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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.09.2005

Im Reich der Missverständnisse

Peter Careys Essay über Mangas und falsche Vorstellungen von Japan

Rezensiert von Kolja Mensing

Fußgänger in Japan
Fußgänger in Japan (AP)

In seinem Essay "Wrong about Japan" unternimmt der Schriftsteller Peter Carey eine Expedition in die Welt der Mangas und Animes. In Japan suchte er zusammen mit seinem Sohn diverse Comiczeichner auf und musste feststellen, dass seine Vorstellung der japanischen Kultur durchweg falsch war.

Charley ist zwölf Jahre alt, und als sein Vater ihm eine gemeinsame Reise nach Tokio vorschlägt, hält sich seine Begeisterung erst einmal in Grenzen:

"Nicht wenn ich das echte Japan sehen muss."

Charley, der jeden Samstag in den Comicläden der Lower Eastside nach neuen Folgen von "Akira" oder "Mobile Suit Gundam" sucht, hat seine eigenen Vorstellungen von einer Expedition in das Land der Mangas. "Keine Tempel, keine Museen", erklärt er kategorisch, und glücklicherweise fällt es seinem Vater nicht schwer, sich auf diese Bedingungen einzulassen.

Der Schriftsteller Peter Carey ist genau wie sein Sohn fasziniert von der fremden Welt der japanischen Bildergeschichten mit ihren hochgerüsteten Robotern und rehäugigen Teenagern. Also machen sie sich gemeinsam auf, um herauszufinden, "was dieses ganze merkwürdige Zeug bedeutet".

"Wrong about Japan" heißt das Buch, das im Anschluss an diese Reise entstanden ist. Der Booker-Preisträger Peter Carey, der zuletzt den Roman "Mein Leben als Fälschung" veröffentlichte, beschäftigt sich zunächst mit der Entstehungsgeschichte der Mangas. Die japanische Form des Comics steht in der Tradition des "kamishibai", des "Papiertheaters", das in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts äußerst populär war: Märchenerzähler fuhren von Dorf zu Dorf und Stadt zu Stadt und illustrierten ihre Geschichten mit Bildern, die auf große Tafeln gezeichnet waren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen die ersten Bildergeschichten in Magazinen für Kinder, und Ende der Sechzigerjahre entstanden daraus die "gekiga", wörtlich "Bilderdramen", die nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch junge Erwachsene ansprachen. Themen wie Sex, Gewalt und Politik spiegelten den Geist der Zeit, und die Studenten, die sich damals begierig auf das neue Medium stürzten, blieben den Bildergeschichten bis heute treu. Während Comics in den USA und in Westeuropa als Unterhaltungsform für Kinder gelten, werden Mangas in Japan auch von Fünfzig- oder Sechzigjährigen gelesen.

Peter Carey und sein Sohn Charley besuchen einige der bekanntesten Zeichner und Regisseure, darunter sogar den legendären Hayao Miyazaki (dessen letzter großer Animationsfilm "Das wandelnde Schloss" gerade in den deutschen Kinos angelaufen ist). Immer wieder erkundigen sie sich bei diesen Treffen nach den verborgenen Bedeutungsebenen in den Mangas und Animes, die ihnen als "gaijin", als Fremde also, doch sicherlich entgangen seien. Leider werden sie fast immer enttäuscht.

So muss Peter Careys seine auf den ersten Blick recht originelle These, dass die bemannten Kampfroboter in der "Mobile Suit Gundam" ein Symbol für die Entfremdung der menschlichen Individuen sind, recht schnell wieder aufgeben. "So ist es gar nicht", erklärt ihm eine japanische Comic-Spezialistin mit freundlichem Lächeln, "Pilot in einem Mobile Suit zu sein, ist genauso, wie sich im Mutterleib zu befinden."

Das ist nur eines von vielen Missverständnissen, die sich durch das Buch ziehen. Peter Carey ist ständig "wrong about Japan" und muss einsehen, dass er mit seinen sorgfältig angelesenen Hintergrundinformationen nicht weit kommt:

"Es ist besser nichts zu wissen, als wenig zu wissen."

Und das gilt nicht nur für die Recherche in Sachen Manga, sondern auch für die Exkurse in die traditionelle japanische Kultur oder die wechselvolle Geschichte der amerikanisch-japanischen Beziehungen mitsamt der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs – mit der sich im übrigen auch ein Klassiker des Animationsfilm befasst: "Die letzten Glühwürmchen" aus Hayao Miyazakis Ghibli-Studios erzählt die Geschichte von der grausamen Bombardierung Tokios im März des Jahres 1945.

Es lässt sich leicht nachvollziehen, dass ein japanischer Zuschauer in diesem Zeichentrickfilm etwas anderes sieht als jemand, der wie Peter Carey in Australien geboren wurde und heute in New York lebt. Worin genau die Unterschiede liegen, ist allerdings nicht ganz so einfach festzustellen, und so verwandelt sich Careys literarische Reisebeschreibung nach und nach in einen klugen Essay über die grundsätzlichen Schwierigkeiten beim Überschreiten kultureller Grenzen.

Im Zeitalter der globalen Popkultur, deren vermeintlich universelle Vernunft sich durch Schallplatten, Filme und Comics in den letzten fünfzig Jahren mit rasender Geschwindigkeit über den ganzen Erdball ausgebreitet hat, ist das Spiel der Differenzen nicht einfacher, sondern eher komplizierter geworden.

Der zwölfjährige Charley hat das natürlich längst verstanden. Auf jeden Fall kann er nur müde lächeln, als sein Vater sich weigert, in Tokio ausgerechnet in einer Filiale der amerikanischen Coffee-Shop-Kette Starbucks zu frühstücken. "Das hier", fasst Charley mit einem einzigen Satz das System der feinen Unterschiede im 21. Jahrhundert zusammen, "ist das japanische Starbucks."

Peter Carey: Wrong about Japan. Eine Tokioreise
Aus dem Englischen von Eva Kemper.
S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2005.
141 Seiten, 19,90 Euro