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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.03.2013

IMs und ihre Verankerung in der DDR

Ilko-Sascha Kowalczuk: "Stasi konkret. Überwachung und Repression in der DDR", Verlag C. H. Beck, 428 Seiten

Wie viele IMs gab es tatsächlich bei der Stasi (hier Akten)? (Bundesbildstelle Bonn)
Wie viele IMs gab es tatsächlich bei der Stasi (hier Akten)? (Bundesbildstelle Bonn)

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk gibt in seinem Buch einen Überblick über die Stasi-Tätigkeit in der DDR. Zugleich provoziert er, wenn er scheinbare Gewissheiten der Forschung hinterfragt: über die Zahl der IMs und deren Einfluss im Westen.

Die Stasi ist ein Mythos. Mit einer monströsen Zahl an Mitarbeitern kontrollierte sie angeblich jede Regung im Staate DDR, sie war Orwells Big Brother, allgegenwärtig und zu jedem Verbrechen fähig. Das Ministerium für Staatssicherheit hat diesen Mythos selbst befördert. Nach der Wende verkehrte er sich ins Gegenteil: Das MfS, "die Firma", wurde dämonisiert.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hatte irgendwann Mühe mit dem Mythos. Ihn störten die Verzerrungen und Übertreibungen; unser Bild vom Geheimdienst, spürte er, habe "mit der Realität nichts gemein". Eine Geschichte des MfS zu schreiben, sei weder originell noch modern, befand der Autor, und doch hat er es getan. Aber was für eine Geschichte: originell und gut zu lesen, mit verblüffenden Ansätzen.

Kowalczuks Aufmerksamkeit galt nicht den Dienstanweisungen und Befehlen, sondern der "operativen" Arbeit. "Mich interessiert weniger, was das MfS wollte, plante oder vorgab - in meinem Fokus steht, was es tat und ‚erreichte’." Anweisungen: In der Tagesarbeit seien sie ständig missachtet worden; "die Theorie musste "der Praxis fortwährend angepasst werden".

Auf 400 Seiten entwirft der Historiker einen faszinierenden Überblick. Er untersucht die Anfänge der Stasi nach 1945 als kleiner Bruder des sowjetischen KGB; er charakterisiert die Gründer mit ihrer gewaltfixierten Vergangenheit. Er folgt den Entwicklungslinien unter Ulbricht und Honecker und illustriert diese Linien mit Fallbeispielen. Auf diese Weise gibt Kowalczuk den Opfern und Betroffenen von damals Namen und Gesicht.

"Großer Teil der MfS-Mitarbeiter stand unter Dauerkontrolle"

Das Besondere an diesem Buch: der Autor provoziert. Er stellt in Frage, was nach Jahrzehnten Stasi-Forschung als fraglos galt. Zahlen? Seien nur Näherungswerte, Schätzungen, Hochrechnungen, "nicht immer plausibel". Die Anzahl der Informellen Mitarbeiter, der IMs? Bisher sprach man von 189.000, Kowalczuk zählt nur 109.000. Zuordnungen seien unklar, viele IMs doppelt gezählt worden. 1500 West-IMs? Die Angabe sei "hoch spekulativ". Der Stasi-Offizier als allmächtiger Überwacher? Wurde selbst überwacht. "Ein großer Teil der MfS-Mitarbeiter stand unter Dauerkontrolle."

Kritik äußert Kowalczuk auch am wissenschaftlichen Vorgehen der eigenen Zunft. "Letztlich ist es der Forschung bis heute nicht gelungen, sich von den Begrifflichkeiten und Kategorien des MfS und so letztlich von dessen Vorgaben zu lösen." Aber, sagt er selbstkritisch: "Ich war selbst Teil des Problems."

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk (dpa / picture alliance / Arno Burgi)Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk (dpa / picture alliance / Arno Burgi)Das Verblüffende an Kowalczuks Kritik: Der Autor ist als Projektleiter ein Forscher jener Institution, deren Angaben er bezweifelt: der Stasi-Unterlagen-Behörde, vulgo Jahn-Behörde. Einige Kollegen sollen verärgert sein, hört man, der Leiter der Behörde aber äußerte sich in einer Berliner Tageszeitung diplomatisch. Roland Jahn: "Wir brauchen die Freiheit der Wissenschaft."

"Kein Staat im Staate"

Die größte Provokation dürfte für manchen darin bestehen, daß Kowalczuk die Rolle der Stasi – nein: nicht verharmlost, aber relativiert. "Nicht das MfS legte sich wie ein Krake über die Gesellschaft, sondern die SED und erst in ihrem Schlepptau das MfS. Es war kein Staat im Staate, sondern Teil dieses Staates, der SED-Diktatur."

Ilko-Sascha Kowalczuk schreibt mit Sachkenntnis und Verve, er analysiert und erzählt, man hört ihm gern zu. Einflußreiche Zeithistoriker - so lästert der Autor gleich zu Beginn - würden die DDR-Geschichte und ihre Archivalien als "langweilig" empfinden. Er erwidert: "Es gibt keine langweilige Geschichte, aber jede Menge langweilige Bücher über sie." Kowalczuks Werk gehört definitiv nicht dazu.

Besprochen von Uwe Stolzmann

Ilko-Sascha Kowalczuk: Stasi konkret. Überwachung und Repression in der DDR
Verlag C.H.Beck, München 2013, 428 Seiten, 17,95 Euro

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