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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.03.2011

"Ich verließ mich selbst“

Ghislaine Dunant: "Ein Zusammenbruch“, Rotpunkt Verlag, Zürich 2011, 120 Seiten

Manchmal kann man einfach nicht mehr weiter. (AP-Archiv)
Manchmal kann man einfach nicht mehr weiter. (AP-Archiv)

Ghislaine Dunant hat das kleine Wunder vollbracht, die Leiden einer depressiven Frau von Anfang 20 in Worte zu fassen. Auch wenn sie selbst psychiatrisch behandelt wurde, ist ihr Roman fiktiv.

Depressionen sind eine Volkskrankheit, jeder fünfte Deutsche leidet im Laufe seines Lebens einmal an einer Depression. Dennoch ist die Krankheit nach wie vor ein Tabuthema.

Seelische Krankheiten werden von vielen immer noch als Überempfindsamkeit labiler Typen abgetan. Für die Betroffenen ist es daher schwer, über ihre Leiden zu sprechen – zumal es ohnehin nicht leicht ist, seelische Schmerzen zu beschreiben. Rückenschmerzen dagegen kennt jeder.

Ghislaine Dunant hat das kleine Wunder vollbracht, die Leiden einer depressiven Frau Anfang 20 in Worte zu fassen. Wahrscheinlich gelingt es ihr deshalb so prägnant und einfühlsam, weil sie selbst 1973 drei Monate in einer psychiatrischen Klinik verbrachte. "Ein Zusammenbruch" ist jedoch Fiktion.

Das Verstörendste an dem kurzen Roman ist, dass es keine Gründe für den Zusammenbruch der namenlosen Protagonistin gibt. Die Angst hat sich nach und nach in ihr Leben geschlichen und brachte erst Schlaflosigkeit mit sich, dann allgemeine Rastlosigkeit. Bis die Erschöpfte schließlich die Diagnose "krank" vernimmt und erleichtert in die Klinik geht. Sie verliert ihren Praktikumsplatz und ihren Freund, was Ghislaine Dunant nur am Rande erwähnt.

Der Fokus der Autorin liegt auf der Beschreibung der jungen Frau, die sich nichts sehnlicher wünscht als "die Begrenzung zu überschreiten", die sie vom Leben trennt, und dennoch keine Worte herausbringt: "Es gab etwas in mir, das alles zudeckte, was ich hätte sagen können"- dies ist einer der wenigen komplexen Sätze in "Ein Zusammenbruch". Ghislaine Dunant schreibt überwiegend in Hauptsätzen, als halte sich ihre Protagonistin an einem Geländer klarer grammatikalischer Strukturen fest.

Besonders die Passagen über die erste Zeit in der Klinik liest man mit trockenem Mund: Die Patientin fühlt sich wie ein scheues Tier von allem und allen bedroht. Sie schämt sich für ihre Krankheit, deren Behandlung ihr niemand erklärt (der Roman spielt in den 1970ern). Ich "näherte mich einem Zustand psychischer, sexueller und gefühlsmäßiger Betäubung, ich verließ mich selbst".

Ghislaine Dunant beschreibt das Elend der Kranken ganz ohne Pathos. Die Schrecken sind in Kopf und Seele der Protagonistin, nicht in der eher sanften Sprache. Dunant gelingt dabei das Kunststück, gleichzeitig aus der Innenperspektive und mitfühlend zu schreiben. Begegnungen mit dem Zimmernachbarn Robert läuten die Wende für die Protagonistin ein, denn er ähnelt einem Freund, hat Schreckliches erlebt und zwingt sich trotzdem zum Leben: "Ich sah jemanden, der versuchte, eine Person zu sein."

Verstörend ist "Ein Zusammenbruch" auch, weil Ghislaine Dunant kein Buch über Depressionen geschrieben hat, sondern eines über ein Lebensgefühl, das viele kennen: aus der Welt zu fallen und zu wissen, "mein Leben hatte keinen Sinn, das war es". Dunants Protagonistin wird klar, dass die Trennlinie zwischen denen, die an der Welt teilnehmen, und den anderen nicht sehr scharf ist: "Jeder kann einen Riss bekommen."

Besprochen von Dina Netz

Ghislaine Dunant: Ein Zusammenbruch
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Rotpunkt Verlag, Zürich 2011
120 Seiten, 17,50 Euro

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