des Reichstags war die Ausarbeitung einer Verfassung. Die Beratungen darüber waren noch im vollen Gange, als im Oktober 1848 in Wien neue revolutionäre Unruhen ausbrachen. Ausgelöst wurden sie durch die Ankündigung der Regierung, die in der Wiener Garnison stationierten Soldaten nach Ungarn zu entsenden, um die dortige Freiheits- und Unabhängigkeitsbewegung niederzuschlagen.

Die Truppen meuterten. Kriegsminister Latour wurde ermordet und an einer Laterne aufgehängt. Der Kaiser, der im August nach Wien zurückgekehrt war, flüchtete erneut, diesmal in die mährische Bischofsstadt Olmütz. Am 22. Oktober befahl er dem Reichstag, sich in der nicht weit davon entfernten Kleinstadt Kremsier zu versammeln. Sechs Tage später begann die kaiserliche Armee unter Fürst Windischgrätz den Sturm auf Wien; am 31. Oktober, nach schweren Kämpfen, war die Stadt erobert. Unter den zahlreichen Opfern war auch der Abgeordnete der Frankfurter Paulskirche Robert Blum, der am 9. November hingerichtet wurde. In einem Brief an seine Frau vom 20. Oktober hatte er geschrieben:

"In Wien entscheidet sich das Schicksal Europas. Siegt die Revolution hier, dann beginnt sie von neuem ihren Kreislauf; erliegt sie, dann ist wenigstens für eine zeitlang Friedhofsruhe in Deutschland."

Tatsächlich war mit dem Sieg über die Wiener Revolutionäre das Signal für die Gegenrevolution gesetzt. Als der Reichstag Ende November 1848 in Kremsier wieder zusammentrat, verkündete der neue Ministerpräsident, Fürst Schwarzenberg:

"Österreichs Fortbestand in staatlicher Einheit ist ein deutsches wie ein europäisches Bedürfnis."

Damit war allen Plänen für eine nationalstaatliche Einigung Deutschlands unter Einbeziehung Deutsch-Österreichs eine Absage erteilt. Stattdessen war Schwarzenbergs Politik darauf gerichtet, die Macht und den Einfluss der Habsburger Monarchie in Europa neu zu befestigen. Die Gegenrevolution hatte, nachdem im August 1849 auch noch die ungarischen Freiheitskämpfer unterworfen worden waren, auf ganzer Linie gesiegt. Eine neue Ära eines kaum verhüllten absolutistischen Regiments begann.

Kalenderblatt

Vor 175 JahrenHoffmann von Fallersleben dichtet das "Lied der Deutschen"
Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft singen die Nationalhymne (picture alliance / dpa / Thomas Eisenhuth)

Am 26. August 1841 schrieb Hoffmann von Fallersleben das “Lied der Deutschen” auf die Melodie eines Streichquartetts von Joseph Haydn. 1922 wurde es zur Nationalhymne erhoben, im Nationalsozialismus missbraucht und schließlich mit der dritten Strophe nach 1949 Nationalhymne der Bundesrepublik und auch des vereinten Deutschlands. Mehr

Wolfgang LanghoffEr machte das DT zur Vorzeigebühne der DDR
Der Intendant des Deutschen Theaters in Berlin (DDR) und Nationalpreisträger Wolfgang Langhoff.  (picture-alliance / dpa)

Er wurde Kommunist, kam ins Konzentrationslager und formte das Deutsche Theater zur wichtigsten DDR-Bühne neben Brechts Berliner Ensemble: der Schauspieler und Regisseur Wolfgang Langhoff. Als Theatermacher bekam er zu spüren, was es bedeutet, wenn idealistische Vorstellungen auf die Realität treffen. Vor 50 Jahren starb er.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur