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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.06.2007

"Ich habe immer heimlich geschrieben"

Zum Tod des Büchner-Preisträgers Wolfgang Hilbig

Von Michael Opitz

Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig im Jahr 2001. Hilbig starb am Samstag, 2. Juni 2007 in Folge eines langen Krebsleidens. (AP)
Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig im Jahr 2001. Hilbig starb am Samstag, 2. Juni 2007 in Folge eines langen Krebsleidens. (AP)

Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig ist im Alter von 65 Jahren gestorben. Nach Angaben seines Verlages S. Fischer erlag Hilbig am Samstag in Berlin den Folgen eines schweren Krebsleidens. Als sein bekanntestes Werk gilt der 1993 erschienene Roman "Ich" über einen Lyriker, der als Spitzel für die Stasi arbeitet. 2002 wurde Hilbig mit der bedeutendsten deutschen Literaturauszeichnung, dem Georg-Büchner-Preis, geehrt.

"Ich habe immer heimlich geschrieben. Erst geschrieben, wenn die anderen schlafen gegangen waren."

Als Wolfgang Hilbig noch harter körperlicher Arbeit nachgehen musste, hat er dem Schlaf die Zeit abgetrotzt, die er zum Schreiben brauchte. Lange Jahre hat sich der Schlaf, ein Gefährte des Todes, dies gefallen lassen. Heute hat er sein Recht eingefordert. Wolfgang Hilbig starb im Alter von 65 Jahren.

Das Wort "Schlaf" ist eines der Lieblingswörter des 2002 mit dem Büchner-Preis ausgezeichneten Autors. In seiner Erzählung "Grünes grünes Grab" bahnt sich ein vor Müdigkeit fühllos gewordener Protagonist seinen Weg durch eine verkrustete Landschaft, um zu einem Ort seiner Kindheit zu gelangen. Als er ihn findet, legt er sich hin und schläft sofort ein. Hilbigs Figuren sind unterwegs auf der Suche nach Geborgenheit, nach jenen Orten, die es ihnen erlauben würden, ohne Angst einschlafen zu können.

Vom Schlaf handeln auch die Erzählungen des zuletzt erschienenen Bandes "Schlaf der Gerechten". Aber anders als die Gerechten, die Schlaf finden, weil sie frei von Schuld sind, werden Hilbigs jugendliche Helden von Alpträumen heimgesucht. Sie schlafen schlecht in Betten, die durch den Tod von nahen Verwandten frei geworden sind. Denn die Verstorbenen machen nicht einfach Platz, sondern sie verschaffen sich Zugang zu den Erinnerungen der Überlebenden und rauben ihnen den Schlaf.

leben
einer sitzt nervös auf dem abtritt rafft
die hose auf den dürren knien quält sich
mit seinem stuhlgang der andre lehnt lässig
am pfosten der offnen tür raucht und während
er halblaut einspricht auf den sitzenden schiebt er
mit dem fuß zerstreut einen fetzen zeitungspapier
hin und her durch die pfützen auf dem steinboden
während nebenan ein dritter seinen harn ins becken
läßt deutlich hörbar überm geräusch
der defekten wasserspülung -

nun? wirst du fragen - nichts
nichts als dies ist das leben was
glaubtest du sonst -


Die Deutschen haben einen Dichter verloren und der deutschen Literatur wird eine Stimme fehlen. Wolfgang Hilbig hat sprachlich elegant von geschundenen Landschaften zu erzählen gewusst. Doch Schönheit war ihm kein Selbstzweck. Er wollte, dass in dem Funken, den er aus der Sprache schlug, die Konturen einer apokalyptisch anmutenden Geschichtslandschaft aufscheinen. Franz Fühmann, einer der wichtigen Förderer der deutschen Literatur, hat von Hilbigs Texten gesagt, darin würden "Latrinenlandschaften" entworfen, die nach der Würde der Gattung Mensch fragen. Schöne Gegenden sagten Hilbig nichts. Gegen die Verführbarkeit von Idyllen musste er sich nicht schützen, er konnte über sie hinwegsehen. Seine Perspektive blieb der Blick von unten, er schaute wie der Ich-Erzähler in "Die Weiber" aus vergitterten Kellern nach oben. An dieser Perspektive hat er festgehalten, auch nach 1989. Es gab keinen Grund für ihn, sie zu ändern.

" Ich habe gelebt wie ein Arbeiter und mich erst nachts in einen Schriftsteller verwandelt. "

Zwar entsprach der schreibende Arbeiter den Vorstellungen der Kulturoffiziellen in der DDR. Anders allerdings verhielt es sich mit seinen Texten, in denen die Schattenseiten der sozialistischen Wirklichkeit zur Sprache kamen, sodass bis auf "Stimme, Stimme" keines seiner Bücher in der DDR erscheinen konnte. Hilbig debütierte 1979 mit dem Gedichtband "Abwesenheit" in der Bundesrepublik, in die er 1985 übersiedelte. Er wurde vertrieben aus dem einen Land und konnte nicht ankommen in dem anderen. Die Erfahrung, dass Gesellschaften Provisorien sind, teilte er mit der zentralen Figur seines Romans "Das Provisorium".

"Wir werden nicht vermisst unsere worte sind gefrorene fetzen", heißt es in dem Titelgedicht des Bandes "Abwesenheit". Gerade wegen seiner Worte, die Hilbig wie nur wenige zu setzen verstand, wird er vermisst werden.

In Erzählungen wie die "Kunde von den Bäumen" oder "Alte Abdeckerei" richten die Protagonisten ihre Aufmerksamkeit auf den Boden. Sie wühlen in der Asche nach den bedeutenden, aber abwesenden Geschichten, die weggeworfen wurden und nun darauf warten aus dem Bett aus Müll hervorgeholt zu werden. Als die Figuren erkennen, dass sich in den verschlafenen und gänzlich langweilig anmutenden Winkeln, im Abseits, Bedeutendes ereignet, gehen ihnen die Augen auf.

fragwürdige rückkehr (altes kesselhaus)

als wär seither noch keine zeit vergangen
faulen im salpeterweiß die selben wände
und in den winkeln wie seit ewigkeiten hangen
die vagen spinnen noch an ihrer fäden ende

die stühle sind mit staub bedeckt und zeigen
wie nah sie dem zerbrechen sind im golde
der sonnenflecken die durch blind zersprungne scheiben
hereingefallen sind im roten abendneigen

es ist als ob ich wiederkommen sollte
und etwas auch als wollt es mich vertreiben
es ist als ob noch keine zeit vergangen wäre

säumnis -
als zögerte noch immer in den wänden
weil ich nicht wegbleib und nicht wiederkehre
ein feuriger wink von geisterhaften händen."

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