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Vollbild | Beitrag vom 11.10.2014

Iain Forsyth & Jane Pollard"Nick Cave ist nie außer Dienst"

Gespräch zum ihrem Film "20.000 Days on Earth"

Moderation: Susanne Burg

"20.000 Days on Earth": Der Musiker Nick Cave steht bei der Berlinale zwischenIain Forsyth und Jane Pollard. (AFP PHOTO / PATRIK STOLLARZ)
"20.000 Days on Earth": Der Musiker Nick Cave steht bei der Berlinale zwischenIain Forsyth und Jane Pollard. (AFP PHOTO / PATRIK STOLLARZ)

In ihrem prämierten Musiker-Film "20.000 Days on Earth" porträtieren Iain Forsyth und Jane Pollard den australischen Künstler Nick Cave. Im Gespräch erklären sie, weshalb Cave auch privat niemals im Trainingsanzug zu sehen ist.

Susanne Burg: Das britische Künstlerduo Iain Forsyth & Jane Pollard arbeitet seit mehr als 15 Jahren zusammen. In Video- und Soundinstallationen haben sie popkulturelle Ereignisse nachgestellt, so zum Beispiel David Bowies Abschiedsauftritt als Ziggy Stardust. Nun haben sie einen Film mit und über Nick Cave gemacht: "20.000 Days on Earth". Ein ungewöhnlicher Musikfilm, weil er nicht klassisch eine Biografie erzählt, sondern herausfinden will: Wie entsteht eigentlich Kunst? Ich habe Iain Forsyth und Jane Pollard getroffen und sie gefragt: Nick Cave ist schon häufig angesprochen worden, weil Regisseure einen Film über ihn machen wollten. Warum hat er bei Ihnen ja gesagt?

Iain Forsyth: Dieses Projekt ist ziemlich organisch entstanden. Nick hatte angefangen, die Songs für das Album "Push the Sky Away" zu schreiben. Er rief an und fragte uns, ob wir nach Brighton kommen und dabei sein wollten, während er schrieb, und wenn wir währenddessen etwas filmen wollten, könnten wir das gerne tun. So etwas hat er zuvor noch nie gesagt, so lange wir ihn kennen. Also haben wir diese Chance sofort wahrgenommen, das schien uns eine einmalige Möglichkeit zu sein, diesen Moment am Anfang seines kreativen Arbeitens einzufangen. Darüber hinaus gab es zunächst überhaupt keinen Plan, wir waren einfach Leute, die sich kannten, früher mal zusammen gearbeitet hatten und jetzt ein wenig Zeit miteinander verbringen würden.

Jane Pollard: Nick sagt ja, dass dieser Film heimlich gemacht wurde, weil er wirklich irgendwie ohne sein Wissen begonnen wurde. Ich glaube, wir waren uns alle der Gefahr bewusst, dass ein Film im Sinne von "Ist Nick Cave nicht toll" entstehen könnte, das wollten wir aber auf keinen Fall. Aber das Material, das wir von der Entstehung dieses Albums filmten, zeigte, dass es ein Meilenstein in der musikalischen Geschichte der Band werden würde. Wir leben in einer Kultur, in der es nicht viele Momente gibt, in denen solches Material wirklich etwas wert ist – und wir dachten, das Album und das Filmmaterial seien es in der Tat wert, etwas daraus zu machen, das mehr bedeuten würde. Währenddessen sahen wir uns andere Musikfilme an und stellten fest, dass nie Filme gedreht wurden, während die Musiker sich in ihren besten Phasen befanden.

Entweder entstehen die Filme, wenn die Musiker tot sind, oder wenn sie eine Krise haben, die Band auseinanderbricht oder so. Wir wollten eine Sprache finden, die uns erlaubt, von der Kreativität zu erzählen, von Inspiration, davon, was es bedeutet, seinen Träumen zu folgen und das zu tun, was man tun möchte.

Burg: Es ist natürlich schwer, den kreativen Prozess in Bilder zu fassen und in eine Geschichte zu fassen. Sie haben sich trotzdem daran gemacht. Was haben Sie sich denn überlegt bei der ästhetischen Umsetzung, bei der Form? Dass Sie eine Form finden, die auch dem Künstler und seinem kreativen Prozess, also Nick Cave, gerecht wird.

"Etwas anderes in Nick zum Vorschein kommen lassen"

Pollard: Er zieht sich durch den ganzen Film, er ist wie das Blut, das durch die Adern des Films läuft. Die Inspiration, die Idee und die gesamte Grundlage des Films entstanden aus seinen Notizbüchern, die er in der Entstehungszeit von "Push the Sky Away" schrieb. Als wir uns diese Bücher näher ansahen, fanden wir verworfene Texte, Randnotizen, darunter befand sich auch der Titel des Films. Er entstand also aus Ideen, die er hatte, als er die Platte machte, die es aber nicht bis aufs Album schafften. Wir hatten beschlossen, diese Ideen zu sammeln und etwas Neues daraus zu mach

en. Wir haben auf ziemlich ungewöhnliche Art und Weise gearbeitet, wir sind an den Film herangegangen wie an einen Spielfilm, einen aus der künstlerischen Ecke, bei dem alles sehr konstruiert und wohl überlegt ist. Aber sobald die Kameras an sind, entspricht es viel mehr einem Dokumentarfilm, auch weil wir nie aufhören, nichts zweimal drehen, alles ist improvisiert, es gibt keinen Plan darüber, was in einer Szene gesagt werden soll. Es ist eine Entdeckungsreise, eine Tour der Improvisation und des Experiments ohne klares Ende. Wir sind also zu diesem Film gekommen, indem wir Nick in diese Situationen gebracht und gehofft haben, dass etwas Interessantes daraus entsteht.

Burg: Es gibt einen Psychoanalytiker, der Fragen stellt. Inwieweit war das abgesprochen, oder inwieweit waren es seine eigenen Fragen?

Forsyth: Darian, der im Film der Psychoanalytiker ist, macht das auch sonst beruflich. Die Idee hinter seiner Figur war die, jemanden zu haben, mit dem Nick auf eine ganz andere, neue Weise sprechen würde. Nick hatte vielleicht nicht immer gerade das beste Verhältnis zu den Medien – wir wussten also, dass wenn wir ihm einen Journalisten gegenüber setzen, genau die Art von Konversation entstehen würde, die man immer erhält, wenn er Werbung für eine neue Platte oder ein Buch macht.

Wir dachten, dass Darians beruflicher Hintergrund es ihm erlauben würde, etwas anderes in Nick zum Vorschein kommen zu lassen. Und wirklich, wir haben Darian getroffen und vage über einige Ideen und Themen geredet, die wir vielleicht im Film ansprechen wollten, aber was er während der Aufnahmen macht und fragt, blieb vollkommen ihm überlassen.

"Unser Gedächtnis ist, was wir sind"

Burg: Nick Cave erzählt dem Psychoanalytiker auch, seine größte Angst sei, sein Gedächtnis zu verlieren. Denn der Mensch, so sagt er, besteht einfach aus Erinnerungen. Wie zentral ist dieser Gedanke auch für Nick Caves Kunst?

Pollard: Im Film sagt er: "Erinnerungen sind, was wir sind." Ich liebe diesen Satz – unser Gedächtnis ist, was wir sind. Und es stimmt, wir sind alle eine Sammlung der Dinge, die wir erlebt haben, oder eher noch eine Sammlung der Geschichten, die wir darum herum gebildet haben, um an den Dingen, die wir erlebt haben, festhalten zu können. Ich denke, dass Nicks Songs das auf verschiedene Weise widerspiegeln. Wenn er ein Lied wie "Dianna" schreibt, macht er das, um einen Moment, eine Beziehung oder ein Gefühl einzufangen und das zu einer Art Erinnerung zu kristallisieren. Ich glaube, alle seine Lieder haben das an sich, sie müssen ihn in bestimmte Momente versetzen, ihm Gerüche oder Menschen nahe bringen.

Wenn wir das dann als Außenstehende hören, sind wir in der Lage, das mitzunehmen, es von der ursprünglichen Absicht loszulösen und in unser eigenes Leben zu verpflanzen. Dann ist das Lied plötzlich mit der Person verbunden, die uns die Mix-Kassette aufgenommen hat, oder mit den Ferien, in denen man es im Auto gehört hat. Das ist ja das Unglaubliche an der Musik, dass sie die effektivste Abkürzung zu unseren Erinnerungen ist, zu einer lebendigen Form der Wiedergabe von Erinnerung.

Burg: Er sagt ja auch, der interessante Moment beim Schöpfen ist der Moment, wenn ein Song noch nicht ganz da ist, wenn man versucht, die Kontrolle über ihn zu bekommen. Konnten Sie das auch nachvollziehen als Künstler?

Pollard: Ich glaube, wir haben diese Momente im Studio miterlebt, mit Nick und der Band – und sie waren einfach atemberaubend. Es gibt da einen Punkt, an dem die Band auf einem Song regelrecht surft, das hat eine ganz eigene Kraft, ein eigenes Leben, sie arbeiten so schnell und ohne jede Angst, sie reiten förmlich auf dem Song, und der hat bereits seine eigene Persönlichkeit und Präsenz inmitten des Ganzen, es wird ihm der Raum gegeben. Das ist schon komisch, so als Zuschauer im Studio mitzuerleben, wie sie ganze Zeilen und Strophen aus einem Lied rissen, auf den Boden warfen und aus dem Buch strichen. Das war teilweise niederschmetternd. Für einen Fan, der das Album hört und es liebt, ist das wirklich traumatisch. Ich weiß nicht ob es so gut war, das zu sehen – aber es gibt einem andererseits einen Riesenrespekt vor ihnen als Einheit, als Gruppe von Musikern, davor wie mutig, ja wagemutig sie sind.

"Man findet Nick Cave nicht plötzlich im Trainingsanzug"

Burg: Und auch vielleicht, wie erfahren, dass sie wissen, eine Idee funktioniert oder funktioniert auch nicht, die brauchen wir auch gar nicht weiter zu verfolgen.

Pollard: Das ist interessant. Ich glaube, sie folgen da wirklich ihrem Instinkt. Sie spüren das in sich, ob es gut ist. Das andere Barometer, das sie die ganze Zeit benutzen, ist die Frage, ob sie es schon einmal gehört haben, und wenn ja, dann schlagen sie eine andere Richtung ein. Und das ist beeindruckend – das, was die Bad Seeds so brillant macht, sie gehen immer weiter nach vorne, sie würden nie ausgetretene Pfade einschlagen, also bewusst etwas wiederholen, was sie schon einmal gemacht haben. Über wie viele Bands kann man das schon sagen und trotzdem noch von ihren Resultaten begeistert sein? Das ist echt faszinierend.

Burg: Sie zeigen ja auch Nick Cave, wie er mit seinen Söhnen zu Hause auf dem Sofa sitzt, vor dem Fernseher oder wie er im Auto fährt. Inwieweit wollen Sie auch diesen Mythos von Nick Cave ein bisschen dekonstruieren?

Forsyth: Für uns gab es keinen Punkt im Prozess des Filmens, an dem wir dachten, dass wir einen Mythos dekonstruieren wollen. Es gibt nicht viele, aber manche der größten Künstler sind wirklich zu etwas geworden, was nicht mehr ganz von dieser Welt ist, zu etwas Eigenem, das sie selber im Laufe ihrer Karriere erschaffen haben. Das wollten wir mit unserem Film auch vermitteln, man kann nicht einfach so eine Maske abnehmen, es gibt keinen anderen Nick Cave, man kann keinen Vorhang wegziehen und findet Nick Cave plötzlich im Trainingsanzug zu Hause außer Dienst – ich glaube, Nick ist nie außer Dienst.

Pollard: Wollen wir nicht genau das von unseren Rockstars? Ich will nicht alles darüber wissen, was sie essen oder welche Sportübungen sie machen, das interessiert mich nicht. Ich will an diesen Gott-gleichen Mythos glauben, ich möchte von diesem fantastischen, hyperrealen Gefühl der Kreativität mitgerissen werden. Ich glaube, die Kultur verändert sich, wir fangen jetzt an, normale Leute zu feiern, die etwas gut machen, normale Leute, die vielleicht ein etwas überdurchschnittliches Talent haben. Aber ich will dieses Normale nicht, ich will diese individuellen, bizarren, megalomanen Kunstwerke, die die Geschichte des Rock geprägt haben und auch seine Zukunft prägen sollen.

Burg: Vielen Dank, thank you very much!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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