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Lesart / Archiv | Beitrag vom 14.10.2007

Ich bin dann mal da

Miriam Meckel: "Das Glück der Unerreichbarkeit - Wege aus der Kommunikationsfalle". Murmann Verlag 2007

Rezensiert von Norbert Bolz

Freiheit ist heute ein existenzielles Funkloch. (Deutschlandradio / Andreas Lemke)
Freiheit ist heute ein existenzielles Funkloch. (Deutschlandradio / Andreas Lemke)

Miriam Meckel war einmal die jüngste Professorin Deutschlands. Sie wurde rasch Regierungssprecherin und Staatssekretärin in Nordrhein-Westfalen. Heute lehrt sie an der renommierten Universität St. Gallen in der Schweiz. Fehlt eigentlich nur noch ein gutes Buch. Es soll Wege aus der Kommunikationsfalle aufzeigen, und der Titel "Das Glück der Unerreichbarkeit" klingt tatsächlich schon nach Bestseller.

"Die sporadische Unerreichbarkeit kann nicht nur glücklich machen, sondern auch begehrt. Heute ist nahezu alles für jeden erreichbar. Aber wenn alles erreichbar ist, ist nichts mehr herausgehoben. In diesem Lebensumfeld wird Unerreichbarkeit zum Differenzierungsmerkmal unserer Zeit."

Es handelt sich nicht um eine Analyse der modernen Medienwirklichkeit, sondern um ein Sachbuch im amerikanischen Stil - locker plaudernd, mit tausend Beispielen aus dem eigenen Leben. Das Buch wendet sich also nicht an Wissenschaftler und interessierte Laien, die neugierig sind, sondern an erfolgreiche Geschäftsleute, die unglücklich sind.

Worum geht es? Die neuen Medien üben einen sozialen Anschlusszwang aus: Man kann nicht nein zu ihnen sagen, ohne jemand von gestern zu sein. Aber wer mitmacht, ist rasch gestresst. Immer weiter öffnet sich die Schere zwischen dem technisch Möglichen und unserer knappen Lebenszeit. Unentwegt senden, empfangen, speichern und manipulieren wir Informationen. Deshalb ist unser zentrales Problem das Management von Aufmerksamkeit.

Das gilt vor allem für die Arbeitswelt, die sich zunehmend in eine Kommunikationswelt verwandelt. Mit dem Handy und dem Laptop haben sich die Kommunikationsmedien erstmals von festen Standorten abgelöst. Das Büro ist nun überall, wo ich Internetanschluss habe. Früher ging man ins Büro - heute loggt man sich ins Netz ein. So emanzipiert sich die Arbeit vom Arbeitsplatz. Mit dem Black Berry, dem Lieblingsspielzeug der Autorin, hält man sein Büro in der Hand.

Mobilität der Kommunikation heißt aber auch Erreichbarkeit: allzeit bereit sein. Das virtuelle mobile Ich, das Miriam Meckel beschreibt, ist also technisch ans Netz angeschlossen - aber ist es auch sozial angebunden? Kann der, der immer erreichbar ist, für jemanden wirklich da sein?

Der Titel "Das Glück der Unerreichbarkeit" signalisiert ja schon, dass die Rettung vor der Informationsflut in einem "existenziellen Funkloch" liegen muss. Mit anderen Worten: Der wahre Luxus unserer Zeit liegt darin, sich auf kluge Weise technisch unerreichbar zu machen, um für jemanden wirklich da sein zu können.

Miriam Meckel: Das Glück der Unerreichbarkeit - Wege aus der Kommunikationsfalle (Coverausschnitt) (Murmann Verlag)Miriam Meckel: Das Glück der Unerreichbarkeit - Wege aus der Kommunikationsfalle (Coverausschnitt) (Murmann Verlag)Doch auch nach der Lektüre dieses Buches bleibt schleierhaft, wie gelungene Kommunikation zwischen Medienwirklichkeit und Lebensglück vermitteln soll. Miriam Meckel will nun aber gerade nicht den Eindruck vermitteln, die Medientechnik sei unser Schicksal, sondern sie hält sie für ein Instrument, das man klug und dumm verwenden kann. Deshalb wird die Autorin vielfach zur Mahnerin. Die Leute seien heute maßlos in ihrem Kommunikationsverhalten, weil sie von einer Sucht nach Aufmerksamkeit getrieben seien: Ich blogge, also bin ich.

Hinzu kommt, dass viele Menschen heute den Vorrang technischer Kommunikation durch eine vollständige Rücksichtslosigkeit gegenüber der sozialen Situation demonstrieren. Man unterbricht ganz selbstverständlich das Gespräch, wenn das Handy klingelt. Für diese Leute, denen technische Kommunikation über alles geht, hat Miriam Meckel kräftige Worte parat:

"Wer seine heutigen Verbindungsmöglichkeiten kompromisslos nutzt, ist nichts anderes als ein Workaholic, der nicht weiß, wann Arbeit auch mal enden muss. Er ist ein Ignorant, der seine sozialen Kontakte aus Spiel setzt, und ein Flegel, der nicht weiß, was sich gehört."

Gut gebrüllt, Löwin.

Wir ertragen die Medienwirklichkeit offenbar nur, wenn es für ihre Zumutungen humane Kompensationen gibt. Kommunikation müsste sich vom Kult zur Kultur entwickeln. Doch wenn man als Leser einmal ganz naiv fragt, wie öffentliche Medien und privates Glück durch geglückte Kommunikation vermittelt werden sollen, hat die Autorin nur die uralten Patentrezepte der Managementgurus bereit: Flow und Simplify your life.

Flow soll heißen: sich intelligent treiben zu lassen im Meer der Informationen und Optionen - allen Ernstes empfiehlt uns die Autorin hier die Quallen als Vorbild zeitgemäßer Lebensführung. Und Simplify your life ist die Religion der Einfachheit für alle, die nicht denken wollen. Das ist nicht viel. Doch vielleicht wäre auch hier mehr weniger. Denn das Buch richtet sich ja, wie gesagt, an unglückliche Manager und solche, die es werden wollen. Und da muss man natürlich auch die Knappheit der Lesezeit kalkulieren.

"Das Glück der Unerreichbarkeit" ist witzig, intelligent und elegant geschrieben - ideal für eine Fahrt im ICE von Berlin nach Hamburg und zurück. Und die meisten Leser werden dankbar vermerken, dass sie sich das alles auch schon selbst gedacht haben.

Bekanntlich hält sich seit Monaten ein Buch des Komikers Hape Kerkeling an der Spitze der Bestseller-Listen. Es hat den schönen Titel: Ich bin dann mal weg. Man muss den Mut und die pfiffige Ironie von Miriam Meckel bewundern, damit in Idealkonkurrenz zu treten. Denn der letzte Satz ihres Buches lautet: "Ich bin dann mal da".

Miriam Meckel: Das Glück der Unerreichbarkeit - Wege aus der Kommunikationsfalle
Murmann Verlag 2007

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