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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 26.04.2008

Hungerspekulation

Von Volker Finthammer

Hat Ihnen der freundliche Anlageberater nicht auch schon außergewöhnliche Erträge in Aussicht gestellt, mit dem Verweis dass sich der Global Investment Fonds in den letzten zwei Jahren so dynamisch entwickelt hat? Wäre es nicht an der Zeit an den Ressourcen der Welt mitzuverdienen, statt mit dem dürftigen Sparzins der Inflationsrate hinter her zu laufen? Die Grundidee ist einfach und genial. Knappe Güter treiben den Preis. Erst recht wenn alle darauf angewiesen sind. Das Geschäft mit Immobilien lohnt nicht mehr, die Blase ist geplatzt.

Rohstoffe sind der Markt der Zukunft. Entsprechende Derivate werden hoch gehandelt und versprechen herausragende Renditen. Sie müssen nur darauf wetten, dass die Preise steigen und dann vielleicht durch künstliche Verknappung dafür sorgen, dass die Preise wirklich in die Höhe gehen. Dann haben sie für die Zukunft ausgesorgt. Klingt plausibel ist machbar und längst schon Realität. Plus 152 Prozent beim Mais, plus 250 sogar beim Weizen und das in nur zwei Jahren. Nicht dass die Menschheit in dieser Zeit explodiert wäre, oder dass sich die Lebensgewohnheiten trotz der wachsenden Mittelschicht in Asien in dieser kurzen Zeit drastisch geändert hätten. Nein. Das sind alles nur Randfaktoren die in die kalkulatorischen Überlegungen einbezogen werden.

Überschwemmungen und Ernteausfälle. Klasse, plus 15 Prozent. Steigender Fleischverbrauch in China, prima. Macht fünf Prozent. Flächenkonkurrenz durch Biosprit. Das passt. Mindestens zehn Prozent. Die Gier ist groß und allgegenwärtig. 3,7 Mrd. Dollar verdiente der erfolgreichste amerikanische Hedgefondsmanager im vergangen Jahr und die fünfzig Topmanager der Branche konnten ihren persönlichen Gewinn um 67 Prozent steigern, weil sie für sich und ihre Kunden gute Geschäfte machten. Nicht nur mit Lebensmitteln, keine Frage.

Aber die gehören dazu und werden offensichtlich immer interessanter. Deshalb werden weltweit abermillionen Menschen mit zwei- bis dreistelligen Preisssteigerungsraten konfrontiert. Wenn wie etwa in Ägypten die Brotpreise um 50 Prozent steigen und sich die Ärmeren Gemüse und Fleisch seit Monaten nicht mehr leisten können, dann gehört das auch zu dem Geschäft. Einer gibt, der andere nimmt.

"Unsichtbar wird der Wahnsinn, wenn er genügend große Ausmaße angenommen hat", heißt es bei Bert Brecht. Doch dessen Kritik an den Warentermingeschäften der Börsen der frühen Jahre des letzten Jahrhunderts kommt daher wie Kinderkram im Blick auf die vom realen Wirtschaftsgeschehen entkoppelten Finanzgeschäfte der heutigen Zeit. Die setzen den ohnehin verzerrten Strukturen auf den Weltmärkten nur die Krone auf.

Auch ohne die Spekulation haben die Subventionen der westlichen Staaten in der Agrarpolitik dazu beigetragen, einer eigenständigen Landwirtschaft in vielen Ländern der Welt das Wasser abzugraben, weil gegen die künstlich heruntergepreisten Überschussprodukte aus Europa oder den USA kaum jemand ernsthaft konkurrieren konnte. Die Welthandelsrunde ist trotz des Versprechens einmal für faire und gleichberechtigte Bedingungen sorgen zu wollen bislang immer wieder daran gescheitert, dass die westlichen Staaten an ihrer Subventions- und Handelspolitik festgehalten haben. Diese künstlichen Schranken sind es, die die Spekulation zusätzlich beflügeln.

Geld verdienen lässt sich in diesen Regionen dagegen durch den Umstieg auf Pflanzen für Biokraftstoffe für die es in den USA und in Europa derzeit eine große Nachfrage gibt. Teurer Sprit statt billiger Mais oder Weizen. So funktioniert der Markt. Nüchtern und rational.

Die Verluste dieser Entwicklungen, also Hunger und Leid werden sozialisiert. Die Hilfsfonds von EU und UN notdürftig aufgestockt. Aber selbst diese Mittel reichen bei anhaltender Entwicklung nicht aus den drohenden Krisen zu begegnen. Deshalb sollte es auch ganz konkrete Antworten geben. Die Produktion von Biokraftstoffen, die weniger einen Beitrag zum Klimaschutz als zum Erhalt günstiger Energiequellen sind, darf nicht zu Lasten der Nahrungsmittelproduktion gehen. So lange bis keine effizienteren Methoden und Alternativen gefunden wurden.

Diese Diskussion scheint in der EU schon in Gang zu kommen. Das ist gut und notwendig. Viel drängender und wirkungsvoller wäre jedoch ein generelles ein Spekulationsverbot für Nahrungsmittel jenseits aller realwirtschaftlicher Absicherungsgeschäfte für die es eine Berechtigung gibt. Hunger und Armut dürfen nicht mehr länger als Spielmarken im Casino der Weltfinanzmärkte toleriert werden. Die Ressourcen sind nicht knapp, sie werden künstlich knapp gehalten, um einträgliche Geschäfte zu machen.

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