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''Ich bin auch Malente-geschädigt''

Die WM-Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft

Von Jasper Barenberg

Rudi Völler im Jahr 2004
Rudi Völler im Jahr 2004 (AP)

"Ich bin auch Malente-geschädigt", erinnert sich Rudi Völler an die Sportschule Malente in Schleswig-Holstein, wo sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mehrfach auf große Turniere vorbereitete. Beim Stichwort Malente, Inbegriff deutscher Fußballkasernenkultur, schaudert es Völler noch heute; in Malente war er 1994 vor dem Turnier in den USA zwei Wochen lang mit dem Nationalteam eingesperrt.

Wenn die Mannschaft morgens um acht zum Dauerlauf durch die holsteinische Landschaft startete, standen stets dieselben Feriengäste am Straßenrand. Nichts passierte - außer dem, was immer passierte, und bald ging man sich gepflegt auf den Geist. Dennoch spielte die deutsche Elf nach der Kasernierung oft große Turniere und wurde Welt- und Europameister. Was aber auch daran gelegen haben könnte, dass sich einige Spieler immer mal wieder nachts unerlaubt aus dem Lager entfernt hatten.

Anpfiff in der Sportschule von Malente. Nur ein paar Zuschauer sind gekommen. In Regenjacken stemmen sie sich gegen den auffrischenden Wind. Auch wenn die Protagonisten nicht Ballack, Klose oder Mertesacker heißen, sondern Griesbach, Ziesecke und Hansen: Auf dem Rasen des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes sehen sie eine unterhaltsame Partie. Die Spieler von Holstein Kiel in den weißen Trikots gelten als Favoriten und setzen die in gelb spielenden Gegner von Flensburg 08 gleich mächtig unter Druck. Ein Pass, eine Flanke vors Tor – der Schuss segelt nur um Haaresbreite daran vorbei.

Drinnen, im holzgetäfelten Sitzungszimmer des Vorstands, rückt sich Schulleiter Klaus Jespersen einen Stuhl zurecht. Er trägt Turnschuhe, Trainingshose und einen Vollbart. Durch das große Panoramafenster kann er das Geschehen draußen bestens verfolgen. Über den frisch gemähten Rasen blickt er den Hang hinunter: Auf dem einen Feld spielt der Büdelsdorfer TSV gegen den Kaltenkirchener TS, auf dem anderen Flensburg gegen die Jungs aus Kiel.

"Das ist ein A-Jugend-Pokalturnier für Schleswig-Holstein. Das beginnt zum Herbst des Vorjahres und endet dann mit diesem Vierer-Turnier. Das sind quasi die vier besten Mannschaften, die sich bis dahin im K.O.-System durchgespielt haben. Seit weit über zehn Jahren ist unser Hauptsponsor Lotto-Toto dafür da, dass wir das dann auch hier in der Sportschule Malente ausrichten. Das ist ein gutes Umfeld, ein gutes Ambiente. Die beiden Endspiel-Teilnehmer wohnen hier in der Fußballschule – die Kapazitäten geben nur her, dass wir zwei Mannschaften beherbergen können. Die beiden anderen Mannschaften wohnen im Sport- und Bildungszentrum, das ist die Einrichtung vom Landessportbund. Und heute, wie gesagt, sind die Spiele um den dritten und vierten Platz und das Endspiel."

Gerade ist die Nachwuchself aus der Landeshauptstadt mit 1:0 in Führung gegangen. Erwartungsgemäß. Schließlich ist die A-Jugend-Auswahl aus Kiel gerade erst aus der Regional- in die Bundesliga aufgestiegen. Flensburg dagegen steigt ab und wird in der nächsten Saison wieder in der Verbandliga kicken müssen. Am Spielfeldrand steht schon die Führungsriege des Landesfußballverbandes beisammen, auf Regenschirme gestützt. Die Herren fachsimpeln. Den Tisch mit dem großen silbernen Pokal haben sie auch schon herbeigeschafft. Für die Siegerehrung. Jespersen schaut auf die Uhr: Nach dem Spiel noch ein Mittagessen im Speisesaal, Abreise, dann hat er Feierabend. Den Job als Schulleiter macht er inzwischen seit 23 Jahren. Auf Empfehlung eines Verbandsfunktionärs.

"Der damalige zweite Vorsitzende und spätere erste Vorsitzende des SHFV, Peter Ehlers, fragte mich dann in diesem Bewerbungsgespräch: Stellen Sie sich vor, Herbst, Winter, um 16 Uhr gehen draußen die Lampen aus, die Schule ist nicht belegt. Sie könnten sich sehr einsam fühlen. Ob das ein Hinderungsgrund wäre, diesen Vertrag zu erfüllen. Da habe ich nur geantwortet, ich wäre in Nordfriesland groß geworden. Und das spricht ja für sich!"

Klaus Jespersen hängt das Sport- und Germanistik-Studium an den Nagel, zieht 1983 mit Frau und Kind in das Häuschen des Schulleiters neben der Sportschule. Fortan tritt er nicht mehr beim VfB Kiel den Ball sondern begleitet Lehrgänge für Schiedsrichter, führt Belegungslisten, organisiert die Talentsichtung. Alle zwei Jahre aber gerät die kleine Fußballwelt von Malente aus den Fugen: Wenn der DFB anruft und die Nationalmannschaft zum Vorbereitungstraining ankündigt. Wie 1986 vor der Weltmeisterschaft in Mexiko. Da haben Jespersen und das Personal schon eine Woche vor Beginn die ganze Schule auf den Kopf gestellt, den Vortragssaal in einen Speisesaal verwandelt und das Zimmer mit Spielzeug für die Kinder in einen Behandlungs- und Massageraum.

"Zwei Tage vor Trainingsbeginn kamen die Lastzüge vom Deutschen Fußballbund mit den ganzen Utensilien. Es ging um die Ausstattung, Ausstaffierung der Spieler mit Trikotagen, mit Ausgehanzügen, mit Trainingsanzügen. Das wurde alles auf die Zimmer gebracht. Für die Spieler, die dann schon vorher mit einer Zimmereinteilung vom DFB bedacht waren."

Das waren damals und sind bis heute: winzige Doppelzimmer entlang enger Flure. Wie die Verbandsschule Malente überhaupt ihren Charakter nahezu unverändert konserviert hat. Der schlichte zweistöckige Backsteinbau atmet nach wie vor den spröden Charme einer Jugendherberge. Hohe Bäume begrenzen das überschaubare Gelände zur einen Seite, eine Kuhweide zur anderen.

28 Jahre lang schwörte der DFB auf die kraftspendende Wirkung der holsteinischen Provinz. Von der Weltmeisterschaft 1966 bis zum Turnier in den USA 1994. Wer das Trainingslager als Spieler erlebte, denkt mit Grausen vor allem an die Eintönigkeit zurück: Täglich fünf Kilometer Waldlauf um 7:45 Uhr. Intervalltraining über fünf Mal 1000 Meter nach der Stoppuhr. Taktische Übungen ohne Ende. Von 'totaler Isolation' spricht Rudi Völler im Rückblick. Ähnlich düster die Erinnerungen von Franz Beckenbauer und Paul Breitner.

Beckenbauer: "Der absolute Höhepunkt, das muss man sich einmal vorstellen, in der Zeit, in der wir in Malente waren – das waren drei oder vier Wochen in dieser engen Sportschule – war ein Ausflug ins Legoland. Das war der absolute Höhepunkt! Da können Sie sich vorstellen, wie langweilig das ganze war!"

Breitner: "Ich war ja 18 Monate bei der Bundeswehr: Es ist eine absolute Parallele zu einer Kaserne! Wenn ich in einer acht Quadratmeterzelle zu zweit eingeschnürt bin – und das über Wochen hinweg! – dann kann das nur kontraproduktiv sein!"

Ganz im Gegenteil, findet dagegen noch heute Schulleiter Klaus Jespersen.

"Durch die Medien ging ja immer die 'Kaserne von Malente', 'Abgeschottet sein', 'Lagerkoller', all' solche Dinge: Ich bring mit Malente eigentlich immer in Verbindung: Wunderschöne Landschaft, optimale Trainingsbedingungen. Und, was entscheidend wichtig ist: Ruhe und Abgeschiedenheit, das Entspannen der Spieler, um sich auf gewisse Dinge zu konzentrieren. Die waren fernab von Beeinflussungsmöglichkeiten damals."

Overath: "Tja, Malente…”"

An einen Lagerkoller kann sich auch die Kölner Spieler-Legende Wolfgang Overath beim besten Willen nicht erinnern.

""Für mich war es eine sehr wichtige Zeit. Denn ich hatte vor der WM eine ziemliche Krise durchzustehen. Ich war nervlich ziemlich stark angegriffen und hatte relativ wenig Selbstvertrauen. Ich hatte schlechte Länderspiele gemacht. Und war froh, dass ich nach Malente fahren und mich abschirmen konnte, abkapseln. Und konnte dort in Ruhe wieder Kraft und Konzentration auftanken. Das ist mir, glaube ich, gelungen. Und deshalb war Malente für mich persönlich sehr wichtig. Und ich glaube: für die Mannschaft auch."

Für die Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland gilt das ganz besonders. Damals nämlich wurde geboren, was manche bis heute als eigentliches Geheimnis der deutschen Fußballerfolge ansehen: der 'Geist von Malente'. Der Auftakt des Turniers war eine einzige Enttäuschung. Ein mühsames 1:0 gegen Chile, 3:0 gegen Australien. Dann das deutsch-deutsche Duell am 22. Juni 1974.

Live-Kommentar WM 1974: "Hoeneß schon im 16-Meter-Raum, Rückzieher auf Cullmann, Kopfball, und dann ist Müller zu spät gegen Croy. Der fängt ab und wirft ab, wirft auf Hamann. Der Auswechselspieler von Vorwärts aus Berlin hat die Mittellinie überdrippelt, sieht sich jetzt Beckenbauer gegenüber, zieht es vor, steil zu spielen: auf Sparwasser. Schöne Aktion! Schussmöglichkeit! Und Tor!"

Ausgerechnet die Mannschaft der DDR entzaubert die arrogant wirkenden Europameister aus dem Westen: Jürgen Sparwasser, der Maschinenbauer aus Halberstadt, lässt Berti Voigts und Horst-Dieter Höttges ins Leere laufen und schießt an Sepp Maier vorbei den Siegtreffer gegen den 'Klassenfeind'.

Über Tausend handverlesene DDR-Fans im Hamburger Volksparkstadion jubeln. Ein paar Meter weiter dagegen ist einer aus dem Tross aus Malente starr vor Schreck, Uwe Schlüter.

"Wenn man ein Stadion verlässt – ich habe ja viele Länderspiele mitgemacht – denn wird gesprochen über dies und jenes ... Es war eine Totenstille. Wir gingen raus, keiner sagte was, als wäre die Welt zusammengebrochen. Das war nun eben die DDR ... das war nicht gut!"

Ein paar Monate zuvor erst war Uwe Schlüter als Hausmeister an die Sportschule gekommen, zusammen mit seiner Frau, die in Malente kocht. Zwei Mal am Tag mäht und walzt Schlüter den Rasen auf dem Spielfeld, liest auch sonst Spielern und Funktionären jeden Wunsch von den Lippen ab. Für den gelernten Melkermeister und Fußballnarr ein Traumjob.

"Das ging alles per Du. Das hatten die schnell raus, das ich Uwe heiß! Die schrieen nur immer: Uwe, wo bist Du schon wieder gewesen, seh' zu, dass Du ran' kommst, oder: Wo treibst Du Dich immer rum. Also, das war eigentlich, als wären wir alle Brüder und Schwestern. Mich haben sie behandelt wie einen Gott – sie bekamen ja auch alles!"

Auf der Heimfahrt nach Malente aber spricht nach der demütigenden Niederlage gegen die DDR keiner ein Wort. In der Sportschule angekommen, trinken die Spieler bis in den Morgen Bier, rauchen Zigarren und - reden Tacheles. Kapitän Franz Beckenbauer übernimmt die Initiative, stellt die Mannschaft um. Von da an geht es bergauf. Was Beckenbauers Mannschaft jetzt durchs Turnier bis zu Sieg in München trägt, ist der 'Geist von Malente'. Oder die Besinnung auf die deutschen Tugenden, wie es Günter Netzer später nannte.

Live-Kommentar WM 1974: "Die 90 Minuten von München sind schon zu Ende. Schiedsrichter Tayler schaut auf die Uhr: Deutschland steht kurz vor dem Gewinn der Weltmeisterschaft. Wer hätte das für möglich gehalten. Jetzt müssen sie noch einmal alle Kräfte zusammen nehmen und den Ball halten. Müller kriegt ihn vom Freistoß, fällt zu Boden. Und das Spiel ist aus!"

Vieles, was 1974 sonst noch in den Wochen von Malente geschah, kam erst später heraus. Etwa, dass Sepp Maier eines Nachts aus der 'Festung Malente' nach Hamburg flüchtet, wo die Spielerfrauen untergebracht sind. Dass auf dem Weg die Bremsen des Wagens versagen und Maier darauf mit der Handbremse weiterfährt. Dass er beim Training tags darauf die Bälle nur mit der linken Hand abwehrt, weil die rechte böse Blasen hat. Davon hat Hausmeister Uwe Schlüter 1974 nichts mitbekommen, wohl aber von jener Nacht, als Franz Beckenbauer und andere eine Siegprämie von 70 Tausend Mark erstreiten. Und natürlich von den strengen Sicherheitsmaßnahmen – eine Folge des Anschlags während der Olympischen Spiele zwei Jahre zuvor und der Angst vor den Terroristen der RAF. Wenn Schlüter morgens die Post bringt, wird jede Zeitung, jeder Brief erst einmal gründlich durchleuchtet. Auch sonst: Kontrollen überall.

Schlüter: "Draußen: zehn Polizisten, drinnen: vier Kriminalbeamte. Tag und Nacht. Und ab 18 Uhr war vor jeder Tür 'ne Matte...die elektrisch...angestellt war. Wenn Du draufgetreten bis, piepte das hier. Wenigstens wussten sie: da kommt was."

Peter Zaun hat für Platz auf dem Esstisch gesorgt, schiebt vorsichtig einen Super-8-Film in den verstaubten Projektor. Der EDV-Spezialist wirft einen prüfenden Blick auf die wackelige Leinwand, reguliert die Bildschärfe. Zu sehen sind Männer mit langen Haaren und dunklen Trainingsanzügen. Bei Dehnübungen. Wie sie auf dem Platz der Sportschule auf ein Tor schießen. Wie sie Fußball-Tennis spielen. Nationalspieler unter sich.

Zaun: "Tja, wer ist das nun alles…das ist Sepp Maier ... Schnellinger? Ich weiß es nicht mehr, ist so lange her ... dann ist das Kargus!..."

Entstanden ist die Aufnahme 1978. Peter Zaun und seine Frau Renate bewohnen seit drei Jahren ein altes Fachwerkhäuschen 'Am Bergholz' Nummer 11. Ihr Grundstück grenzt unmittelbar an das Spielfeld der Sportschule. Zur Weltmeisterschaft in Argentinien ist Bundestrainer Helmut Schön mit neuem Kader angereist.

Schön: "Wenn es dieselbe Mannschaft wäre – oder dieselben 11 Spieler, die die Weltmeisterschaft errungen haben – dann wäre es schon eine große Belastung. Jetzt hat sich die Mannschaft wesentlich geändert und natürlich wird man überall darauf noch angesprochen. Das Ausland glaubt auch noch, wir haben dieselbe Mannschaft. Und sie rechnen uns noch zu den großen Favoriten. Aber wir bleiben auch in dieser Beziehung auf dem Teppich. Wir wollen mitmischen. Wie weit wir kommen, wissen wir nicht. Ich habe mich erkundigt: Es soll auch noch andere Nationen geben, die hervorragenden Fußball spielen."

Die Journalisten bleiben vom Training ausgesperrt. Doch selbst das 'Geheimtraining' bleibt nicht geheim. Im Tausch gegen ein Blech Kuchen sichern sich neugierige Journalisten den Eintritt bei Peter und Renate Zaun, dringen bis zum Gartenzaun und also bis zum Spielfeldrand vor.

Zaun: "Da kamen die hier runter: Guten Tag, guten Tag, haben sich vorgestellt. Und da haben wir gesagt: gut, nehmt Platz! Und so kam das – der erste, dann kamen noch ein paar dazu. Und dann war es am Ende die ganze Clique! Abends mussten ja dann die Berichte zu den Redaktionen gebracht werden. Dann baten sie darum, ob sie die Berichte vom Telfon kurz durchgeben konnten. Das ging dann per R-Gespräch. Am nächsten Tag kriegten die Kinder Spielzeug, meine Frau bekam Blumen! So hat man sich angefreundet. War immer eine nette Sache!"

Und so zeigt der alte Film auch ein Spielchen zwischen Hamburger Morgenpost und BILD-Zeitung. Weil auf dem Trainingsplatz gerade nichts los war. Auf der Gartenbank am Zaun nehmen auch Freunde und Verwandte Platz. Zwischen Fliederbüschen sitzt hier Renate Zaun einmal eine ganze Weile neben Uli Hoeneß. Und erkennt ihn nicht einmal. Mit Sepp Maier winkt sie sich zu, in späteren Jahren mit anderen Spielern. Seit gut zehn Jahren ist damit Schluss. Heute bereitet sich die Nationalmannschaft in Fünf-Sterne-Resorts vor. Wehmut?

Zaun: "Nein, das kann man so nicht sehen. Es findet ja hier noch genügend statt. Die Jugendauswahl und andere Spiele. Es muss nicht unbedingt sein. Wenn die nicht wollen, dann sollen sie es lassen!"

Im Vorstandszimmer der Verbandschule, hoch oben auf der Anhöhe, kann sich Schulleiter Klaus Jespersen noch genau an den letzen Abschied erinnern. Das war 1994, vor der Weltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten. 'Die Idylle, die herrliche Luft, die Enge' – mit diesen Worten lobt Bundestrainer Berti Vogts die Vorzüge von Malente. Und macht sich dann mit dem Team auf den Weg zu einem Vorbereitungsspiel in Hannover.

Jespersen: "Der Mannschaftsbus wartete auf die Delegation, einige Spieler waren privat schon abgeholt worden, teilweise schon mit den DFB-Karossen. Und er rief in den Raum: 'Also, war Klasse, gute Vorbereitung, wir sehen uns in zwei Jahren wieder!' Und dann hat der DFB sich offiziell nicht mehr bei uns gemeldet."

Keine Überraschung für Jespersen. Das am Ende so erfolgreiche Nationalteam von 1990 hat er in allerbester Erinnerung – was die Stimmung in der Truppe von Teamchef Franz Beckenbauer angeht, aber auch die überragende Qualität der Spieler. 1994 ist davon nichts mehr übrig, sagt Jespersen. Insbesondere den neuen Bundestrainer Vogts hat er als ausgesprochen griesgrämigen Mann in Erinnerung.

"Beckenbauer war einer, der teilweise auf uns zuging und mit uns sprach, während man Berti Vogts, wenn man etwas von ihm wollte, jede Information aus der Nase ziehen musste. Der völlig in sich gekehrt durchs Gelände schlich und für uns quasi nicht ansprechbar war."

Dafür hatten die Ansprüche des DFB mehr und mehr Überhand genommen, hatte in Malente längst auch der große Medienrummel Einzug gehalten. Die Pressekonferenzen fanden nicht mehr alle zwei Tage statt sondern täglich. Und nicht mehr im Konferenzraum, sondern in der Sporthalle neben der Schule. Hunderte von Journalisten drängten sich dort und Dutzende Kamerateams. Die Übertragungswagen belagerten die Schule förmlich. Auch die auf Komfort bedachten Profispieler murrten immer vernehmlicher über die Askese und die Enge in Malente. Insofern macht sich auch Klaus Jespersen für die Zukunft keine falschen Hoffnungen.

"Ich bin da auch kein Phantast. Ich glaube, das war eine schöne Zeit. Aber das wird auch nicht mehr passieren hier in Malente."

Damit aber mag sich die Gemeinde Malente nicht ohne weiteres abfinden. In seinem Pavillon gegenüber dem Bahnhof führt Jörg Baldin vom Tourismus-Service eine gedrungene Figur aus weißem Polyester vor: Ein Meter fünfzig groß, mit Kulleraugen und einem breiten Grinsen scheint sie der Werbung für einen Zeichentrickfilm entsprungen. Dabei ist das dickliche Kerlchen der Versuch, den 'Geist von Malente' zu neuem Leben zu erwecken.

Baldin: "Den hat ein Designer von uns kreiert, hergestellt ist er in Neustadt von einem Polyester-Diplomingenieur. Vier haben wir noch bestellt. Hier wird einer vor dem Pavillon stehen, vorm Rathaus wird einer stehen. Vor dem Fitness-Studio haben wir einen stehen. Und unten am Bootshaus auch noch einen."

Das schönste, weil auch vom Ministerpräsidenten signierte Exemplar, aber wollte Malente dem DFB andienen und im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in der Frankfurter Zentrale übergeben. Kein Termin mehr zu finden vor Beginn der WM, bedauerlicherweise, war die knappe Antwort des Verbandes, der auf das Angebot aus Malente, die Mannschaft von Jürgen Klinsmann in der Sportschule zu beherbergen, gar nicht erst reagierte. Das trifft Jörg Baldin, den Tourismusmanager von Malente schwer. Der wird nicht müde, die Vorzüge von Malente zu preisen.

Baldin: "Wir haben ganz, ganz viel Natur. Wir haben einige Highlights wie zum Beispiel einen Turm auf dem Holzberg in Neversfelde, der einen fantastischen Ausblick bietet – nicht über die gesamte holsteinische Schweiz, aber über einen Großteil; wo man alles sieht: Wasser, Wald. Wir haben die 5-Seen-Fahrt, die Glasbläserei. Wir haben hier einen Wildpark, was auch kaum jemand weiß, wir haben hier Tiere in freier Natur laufen, die man betrachten kann."

Feriengäste mögen sich mit diesem Angebot locken lassen. Der Deutsche Fußballbund aber nicht. Da ist sich Peter Zaun sicher. Seine Frau Renate ist da vorsichtiger. Sie glaubt nach wie vor an den "Geist von Malente".

Zaun: "Es gibt den Geist von Malente – bestimmt! Aber im Moment ist er verschollen. Vielleicht taucht er ja wieder auf. Wir können ja mal abwarten."

Die Chancen dafür aber stehen schlecht – jedenfalls, wenn man bedenkt, was Bundestrainer Jürgen Klinsmann zu dem Thema einfällt.

Klinsmann: "Mit dem Geist von Malente: Da kann Dir keiner erklären, wo der sein soll!"

In der Sportschule hat die A-Jugend von Holstein Kiel das Landesturnier standesgemäß mit 4:0 gewonnen. Klaus Jespersen ist mit seinen Gedanken schon bei dem, was als nächstes ins Haus steht: Die Zwischenrunde in der Deutschen Meisterschaft der B-Juniorinnen. Der Schulleiter erwartet Damen von Bayern München und dem Hamburger Sportverein in Malente. Die Herren der Nationalmannschaft stehen nicht in seinem Terminkalender. Nicht für morgen, nicht für übermorgen.



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