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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 18.11.2012

"Ich habe lange nicht an den Film geglaubt"

Regisseur Axel Ranisch über seinen Festivalerfolg "Dicke Mädchen"

Moderation: Liliane von Billerbeck

Regisseur Axel Ranisch hat den Film mit zwei Freunden und seiner Oma gedreht. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Regisseur Axel Ranisch hat den Film mit zwei Freunden und seiner Oma gedreht. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Eigentlich wollte Axel Ranisch nur möglichst schnell seinen Diplomfilm drehen - ganz ohne Drehbuch und mit einem Budget von gerade mal 500 Euro. Der Film "Dicke Mädchen" wurde zum Überraschungserfolg - und kommt nun auch in die deutschen Kinos.

Liliane von Billerbeck: Ich grüße Sie, Herr Ranisch!

Axel Ranisch: Guten Tag!

von Billerbeck: Für Zuschauer, die sich vorher nicht groß eingelesen haben, da könnte der Titel "Dicke Mädchen" ja einigermaßen irreführend sein, denn da spielen ziemlich pfundige Kerle in den besten Jahren. Warum dieser Titel?

Ranisch: Nun, wir waren am See, wir haben so eine Szene am See gedreht, die ist auch sehr ausführlich im Film, bestimmt zehn Minuten oder so, und der Sohn von dem Schauspieler Heiko Pinkowski, der war mit dabei, der spielt im Film auch mit, der spielt den Sohn von Daniel. Und der hat sich das angeguckt, wie die beiden Männer da so verrückt spielen am See und mit Schlamm sich beschmieren und Aborigine-Rituale machen, und der sagte: Ihr benehmt euch wie zwei dicke Mädchen.

von Billerbeck: Und zack, war der Titel da.

Ranisch: Ja. Das hat noch so einen Tag gedauert, aber ich fand den gut.

von Billerbeck: Nun sind das ja richtig dicke Männer. Ist das so ein bisschen auch Ihre Kampfansage an den Schlankheitswahn unserer Zeit?

Ranisch: Ja, klar. Also ich meine, ich bin jetzt selbst nicht wahnsinnig dünn, also ich passe ...

von Billerbeck: Kann man nicht sagen.

Ranisch: ... auch sehr gut in diese Kategorie rein, und, ja, irgendwie interessiert mich der ganz normale Mensch so und seine Geschichte und seine Tragödien und sein Spaß und sein Humor, und ich brauche auch nicht immer diese Schönheitsideale oder so. Das ist halt ... Klar ist das eine Kampfansage.

von Billerbeck: Nun konnte man ja nachlesen, dass Sie lange an Ihrem Abschlussfilm für die Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg herumgedoktert haben und erst anderweitig unterwegs waren. Woran sind Sie denn zunächst gescheitert?

Ranisch: Na ja, man stellt sich als Student einer Filmhochschule immer vor, man macht so einen richtig dicken Abschlussfilm, so der erste Film, der wird dann ... der kostet eine Million Euro und man haut richtig auf die Kacke und man hat Sender, die daran beteiligt sind, und man macht das mit einer großen Produktionsfirma - und diesen Wunsch hatte ich halt auch.

Nun ist das aber so, dass wenn man noch ein unbekannter Filmstudent ist und bisher nur Kurzfilme gemacht hat, kannst du ja dem nicht einfach so eine Million Euro in die Hand drücken und sagen, nun mach mal irgendwie, sondern da wollen natürlich Redakteure und Produzenten auch auf Sicherheit gehen. Und so haben wir halt nach der ersten Drehbuchfassung immer weiter verbessert, immer überarbeitet, bis die zweite, dritte, vierte, fünfte Drehbuchfassung kam, die sechste, siebte …

von Billerbeck: … verschlimmbessert?

Ranisch: Ja, am Ende waren es elf Drehbuchfassungen, und ich war dann nicht mehr glücklich damit. Also die elfte Drehbuchfassung hatte nicht so wahnsinnig viel mit dem zu tun, was wir am Anfang mal wollten. Und dann habe ich gesagt, so, stopp, ich brauche jetzt eine Pause, ich habe jetzt zwei Jahre lang keinen Film gemacht, ich muss mal wieder Regie führen, ich muss einfach mal aus mir raus.

Und so ist dann etwas völlig anderes entstanden, nämlich "Dicke Mädchen" mit zwei befreundeten, großartigen Schauspielern und meiner eigenen Oma. Und letztendlich war da ... Wir hatten dann kein Drehbuch, ich habe gesagt, so, scheiß jetzt auf Drehbuch, ich will jetzt keine Dialoge und ich will keine Kompromisse mehr, wir machen hier eine Handlung, unsere Geschichte, die ist schön, und dann improvisieren wir das einfach los.

von Billerbeck: Nun könnte man ja sagen, Geist schlägt Geld, was Ihren Film angeht, also James Bond, der hat, ich weiß nicht, 250 Millionen gekostet, Tom Tykwer ist auch irgendwie der teuerste deutsche Film aller Zeiten. Was hat Sie denn letztlich dazu gebracht, die 517,32 - woher wissen Sie eigentlich genau, dass es so viel war - auszugeben?

Ranisch: Ja, wir haben das zusammengerechnet, also das waren dann halt irgendwie so acht oder neun Quittungen, eine Benzinquittung, Mini-DV-Kassetten, was zum Frühstück, Sachen, die wir vor der Kamera gegessen haben - das ergab dann am Ende 517 Euro. Die Kamera hatte ich selber, das ist meine alte kleine schrammelige Mini-DV-Kamera, das ist so die einzige, die ich bedienen kann, und den Schnittcomputer hatte ich auch, und so kam es zu dieser Summe. Also das war halt erst mal das Geld, für das wir den Film gemacht haben.

von Billerbeck: Sieht ja auch manchmal so ein bisschen wie ein Homevideo aus.

Ranisch: Ja.

von Billerbeck: Also das hatte vermutlich mit den Bedingungen zu tun und war keine Absicht, oder?

Ranisch: Na ja, doch, wir haben uns schon dafür entschieden, das jetzt auch so zu machen. Also ich wusste ja auch, dass das Konsequenzen hat, wenn ich jetzt die Kamera selber mache und ich kein Licht setze, dass das alles ganz furchtbar aussehen wird. Aber wir haben den Film ja auch ohne Vorsatz gedreht. Ich brauchte was für mein Diplom, ganz einfach, der andere Film hatte sich immer verlängert und die Hochschule wollte mich rausschmeißen, ich brauchte also einen Diplomfilm, und dafür haben wir den gemacht. Dass der irgendwann mal auf Festivals läuft oder geschweige denn ins Kino kommt, das war uns ja völlig unklar.

von Billerbeck: Axel Ranisch ist unser Gast, der Regisseur, Schauspieler und Kameramann von "Dicke Mädchen", dem Film, der jetzt in den Kinos läuft. Nun haben Sie auch noch charmanterweise eine Produktionsfirma gegründet mit dem schönen Namen "Sehr gute Filme". Was macht denn für Sie einen guten Film aus?

Ranisch: Einen sehr guten Film macht aus, dass ...

von Billerbeck: Einen sehr guten Film, genau.

Ranisch: ... dass alle Beteiligten den Freiraum haben, auf ihre Intuition zu hören, das ist das Allerwichtigste von allem. Weil Intuition wird oftmals so übergebügelt, und ich glaube, Intuition ist die ganze Grundlage für eine echte und warmherzige Geschichte, für echtes Spiel und für ... dass man darauf hört, was richtig ist. Weil wenn ich mir immer nur am Schreibtisch alles ausdenke, dann kann das zum Teil sehr abstrakt sein, dann muss das auch nicht heißen, dass das stimmt. Die Schauspieler, die in ihren Figuren stecken, die wissen oft viel besser Bescheid, wie sie handeln müssen als der Regisseur, der sich diese Figuren ausgedacht hat.

von Billerbeck: Im Idealfall.

Ranisch: Ja, im Idealfall. Und also bei meinen Schauspielern war das so. Und dann muss man halt einfach den Freiraum und die Flexibilität haben, auf die Dinge reagieren zu können, und das hat große Konsequenzen, also bis hin zur Produktion, dass man dann chronologisch drehen muss und nicht irgendwie zeitversetzt - und das ist halt so im deutschen Film eigentlich nicht Usus, weil da hat man halt gern Kontrolle, da weiß man, ...

von Billerbeck: Sehr deutsch.

Ranisch: Ja, genau, sehr deutsch halt.

von Billerbeck: Nun braucht man aber trotzdem, kann man drei Mal ganz unabhängig bleiben wollen, immer Leute, die einem Mut machen, die einem ein bisschen helfen, die sich vielleicht auch ein bisschen in dem Geschäft auskennen, weil man sich vielleicht als Filmstudent noch nicht so gut auskennt. Wer war das bei Ihnen?

Ranisch: Ja, während des Studiums war es Rosa von Praunheim, mein Professor, der für mich beste Professor, den man hätte haben können, weil der ...

von Billerbeck: Warum?

Ranisch: ... durch seine ... Ja, also Rosas Philosophie war halt auch immer: Wenn du eine gute Geschichte hast und das Herz an der richtigen Stelle, dann kannst du einen Film drehen auch ohne finanzielle Mittel oder eine tolle Kamera oder so. Du kannst es halt einfach machen. Und sowieso - Filme machen ist Lernen durch Praxis. Also wir haben halt bei Rosa auch immer jede Woche eine Filmhausaufgabe gekriegt und mussten jede Woche irgendeinen Kurzfilm drehen.

von Billerbeck: Was war das zum Beispiel?

Ranisch: Na ja, zum Beispiel, dass er sagte am Freitag, wenn wir zusammen saßen: Ja, und bis Montag müsst ihr einen Film drehen über das Wochenende, zwei Personen in einem Raum, der muss 15 Minuten lang sein. So. Und er hat uns immer diese Beschränkungen gegeben, um dann halt kreativ zu sein. Und dann haben wir den gedreht am Wochenende, haben uns halt irgendwelche Freunde oder Schauspielstudenten genommen, das gedreht, am Montag dann gezeigt und dann miteinander ausgewertet. Und so gab es immer, jede Woche eine Filmhausaufgabe.

Mal sollten wir uns ein Kamerakonzept ausdenken, mal sollten wir einen Dokumentarfilm drehen, also so tun, ein Mockumentary, so tun, als ob wir einen Dokumentarfilm drehen und dafür Schauspieler ... immer so Aufgaben, er hat sich da immer was ausgedacht. Er hat uns in den Knast gesteckt, zwei Wochen Einzelhaft, und dann sollten wir da einen Film drehen - haufenweise Ideen. Wir haben halt drei Wochen nur nachts Unterricht gemacht. Für mich war das großartig, also weil einfach die viele Praxis das war, was letztendlich auch Übung ausmacht, also dass ich mich halt beim Drehen wohlfühle, dass das Handwerk ist, dass ich keine Angst habe vor Schauspielern oder so. Das habe ich alles Rosa zu verdanken.

von Billerbeck: In Ihrem Film mussten Sie ja gar keine Angst haben, weil das waren ja letztlich Freunde und Ihre Oma, das ist ja überhaupt die verrückteste Nummer. Also hatten Sie vorher eigentlich eine Ahnung - die spielt im Film Ihre demente Mutter -, hatten Sie vorher eigentlich eine Ahnung, was da für ein schauspielerisches Talent in Ihrer Oma steckt?

Ranisch: Also so sehr wusste ich das nicht. Wir haben ein paar Kurzfilme vorher gedreht, da hatte sie aber auch nie Text, und natürlich ist sie halt immer hinreißend mit ihrer offenen Art und dass sie auch nie nein sagt oder so, aber dass sie so brillant ist vor der Kamera und dass das so gut funktioniert in der Kombination mit Heiko und Peter, also das hätte ich nicht geahnt. Ich wusste auch nicht, wie lang der Film wird, ich dachte am Anfang, eine halbe Stunde, aber dass das trägt, das hat sich dann auch erst beim Dreh herausgestellt.

von Billerbeck: Ihre Oma wird ja inzwischen auch auf den Festivals gefeiert, ist ja schon eine tolle Nummer, ja, mit 90 Jahren, und Ihr Film ist ein kleiner Festivalschlager. Erinnern Sie sich eigentlich noch an das Gefühl, als Sie den Film das erste Mal vor einem größeren Publikum gezeigt haben?

Ranisch: Ja.

von Billerbeck: Wie war das?

Ranisch: Das war irre. Ich habe ja tatsächlich sehr lange nicht an den Film geglaubt oder sagen wir so, ich dachte halt immer, das ist jetzt halt eine Übung und das war jetzt wichtig, das ist mein Diplomfilm, ich bin froh, dass ich mal wieder was gemacht habe. Aber dass der jetzt so eine Kraft entfalten kann oder so gut beim Publikum ankommen kann, daran habe ich lange nicht geglaubt.

Und dann hatten wir unsere Uraufführung bei den Hofer Filmtagen, und das war so ein relativ kleines Kino zur Mittagszeit, also 13 Uhr oder so, es war jetzt auch nicht abzusehen, dass das voll sein würde, aber das war brechend voll, die Leute sahen den Film, der war im falschen Format, der Ton war zu laut, es war eigentlich grauenhaft, und ich habe das gar nicht mitgekriegt, wie die Leute reagieren.

Ich dachte nur, oh Gott, das ist im falschen Format und was hast du da eigentlich alles falsch gemacht und das hätte man besser machen können - und dann war der zu Ende und mit einem Mal kommt ein Applaus und der hört nicht mehr auf. Und dann sind wir nach vorne gegangen und dann hatte Oma Tränen in den Augen und die hörten gar nicht mehr auf zu applaudieren. Das war so eine Mischung aus großem Erstaunen und natürlich einer irren Begeisterung. Ich bin da nur mit Grinsen rumgelaufen so.

von Billerbeck: Sie haben ja interessanterweise auch, obwohl Sie ja ohne Drehbuch gearbeitet haben, einen Drehbuchpreis gekriegt. Das ist doch ein bisschen hochstaplermäßig.

Ranisch: Na ja, ich kann ja nichts dafür. Ich entschuldige mich auch bei allen Drehbuchautoren dieser Welt, dass das passiert ist. Aber die Jury hat gesagt, das war beim Kinofest in Lünen, und die wussten, dass wir kein Drehbuch hatten. Und die haben dann nachher in ihrer Begründung gesagt: Na ja, wir haben ja nur die fertigen Filme gesehen, die Drehbücher haben wir nicht gelesen. Und deshalb hat uns der jetzt da am besten gefallen. Wir sind natürlich stolz drauf, aber es ist auch ein bisschen peinlich.

von Billerbeck: Nun läuft er ja in den Kinos, es war ja nicht zu erwarten, dass der richtig normal in die Kinos kommt, das ist ja wirklich eine Überraschung.

Ranisch: Nein, wir haben einen total verrückten und mutigen Verleih gefunden, die das Wagnis eingegangen sind, zu sagen, okay, jetzt bringen wir diese Mini-DV-Streifen tatsächlich ins Kino, ist irre.

von Billerbeck: Dann wünschen wir Ihnen genauso interessiertes, lustiges, begeistertes Publikum wie in Hofen.

Ranisch: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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