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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 27.11.2012

Hunger durch Gier

Die Spekulation mit Lebensmitteln in der Sahelzone

Von Bettina Rühl

Alltag in der Sahelzone: Für alle, Mensch und Tier, werden Nahrungsmittel zu einem teuren Gut. (picture alliance / dpa  / Nic Bothma)
Alltag in der Sahelzone: Für alle, Mensch und Tier, werden Nahrungsmittel zu einem teuren Gut. (picture alliance / dpa / Nic Bothma)

In der Sahelzone sterben jedes Jahr mehr als 200.000 Kinder an den Folgen von Unterernährung. In Niger war die Lage in den vergangenen Monaten besonders dramatisch. Aber die internationale Gemeinschaft half. Auf den Märkten wurde genug Importware für alle angeboten. Allerdings führt nicht nur die Dürre zur Knappheit, Spekulanten halten die Lebensmittelpreise künstlich hoch.

<p>Ein zentraler Kreisverkehr in Niamey, der Hauptstadt des Niger. Am Straßenrand haben Händler ihre Stände aufgebaut, sie verkaufen Obst, Telefonkarten, Elektroartikel. Manche betreiben auch einfache Restaurants, dort bieten sie sie gebutterte Baguette-Stücke und Beuteltee mit Milch an. <br /><br />Das Brot, aber auch andere Lebensmittel sind deutlich teurer, als in anderen Jahren. Ein Grund dafür ist die Verknappung des Angebots nach einer langen Dürrezeit. Aber das erklärt den Preisanstieg nicht allein. Analysten nehmen an, dass Spekulationen lokaler Händler die Lebensmittel zusätzlich verteuern. <br /><br />Etwas entfernt von den Restaurants und Verkaufsständen sitzt ein Mann unter einem Baum auf einer Bank. <br /><br />Er heiße Isaka Jigo, erzählt er, und wohne in einem Dorf, fast 550 Kilometer von Niamey entfernt. Er sei mit seiner kleinen Tochter in die Hauptstadt gekommen, denn der Säugling müsse ins Krankenhaus. Das kleine Mädchen sei stark unterernährt, weil seine Frau keine Milch habe. <br /><br />Die Reise kostet den Vater ein Vermögen, obwohl er in Niamey bei Verwandten wohnen kann. Noch vor einigen Wochen hätte er sich die Fahrt nicht leisten können. Zu der Zeit hatte er kaum genug Geld, um auch nur die Lebensmittel für seine Familie bezahlen zu können. Denn Hirse und das Getreide Sorghum waren mehr als doppelt so teuer, wie normalerweise. <br /><br />"&quot;Das Maß kostete 450 afrikanische Francs. Normalerweise liegt der Preis bei 250 oder 200 Francs.&quot;<br /><br />Aber die Zeiten seien eben nicht normal, erzählt der Familienvater. Immerhin sei der Getreidepreis inzwischen etwas gefallen.<br /><br />&quot;Wenn der Preis ganz hoch ist, können wir auf dem Land uns nur einmal in der Woche eine richtige Mahlzeit leisten, an den anderen Tagen essen wir Hirsesuppe. Dabei geht es mir im Vergleich zu anderen gut. Ich habe außer meinem Feld noch eine Getreidemühle und verdiene dadurch etwas Geld. Deshalb kann ich meiner Familie zwei richtige Mahlzeiten in der Woche bezahlen, das heißt ein richtiges Essen mit Mais oder Reis. &quot;<br /><br />Kurz vor der nächsten Ernte ist in jedem Jahr das Leben im Sahelstaat Niger hart. Die Vorräte vom Vorjahr sind aufgebraucht. Selbst die Bauern sind darauf angewiesen, Getreide als Nahrungsmittel zu kaufen. In diesem, vor allem aber im vergangenen Jahr war es besonders schlimm, sagt der Premierminister des Niger, Brigi Rafini: <br /><br />&quot;2011 war die Ernte war ausgesprochen schlecht, wir hatten ein großes Defizit an Getreide von fast 700.000 Tonnen. &quot; <br /><br />Der Grund für die geringe Ernte: viel zu wenig Regen. Dazu kam, dass die Menschen keinerlei Reserven mehr hatten, weil auch die Vorjahre im Sahel zu trocken waren. <br /><br />Nach Hinweisen auf eine drohende Hungerkrise reagierten die Internationalen Geldgeber und überwiesen mehrere Hundert Millionen Dollar Hilfsgelder. <br /><br />&quot;Die Regierung hat ebenfalls frühzeitig Maßnahmen ergriffen und ein Notprogramm mit vier Komponenten umgesetzt. Erstens haben wir versucht, die Bewässerungslandwirtschaft auszubauen, um das Ausbleiben des Regens zumindest teilweise auszugleichen. Außerdem haben wir den Bauern geholfen, vergünstig Zusatzfutter für ihre Tiere zu kaufen, und wir haben mehrere Programme mit einkommensschaffenden Maßnahmen gefördert. &quot; <br /><br />Agadez, Nordniger, im Frühherbst 2012. Die Gefahr, dass im Niger Tausende Menschen durch Mangel und Unterernährung sterben, ist nach wie vor nicht gebannt. Noch ist die Ernte nicht eingefahren, viele Menschen haben weder Geld noch Vorräte. <br /><br />An diesem Nachmittag sitzen ein paar dutzend Männer, Frauen und Kinder im Sand und verfolgen gebannt einen Sketch. Über das, was die sechs Schauspielerinnen und Schauspieler aufführen, brechen sie immer wieder in lautes Gelächter aus. Besonders lustig finden sie den als Frau verkleideten Mann, der eine nigrische Konsumentin spielt. Mit dem schwarzen Lockenkopf und dem femininen Verhalten ist die Verkleidung schon ziemlich gelungen, aber die kantigen Wangenknochen über den auf füllig geschminkten Lippen verraten das wahre Geschlecht. <br /><br />&quot;Der Sketch soll zeigen, welche Lebensmittel man am besten kauft, um Mangelernährung zu vermeiden.&quot;<br /><br />Ahmed Mohamed arbeitet für die Hilfsorganisation "Africare". Er und seine Kollegen verteilen für das Welternährungsprogramm Bargeld an diejenigen, die sich die teuren Lebensmittel nicht mehr leisten können. <br /><br />&quot;Es geht in diesem Sketch um Mangelernährung. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass die Frauen das Geld, das sie bekommen auch für das Richtige ausgeben. Da wird im Sketch eine Frau gezeigt, die für ihre Kinder ausschließlich Getreide kauft - und dann erzählt, dass eins ihrer Kinder mangelernährt sei.&quot;<br /><br />Im Spiel wird auch ein Händler gezeigt, der seine Ware vor sich ausgebreitet hat, Tomaten, Zwiebeln, Auberginen, Orangen. Mais und Hirse. <br />Mitten im Mangel und während die Warnung vor einer Hungersnot auf Hochtouren läuft, sind die Märkte offenbar voll. <br /><br />&quot;Ja, das stimmt. Das alles gibt es hier auf dem Markt zu kaufen.&quot; <br /><br />Zum Teil folgt der Preisanstieg der Logik der Märkte: Durch die schlechte Ernte sind viele Waren knapp. Das Defizit konnte aber durch Importe zum Teil ausgeglichen werden. Importiertes Getreide ist teurer, als die Hirse oder das Sorghum vom Bauern nebenan - soweit ist der Preisanstieg nachvollziehbar. Doch die Lebensmittel auf den Märkten sind in diesem Jahr teurer als in vergleichbaren Jahren zuvor: Spekulation hat die Preise zusätzlich nach oben getrieben.<br /><br />Die Ärmsten der Armen bekommen deshalb für eine begrenzte Zeit einen Zuschuss zur Haushaltskasse. <br /><br />Die Bedürftigen wurden von der Dorfgemeinschaft oder den Bewohner des entsprechenden Viertels von Agadez ausgesucht. Verteilt wird die Hilfe von lokalen Organisationen, bereitgestellt wurde sie vom Welternährungsprogramm. <br /><br />In einem Raum neben dem improvisierten Theaterplatz warten diejenigen, die heute ihren Zuschuss bekommen, geduldig, bis sie an der Reihe sind. Dann nennen sie ihren Namen, bestätigen mit einem Abdruck ihres Daumens, dass sie das Geld empfangen haben: pro Haushalt und Monat umgerechnet rund 50 Euro. <br /><br />"&quot;Bis sie anfingen, uns mit dem Bargeld zu helfen, war unsere Lage sehr schwierig.<br />Jetzt geht es uns etwas besser, wir können uns genug zu essen kaufen. Ich hoffe, dass wir in Zukunft noch mehr Unterstützung kriegen."&quot;<br /><br />Früher, erzählt die 50-jährige Malou Ahmed, hatte ihre Familie Vieh, Ziegen und Schafe vor allem. <br /><br />&quot;Jetzt gibt es keine Weiden mehr. Und die Tiere haben wir nach und nach alle aufgegessen.&quot;<br /><br />Aber der gemeinsame Kraftakt der nigrischen Regierung, internationaler Hilfsorganisationen und vieler Geldgeber hat sich gelohnt: Die befürchtete Hungerkrise mit tausenden Toten blieb aus. <br /><br />Auch der Bauer Isaka Jigo, der nun in Niamey darauf wartet, dass seine kleine Tochter aus dem Krankenhaus entlassen werden kann, schöpft Hoffnung. Vielleicht hat seine Frau mit der besseren Ernährungslage bald so viel Milch, dass sie das Neugeborene stillen kann. <br /><br />&quot;Wir haben jetzt mit der Ernte angefangen. Dieses Jahr scheint gut zu werden. Ich habe meine Hirse und die Erdnüsse geerntet. Das Sorghum kommt etwas später.&quot; <br /><br />Die Ernteprognosen der Regierung sind ebenfalls optimistisch. In manchen Regionen des Niger wird sogar ein Überschuss erwartet. Trotzdem sieht der Bauer Isaka Jigo bei sich im Dorf schon Anzeichen der nächsten Krise. <br /><br />&quot;Einige reiche Spekulanten sind wieder unterwegs und kaufen jetzt, wenn die Preise niedrig sind. Einige haben die neue Ernte schon gekauft, bevor sie überhaupt eingebracht wurde. Sie zahlen dem Bauern für das Maß nur 200 Francs.&quot;<br /><br />Das heißt: Aus lauter Not haben die Bauern ihre Ernte versetzt, als ihre letzten Vorräte aufgebraucht waren. Weil sie nirgendwo anders einen Kredit kriegen konnten, haben sie die Dumpingpreise der Händler akzeptiert. Wenn sie dann die Ente einbringen können, haben manche schon alles verkauft. Dann müssen sie wieder, obwohl sie selbst Getreide anbauen, sich teurere Lebensmittel auf dem Markt kaufen. <br /><br />Isaka Jigo ist etwas unabhängiger. <br /><br />&quot;Ich habe ja noch die Mühle und bin nicht nur auf den Ertrag meiner Felder angewiesen. Deshalb muss ich meine Hirse nicht versetzen.&quot;<br /><br />Moussa Tschangira ist zwar ebenfalls dankbar, dass in diesem Jahr das Schlimmste abgewendet werden konnte. Aber auch er sieht noch kein Ende der Nahrungsmittelkrise im Niger. Tschangira arbeitet für den Dachverband mehrerer nigrischer Organisationen, die für das Recht auf Nahrung kämpfen. <br /><br />&quot;Die Preise für einige Lebensmittel fallen, aber nicht besonders stark.&quot;<br /><br />Auf jeden Fall längst nicht so stark, wie in früheren Jahren. Sein hartes Urteil mag erstaunen, immerhin ist der 100-Kilo-Sack Hirse nur noch halb so teuer, wie vor Beginn der Ernte. Für ihn ist die Ursache für die hohen Preise eindeutig: Spekulation. <br /><br />&quot;Sobald die Ernte richtig losgeht, füllen die Händler ihre Lager. Sie kaufen die 100 Kilo von den Bauern für 7000 oder 8000 Francs, im besten Fall zahlen sie vielleicht 9000. Dann legen sie das Getreide zurück, bis der Mangel groß und die Preise richtig hoch sind. Und verkaufen dann für 30.000 Francs oder mehr.&quot;<br /><br />Auch andere Analysten bestätigen, dass die Nahungspreise weniger stark als erwartet fallen. Immer wieder wird in Berichten über die Spekulation mit dem Hunger diskutiert, ob und inwieweit der internationale Handel mit Lebensmitteln an der Börse für den drastischen Preisanstieg in afrikanischen Ländern verantwortlich ist. Für das Welternährungsprogramm beobachtet Moise (

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