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Thema / Archiv | Beitrag vom 23.07.2008

"Im positiven Sinn ein Monster von Film"

"Cinema"-Chefreporter ist begeistert vom neuen "Batman"-Film

Christian Bale spielt "Batman" und der verstorbene Heath Ledger den "Joker" (AP/Warner Bros. Pictures, Stephen Vaughan)
Christian Bale spielt "Batman" und der verstorbene Heath Ledger den "Joker" (AP/Warner Bros. Pictures, Stephen Vaughan)

Heiko Rosner, Chefreporter der Zeitschrift "Cinema", hat den in Amerika angelaufenen Batman-Film "The Dark Knight" mit Begeisterung gesehen. Stärker als je zuvor zeige er eine Hauptperson, die zwar Gutes bezwecke, aber Böses bewirke. Damit verbunden seien viele Anspielungen auf die amerikanische Tagespolitik.

Dieter Kassel: "Das ist ein sehr erwachsener, politischer Film," schreibt zum Beispiel die Tageszeitung "Die Welt" über den neuen Batman-Film "The Dark Knight". Die Begeisterung der Journalisten wird in diesem Fall von den Kinozuschauern geteilt, denn der neue Batman hat in den USA am ersten Wochenende 155,3 Millionen Dolar eingespielt, mehr als irgendein anderer Film zuvor. In Deutschland kommt "The Dark Knight" erst am 21. August in die Kinos, aber natürlich haben ihn auch in Deutschland schon einige Fachleute gesehen, Heiko Rosner zum Beispiel, er ist Chefreporter der Zeitschrift "Cinema". Schönen guten Tag, Herr Rosner!

Heiko Rosner: Ja, guten Tag!

Kassel: Der sechste Batman - ist das jetzt definitiv der beste Batman-Film aller Zeiten?

Rosner: Ja, unbedingt. Ich habe noch keinen Comicfilm gesehen, der mich so mitgerissen hat, der so spannend ist und so vielschichtig und eine solche Dynamik entwickelt, und er ist im positiven Sinn wirklich ein Monster von Film.

Kassel: Gerade wirken Sie ein bisschen monströs, weil es so klingt, als ob Sie Ihr Telefon verschlucken.

Rosner: Nein. (lacht)

Kassel: Da sind Sie wieder klar, gerade eben waren Sie ein bisschen weg. (lacht)

Rosner: Ich halte immer das Telefon unters Kinn, das ist so eine blöde Angewohnheit von mir.

Kassel: Machen wir jetzt bei neun Minuten nicht, bleiben wir bei dem Batman-Film. Sie haben es ja jetzt sogar noch weiter gemacht, diesen Bogen, das sei nicht nur der beste Batman-Film, beste Comicverfilmung. Aber ist, das habe ich an einigen Stellen gelesen, nicht das Erstaunliche daran, dass dieser Batman von der Comicvorlage weiter weg ist als die anderen fünf?

Rosner: Er entspricht zumindest sehr stark dem Geist von Frank Miller und "Batman: Year One", der ja die Atmosphäre und die Stilrichtung vorgegeben hat, an der sich auch Regisseur Christopher Nolan sehr stark orientiert. Batman ist in diesem Film, im neuen Film, stärker denn je eine Figur, die Gutes bezweckt, aber Böses bewirkt, und er geht natürlich auch außerhalb des Gesetzes vor und genau das bietet natürlich die Möglichkeit, zahlreiche versteckte Anspielungen auf die reale Tagespolitik unterzubringen.

Kassel: Was für Anspielungen sind denn drin?

Rosner: Gegen den Terror, gegen die Einschränkung der Freiheitsrechte im Namen der Freiheit, ich will jetzt natürlich nicht unbedingt ...

Kassel: Keine Spoiler, sozusagen.

Rosner: ... keine Spoiler, nichts verraten, aber das reicht auch soweit, dass zum Beispiel so 9/11-Symbolik auch auf dem US-Filmplakat sehr deutlich zutage tritt, da sieht man nämlich Batman, wie er vor einem Hochhaus steht und in der Fassade von diesem Hochhaus klafft ein brennendes Batman-Logo. Und da nun eine Fledermaus mit ausgebreiteten Schwingen sehr stark den Umrissen auch eines Flugzeugs gleichen könnte, stellen sich natürlich ganz bestimmte Assoziationen ein. Man muss wirklich sagen, das ist der erste Hollywood-Mainstreamfilm, der 9/11 direkt anspricht. Es gab zwar vorher "World Trade Center" von Oliver Stone und "Flug 93" von Paul Greengrass, aber das waren ja eher Filme, die sich an ein Arthouse-Publikum gerichtet haben.

Kassel: Sie haben gerade auch schon gesagt, dass Batman nun in diesem Film natürlich immer noch das Gute versucht, aber so einfach sind die Dinge nicht mehr. Da gab es ja auch vor Kurzem einen Artikel in der Süddeutschen und andere, wo auch geschrieben wurde, dass diese Superhelden-Geschichte so eigentlich heutzutage nicht mehr funktioniert, das gilt nicht nur für Batman. Dieses einfache Szenario - das Böse dort, das Gute dort und am Ende hat das Gute gewonnen -, das geht nicht mehr. Hat dieses Dilemma der Film sozusagen ziemlich gut gelöst?

Rosner: Ja, unbedingt. Ich muss dazu sagen, ich war selbst nie ein besonderer Fan von Superheldenfilmen und fand zum Beispiel Superman eine der langweiligsten Figuren, die je im Kino rumgetobt sind, weil einer, dem nichts passieren kann, nur dieses blöde Kryptonit da und ... Das ist Kinderkram. Und auch X-Man und Spiderman - den Hype um diese Filme konnte ich nie so ganz nachvollziehen. Aber gerade jetzt entwickelt gerade dieses Genre sehr interessante Impulse, da muss man nur an den kommenden Hellboy denken, "Hellboy II", und auch "Watchmen", diese Comicverfilmung, wo es auch um Superhelden geht aber ganz anders gestrickt, und da steht ja neuerdings auch der Trailer online und der sieht wirklich sensationell aus.

Kassel: Wie ist denn eigentlich, um wieder zum neuen Batman "The Dark Knight" zurückzukehren, wie ist denn da eigentlich die Ästhetik? Gerade Gotham City, die Stadt, in der diese Batman-Geschichten immer spielen, war ja in vielen Filmen eine sehr bunte, teilweise regelrecht pinke Stadt. Wie sieht die denn jetzt aus?

Rosner: Ja, das ist das totale Gegenteil. Gotham City ist praktisch die universell amerikanische Albtraumstadt, düster, korrupt, von einem Netz von Korruption durchzogen und eigentlich auch eine Stadt ohne Hoffnung, was ja auch in der Figur von Batman sehr stark zum Ausdruck kommt. An dieser quietschbunten Comicästhetik von Joel Schumacher und "Batman & Robin" und diesen Filmen, die sucht man glücklicherweise vollkommen vergebens. Und was man auch noch erwähnen kann in diesem Zusammenhang: Regisseur Nolan hat ja gesagt, bei mir, in meinen Batman-Filmen, wird es niemals einen Robin geben, weil dieser Robin, das wäre ja Comic Oldschool, und das will er natürlich unbedingt vermeiden und deswegen wird es niemals einen Robin geben, also bei Nolan.

Kassel: Was es natürlich trotzdem gibt - aber ich glaube auch anders, als man das gewohnt ist, anders, als man das zum Beispiel in einem der Vorgängerfilme von Jack Nicholson erlebt hat -, was es natürlich auch gibt, ist der Joker, der klassische Gegenspieler von Batman. Heath Ledger ist das. Sicherlich hat auch die Tatsache, dass der auf tragische Art und Weise im Januar an einer Medikamentenüberdosis gestorben ist, zum Erfolg des Filmes beigetragen, aber wenn wir uns das alles mal wegdenken - kann er wirklich als Schauspieler so stark überzeugen, wie das jetzt immer wieder zu hören war?

Rosner: Ja, unbedingt. Für mich steckt Heath Ledger in dieser Rolle sogar Hannibal Lecter locker in die Tasche. Er ist wirklich ein ultimativer Bösewicht, wie ein Mephisto auf Speed, und das Faszinierende an der Figur ist ja auch, dass er keinen rationalen Trieben handelt, er will kein Geld, er ist auch nicht unbedingt an Macht interessiert, er will die pure Zerstörung. Er sagt auch einmal, ich will diese Stadt brennen sehen, und zwar nur aus einem anarchistischen, zerstörerischen Trieb heraus. Dieses völlige Fehlen von Rationalität in der Figur macht sie auch so unheimlich. Und wie Heath Ledger diese Figur spielt - das ist einfach sensationell und verdient unbedingt einen posthumen Oscar, was ja in der Hollywoodgeschichte zum zweiten Mal erst der Fall wäre nach Peter Finch und "Network".

Kassel: Da wollen wir mal gucken, ob das passiert. Nun ist es natürlich so, Herr Rosner, dass die amerikanische Filmindustrie sich jetzt selber feiert. Man muss zugeben, der Anlass ist da. Aber wenn man sich jetzt dieses Wochenende anguckt, 155 Millionen Dollar alleine durch "The Dark Knight", den Batman-Film, 250 Millionen an einem einzigen langen Wochenende, dazu hat dann unter anderem "Mamma Mia" beigetragen, das ist nun wieder eine ganz andere Art von Film. Aber wenn man nun in Amerika auch von Filmverantwortlichen hört, es sei ja alles super, es gebe keine Krise, die DVDs schaden dem Kino nicht, Raubkopien schaden dem Kino nicht, alles kein Problem - ist das denn nach so einem einzigen Wochenende angemessen?

Rosner: Nein. Man darf sich da natürlich keiner Illusion hingeben. "The Dark Knight" wird sicherlich ein singuläres Phänomen bleiben, wo auch sehr vieles zusammenkommt, aber generell ist es schon so, dass Hollywood in einer, vor allem in einer kreativen Krise steckt, was sich ja auch schon seit vielen Jahren an dieser Unmenge von Remakes bemerkbar macht. Und wenn das Kino um seinen Bestand zu halten schon ABBA nötig hätte, wäre es wirklich schlecht um es bestellt.

Kassel: Das ist doch ein schönes Schlusswort. Ich danke Ihnen. Das war Heiko Rosner, er ist zum einen der Chefreporter der Zeitschrift "Cinema", zum anderen hat er in Hamburg - ich sage jetzt mal an dieser Stelle neidisch, in Berlin ging das glaube ich noch gar nicht -, in Hamburg den neuen Batman-Film bereits gesehen. In Deutschland offiziell ins Kino kommt "The Dark Knight" am 21. August. Herr Rosner, ich danke Ihnen!

Rosner: Ja, ciao.

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