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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.02.2008

Ihr seid Elite!

Julia Friedrichs stellt in ihrem Buch "Gestatten: Elite" den Begriff infrage

Von Michael Schornstheimer

Vorbild- oder Geldelite, fragt Julia Friedrichs.  (AP)
Vorbild- oder Geldelite, fragt Julia Friedrichs. (AP)

Die 28-jährige Julia Friedrichs hatte schon einen Vertrag mit der Unternehmensberatung McKinsey in der Tasche. Doch statt dort Karriere zu machen, entschied sie sich, mit ihrem Buch "Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen" herauszufinden, warum der früher als reaktionär geltende Begriff plötzlich wieder modern geworden ist.

Julia Friedrichs tritt selbstbewusst auf. Sie formuliert prägnant und sicher. Man kann sich gut vorstellen, dass die Auswahlkommission der Unternehmensberatung McKinsey von der heute 28-jährigen Bewerberin angetan war. Doch statt zu lernen, wie man mit Heuschrecken-Methoden Firmen auseinander nimmt, um sie hinterher in Einzelteilen gewinnbringend zu verkaufen, entschied sich Julia Friedrichs lieber dafür, das Prinzip McKinsey zu durchleuchten. Und sie wollte herausfinden, warum das bis vor kurzem noch als reaktionär verschrieene Wort "Elite" plötzlich wieder modern geworden ist:

" Die jüngsten Elite-Anwärter, die ich getroffen habe, die waren zwei Jahre alt. Die saßen in einem privaten Kindergarten und die Eltern sagten: Aus Euch wird mal Elite! Und ich glaube, wenn man so einen Weg geht, und wenn die Eltern, die Lehrer, die Professoren das sagen: Ihr seid Elite!, dann identifiziert man sich nicht mehr mit den Normalen, sondern lebt in einer eigenen Welt und - das war auch später bei den Studenten zu spüren - glaubt auch, dass manche Regeln für einen nicht gelten. Die haben den festen Glauben, wer viel leistet, der gehört zu den Gewinnern, und der hat es sich auch verdient. (...) Und ich glaube, dass das bei den Topmanagern auch dazu führt, dass man sagt, das ist nicht unser System, wir leben in unserer eigenen Welt, wir spielen nach unseren eigenen Regeln, weil es ja auch so viele dann machen, die quasi die Steuergesetzgebung umgehen. "


So erklärt sich Julia Friedrichs, warum angesehene Manager wie der Postbankchef Klaus Zumwinkel sich einiger "Peanuts" wegen selbst ruinieren. Der Unternehmersohn Zumwinkel hat einst die Wharton-Business School in Pennsylvania absolviert und danach für McKinsey gearbeitet. Ihr seid etwas Besonderes!, das wird den Absolventen der Privatschulen und Business-Universitäten ständig eingebläut, solange, bis sie es selber glauben.

Bei ihrer Reise durch die Kaderschmieden der Republik ist der Autorin aufgefallen, dass die Schüler und Studenten von sich aus nicht unbedingt auf den Elite-Status pochen:

" Sondern er wird von Eltern erhoben, und er wird vor allem von Bildungsinstitutionen erhoben, (...) Das heißt, die Studenten werden auf eine gewisse Art und Weise instrumentalisiert. Sie sind Werbeträger für ein privates Bildungssystem. Sie identifizieren sich auch dann damit und sagen dann letzten Endes auch von sich selbst, ja wir sind Elite. (...) Wir sind ne Leistungselite, ne Verantwortungselite, ne Vorbildelite, aber ich glaube, dass das in erster Linie von außen an sie rangetragen wird. "


Nur - was soll das sein? "Leistungselite, Verantwortungselite, Vorbildelite?", fragte sich Julia Friedrichs. Ein Jahr lang hat sie recherchiert, gelesen, Interviews geführt, nachgedacht und ist zu dem Schluss gekommen, dass diese Begriffe unscharf bleiben und deshalb für eine gesellschaftliche Diskussion nichts taugen.

Wer glaubt, zur Leistungselite zu gehören, ist stolz darauf, besonders viel zu leisten. Nur für wen? Für "die Gesellschaft"? Oder fürs eigene Aktiendepot? Auf diese Frage hat Friedrichs keine Antwort bekommen. Merkwürdig fand sie auch, dass Edelinternate, die pro Monat 3000 Euro Gebühren kosten, hauptsächlich Schüler aufnehmen, die an staatlichen Schulen längst gescheitert sind. Wie können reiche Schulversager plötzlich zur Elite werden?

" Die sagen: Wir sind keine akademische Elite, wir sind eine Verantwortungselite. Weil ihre Schüler nur durchschnittliche Leistungen bringen. Und was mich gestört hat, war nicht, dass diese Schüler noch irgendwie das Abitur schaffen, (...) da ärgert man sich ein bisschen, dass man denkt, Mensch, das sollten alle haben, aber ist eben nicht so. Was mich stört, dass diese Internate nicht formulieren: Wir sind sehr gute Schulen für Kinder wohlhabender Eltern, die bei uns beste Betreuung bekommen, sondern die Internate formulieren, bei uns wächst eine Verantwortungselite heran. Das passt halt nicht zusammen: Wieso sollen Schüler, die eine durchschnittliche Leistung erbringen und das Glück haben, aus einer wohlhabenden Familie zu kommen, wieso sollen die eine Verantwortungselite sein und andere nicht? "

Darauf, dass selbst ernannte Eliten für sie ungefragt Verantwortung übernähmen, möchte sie gern verzichten, sagt Julia Friedrichs. Lieber würde sie selbst über ihr Leben entscheiden. Mit welchem Recht maßen die sich das an?, fragt die Autorin, die in einer WG lebt und lieber Jeans statt Wollkostüme trägt.

Der Soziologe Michael Hartmann hält "Eliten" für eine Fiktion. Für einen Mythos, der geschaffen wurde, um soziale Hierarchien zu kaschieren. Er hat Tausende von Lebensläufen, von promovierten Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern ausgewertet. Sein eindeutiges Ergebnis: Nicht die Qualifikation, sondern die soziale Herkunft entscheidet über Aufstiegschancen. Mittelschichtskinder machen trotz Doktortitel seltener Karriere als ihre Konkurrenten aus reichem Hause:

" Ich hab die Position von Michael Hartmann ganz zu Beginn meiner Recherche gehört, und da dachte ich ehrlich gesagt, "Klassenkämpfer, Altachtundsechziger", was will der, weil er quasi sagt, dass unter dem Deckmantel der Leistungselite die Leute, die viel haben, dafür sorgen, das ihnen das nicht weggenommen wird. Er sagt, das ist ein Spiel, da bestimmen die Mächtigen die Regeln und reproduzieren sich quasi immer wieder selbst. Wie so eine Art Adel oder Kastensystem. Nach meiner Reise muss ich sagen: Ich sehe es immer noch nicht so ganz Schwarzweiß wie er, aber in gewissem Maße stimmt es schon, dass die Regeln für diesen Elitewettbewerb, die sind nicht transparent, und die macht jeder selbst, wie er sie braucht, und das ist, glaub ich, das ganz Gefährliche, weil da kommen wir eben dazu, dass bei den Internaten die Kinder wohlhabender Eltern nicht mehr so heißen, sondern zur Verantwortungselite umgelabeled werden. Und damit in einer demokratischen Gesellschaft ihre Positionen rechtfertigen, ihre hohen Positionen. "

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