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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.08.2011

Ideen von Karl Marx erleben Aufschwung

David Harvey: "Marx’ 'Kapital' lesen", VSA Verlag, Hamburg 2011, 416 Seiten

David Harvey vermittelt Zugang zu Marx’ Gedankenwelt.  (Gully/Schönherr)
David Harvey vermittelt Zugang zu Marx’ Gedankenwelt. (Gully/Schönherr)

David Harvey ist marxistischer Sozialwissenschaftler und unterrichtet als Dozent an der City University of New York. Harvey schrieb mehrere kapitalismuskritische Bücher und bringt Studenten das "Kapital" von Karl Marx näher. Aus diesen Vorlesungen ging sein jüngstes Buch hervor: "Marx' 'Kapital' lesen".

Die größte Finanzkrise seit der großen Depression um 1930 hinterlässt deutliche Spuren im Denken vieler Intellektueller. Der Befund, dass die Welt an einem Scheidepunkt steht, ist nicht von der Hand zu weisen. Um zu verstehen, was wirklich passiert, suchen neugierige Geister nach den Ursprüngen des momentanen wirtschaftlichen Dilemmas. Auch das Interesse an den Ideen von Karl Marx erlebt einen Aufschwung. Und das nicht nur in linken Kreisen, sondern quer durch die politischen Lager.

David Harveys Buch erscheint deshalb zum richtigen Zeitpunkt in der deutschen Übersetzung. In den USA bringt der Sozialwissenschaftler Studenten seit beinahe vierzig Jahren Marx' Hauptwerk näher. Von dieser Erfahrung wird das Buch getragen. Harvey erzählt nicht nur den Inhalt jedes Kapitels des ersten Bandes nach. Er versucht, die mitunter verschlungenen und schwer verständlichen Gedankengänge von Marx zu ordnen und sein Vorgehen beim Verfassen des Werkes zu erklären. Das gelingt Harvey über weite Strecken in lockerer Sprache und frei von Dogmatismen. Er wendet sich an kritische, mitdenkende Leser. Mitunter bleibt er aber doch dem Marx'Schen Duktus verhaftet. Dann wird die Lektüre ebenso anstrengend wie das Original.

Aufschlussreich sind vor allem die Anknüpfungen an heutige Entwicklungen, speziell an die Finanzkrise: Harvey zeigt, dass durch die Analyse des Kapitalismus die Ursachen der aktuellen Weltfinanzkrise besser verständlich sind. Dazu nutzt er Beispiele wie die US-Hauskrise, die im Allgemeinen als Auslöser der Krise im Jahr 2008 gilt. "Diese Umverteilung durch den millionenfachen Immobilienverlust auf der einen und die riesigen Gewinne an der Wall Street auf der anderen Seiten stellt einen besonders krassen aktuellen Fall von Plünderung und legalisiertem Raub dar, der typisch für die Akkumulation durch Enteignung ist", schreibt Harvey.

Tatsächlich wurde Millionen Menschen Eigentum entwendet, das ihnen zuvor von Banken und Finanzinvestoren per Kreditfinanzierung aufgeschwatzt wurde. Vertreter der Branche machten Leuten mit viel zu geringem Einkommen den Kauf eines Hauses schmackhaft, indem sie die neuen und angeblich günstigen Finanzierungsmodelle priesen.

Als dann die Preise stiegen und viele ihre Kreditraten nicht mehr zahlen konnten, verloren sie ihre Häuser wieder und wurden zwangsgeräumt. Dieses System der Kapitalakkumulation in den Händen der Geldbranche ist besonders ausgeklügelt: Erst schaffen Finanzinvestoren ein künstliches Angebot. Später reißen sie sich die geschaffenen Werte unter den Nagel. Man muss kein glühender Marxist sein, um dieser Argumentation etwas abzugewinnen.

Das Buch ist für all jene eine Bereicherung, die Zugang zu Marx' Gedankenwelt suchen. Und auch diejenigen, die verschüttetes Wissen auffrischen wollen, werden auf ihre Kosten kommen.

Besprochen von Uli Müller

David Harvey: Marx' "Kapital" lesen
Ins Deutsche übersetzt von Christian Frings
VSA Verlag, Hamburg 2011
416 Seiten, 24,80 Euro

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