Seit 23:30 Uhr Kulturnachrichten
 
Dienstag, 24. Mai 2016MESZ23:33 Uhr

Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.07.2013

"Ich habe meinen Roman umgebracht"

Die Schriftstellerin Juli Zeh reflektiert ihre Poetik-Vorlesung in Frankfurt

Juli Zeh findet, sie habe keine Poetik. (picture alliance / dpa / Susannah V. Vergau)
Juli Zeh findet, sie habe keine Poetik. (picture alliance / dpa / Susannah V. Vergau)

Ein Jahr lang hat die Schriftstellerin Juli Zeh die Frankfurter Poetikdozentur bestritten. Dabei hat sie über die Entstehung eines neuen Romans gesprochen - und dabei festgestellt, dass sie nicht abstrakt über ihre Arbeit reden und gleichzeitig schöpferisch tätig sein kann.

Die Poetikdozentur in Frankfurt gibt es seit 1959. Von Ingeborg Bachmann über Friedrich Dürrenmatt bis Heinrich Böll traten hier viele prominente Autoren ans Mikrofon. Abgeschaut hatte sich die Frankfurter Universität die Idee in Oxford, wo man die Tradition, Dichter als Dozenten einzuladen, längst pflegte. In diesem Semester war die Schriftstellerin Juli Zeh Vordenkerin im Frankfurter Hörsaal.

Ihr erste Reaktion allerdings sei ablehnend gewesen: "Was will ich denn da, ich habe doch gar keine Poetik." So habe sie ein Unbehagen, das Gefühl von Unvermögen, zunächst überwinden müssen. Gehalten hat die Schriftstellerin ihre Vorlesungen dann in Form eines E-Mail-Wechsels.

Nur so habe sie tatsächlich etwas ausdrücken können, sagt Zeh, die heute ihre letzte Vorlesung hält. Literaturwissenschaftler könnten ohnehin viel besser über Literatur sprechen als Autoren, findet Zeh: "Wir Autoren wissen höchstens besser, wie dich das Schreiben anfühlt." Darüber zu sprechen sei ihr aber nur möglich gewesen, indem sie eine "fast schon exhibitionistische Authentizität" hergestellt habe - durch das Verfassen von Briefen an fiktive Freunde.

Um Distanz zu vermeiden, habe sie schonungslos ehrlich sein müssen - doch die Schilderung profaner Dinge wie blinkende Cursor und plötzliche Putzanfälle habe das Schreiben fast entzaubert.

Dabei sei sie selbst überrascht gewesen, dass ihre steile Ausgangsthese "Wer Bücher schreibt, hat keine Poetik" im Laufe der Vorlesung bestätigt wurde. Sie habe für die Vorlesung versucht, den Entstehungsprozess eines Romans zu kommentieren, den sie ohnehin schreiben wollte. "Am Ende wurde mir klar, dass ich diesen nie schreiben werde", sagt Zeh. Sie haben den Roman quasi umgebracht, indem sie im Entstehungsstadium über diesen gesprochen habe. Ihre Erkenntnis: "Ich kann nicht abstrakt über meine Literatur reden und gleichzeitig schöpferisch tätig sein."

Das vollständige Gespräch mit Juli Zeh können Sie bis mindestens 10. Dezember 2013 als MP3-Audio in unserem Audio-On-Demand-Angebot nachhören.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsKritiker wüten gegen Cannes-Juroren
Die Cannes-Jury 2016: der französische Regisseur Arnaud Desplechin, der ungarische Regisseur Laszlo Nemes, die französische Schauspielerin Vanessa Paradis, die iranische Produzentin Katayoon Shahabi, der australische Regisseur George Miller, die italienische Schauspielerin Valeria Golino, US-Schauspielerin Kirsten Dunst, der kanadische Schauspieler Donald Sutherland und der dänische Schauspieler Mads Mikkelsen. (picture alliance / dpa / Ian Langsdon)

Die Gemeinde der internationalen Filmkritiker ist aufgebracht: Die Juroren der Filmfestspiele in Cannes haben den unisono bejubelten deutschen Beitrag "Toni Erdmann" komplett ignoriert. Das sei "völlig unangebracht und unverständlich". Mehr

weitere Beiträge

Fazit

Bob Dylan wird 75Müde Diva mit hellwachen Texten
Bob Dylan bei einem Auftritt am 22.7.2012 während des Vieilles Carrues Festivals im französischen Carhaix (picture alliance / dpa / O. Lejeune)

Unnahbar, seltsam und empfindlich: Als erster radikaler Protestsänger eroberte er mit einem Antikriegslied die Hitparaden. Seit Jahrzehnten enttäuscht Bob Dylan regelmäßig seine Fans und bringt die Welt zum Grübeln. Daran wird auch sein 75. Geburtstag nichts ändern.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

fghjghj