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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.04.2011

Ich bin Jude und wer bist du?

Lena Gorelik: "Lieber Mischa", Graf Verlag, 2011, 185 Seiten

Blick in ein jüdischen Zuhause (AP Archiv)
Blick in ein jüdischen Zuhause (AP Archiv)

Lena Gorelik erzählt von den Nachteilen, als Jüdin in Deutschland zu leben. Sie wiegen die Vorteile leider wieder auf.

Lena Goreliks Hund ist ein Rabbi. Zumindest sieht er so aus - er hat einen schwarzen Bart, er isst kein Schweinefleisch, betritt an Samstagen keine öffentlichen Verkehrsmittel, seine Blickrichtung geht meist gen Jerusalem und hin und wieder scheint er auch zu beten. Oder ist es seine Art zu meditieren? In jedem Fall wird das Tier Rabbi genannt.

So viel zum Thema Respekt vor religiösen Instanzen. Nein, das dritte Buch der aus Russland stammenden Autorin Lena Gorelik ist kein Bekenntnis zur jüdischen Religion, zumindest nicht am Anfang. Es ist eher ein ironisches Spiel damit. Es ist die Freude an der als typisch angesehenen Diskussions- und Streitkultur. Vor allem aber ist es die Vorbereitung ihres Sohnes auf ein Leben als Jude in Deutschland.

"Lieber Mischa" - so spricht sie ihn an und konfrontiert das arme Kind gleich zu Beginn dieses hoch amüsanten Buches mit ein paar antisemitischen Vorurteilen. Damit er einfach schon mal weiß, was zum Teil bis heute über Juden verbreitet wird: von Wucherzinsen über weltweit agierenden Lobbyismus bis hin zur Hakennase.

Schon hier gibt Lena Gorelik den Ton des Buches vor – sie führt die Klischees spielerisch ad absurdum, nicht moralisierend. Beim Thema Wucherzinsen fällt ihr nur ein, dass sie selbst allzu gern einen "Bücherjudenzins" einführen würde, denn sie verleiht viel zu viele Bücher, die sie nie zurückbekommt. Am Ende hätte sie "Geld und Bücher", nicht nur eins von beidem.

Und so zieht die 1981 in St. Petersburg geborene und mit elf nach Deutschland gekommene russische Jüdin Gorelik - teils ironisch, teils bitter-böse - über das Jüdischsein hierzulande her, dass man hin und her gerissen wird zwischen ihrer willkommenen Hemdsärmeligkeit und der Koketterie im Umgang mit ihrer Identität.

Lena Gorelik lässt dabei den Erwartungsdruck spüren, den die nicht-jüdische Mehrheit in Deutschland an sie hat. Wenn sie Jüdin ist, dann muss sie doch zum Nahost-Konflikt was sagen können, dann darf sie doch keine bösen Witze über das Leiden der Juden machen – und so weiter. Was sie alles soll, darf und muss – davon will sie sich in diesem langen Brief an ihren Sohn befreien. Was ihr ohne Zweifel gelingt.

Dabei verhehlt sie aber auch Ambivalenzen nicht und öffnet ihr Herz, oder besser ihre beiden Herzen – "ein aufgeklärtes" und "ein jüdisches": Der Ehe-Zukunft ihres Sohnes widmet sie ein ganzes Kapitel. Was wird zum Beispiel, wenn Mischa ausgerechnet eine Maria mit nach Hause bringt und sie beim familiären "Mazel tov!" plötzlich fragt: "Was heißt denn Massel tohf?" In diesem Moment schweigt das "aufgeklärte" Mutter-Herz. Und das "jüdische" Mutter-Herz denkt: "Oj vej", irgendwie schade, dass sie keine Jüdin ist. Denn – natürlich! – geht das Glück und die Liebe des Sohnes vor. Er könnte vermutlich auch eine agnostische Hinduistin heiraten, aber: "Es wäre vielleicht doch nett, wenn du eine Jüdin heiraten würdest." Und sie fügt hinzu: "Oder einen Juden."

Was aber genau bedeutet nun das Judentum für Lena Gorelik? Nach der Lektüre scheint es vor allem eine Zugehörigkeit, der man kaum entfliehen kann, sei man nun religiös oder nicht. Nicht einmal Schweinefleisch bringt einen raus aus diesem Club. "Man tritt dem Judentum nicht bei", schreibt sie an einer Stelle. Und wenn man es doch will – unter erschwerten Bedingungen – dann kann sie nur sagen: "Selbst schuld, wer da freiwillig mitmachen möchte."

Besprochen von Vladimir Balzer

Lena Gorelik: Lieber Mischa
Graf-Verlag, 2011
185 Seiten, 18 Euro

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