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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.02.2009

Holocaust-Film als sicherer Weg zum Oscar

Kate Winslet wird für ihre Rolle in "Der Vorleser" ausgezeichnet

Von Susanne Burg

Kate Winslet bekommt den Oscar als beste weibliche Hauptdarstellerin. (AP)
Kate Winslet bekommt den Oscar als beste weibliche Hauptdarstellerin. (AP)

Kate Winslet war bereits fünf Mal nominiert und war jedes Mal leer ausgegangen. Sie nahm es mit britischem Humor und machte 2005 in einer Serie mit, in der sie eine Schauspielerin in einem Holocaust-Film spielt, die von sich sagt: Ich mache nur mit, weil das der sicherste Weg zum Oscar ist. Nun hat sie ihn endlich bekommen, für ihre Rolle einer ehemaligen KZ-Aufseherin.

Kate Winslet: "Thank you so much, oh my God!"
(klatschen)

Ihre Stimme zittert, die Tränen stehen ihr in den Augen. Sie kann es kaum glauben, dass es nun beim sechsten Anlauf endlich geklappt hat mit dem Oscar:

Kate Winslet: "Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte diese Situation noch nie geprobt. Schon mit acht Jahren stand ich im Badezimmer und hatte als Preis die Shampoo-Flasche in der Hand."

Der Oscar war überfällig für eine der beliebtesten Charakterdarstellerinnen Hollywoods. Als Rose hatte sie in "Titanic" Millionen Menschen zu Tränen gerührt, in Ang Lees "Sinn und Sinnlichkeit" spielte sie die Marianne Dashwood so überzeugend, dass sie für einen Oscar und einen Golden Globe nominiert war, aber es sollte viele Jahre lang nicht sein.

Die Britin, die seit ihrer Jugend vor der Kamera steht, nahm's mit Humor und ließ sich 2005 vom britischen Komiker und Schöpfer der Fernsehserie "The Office" dazu überreden, bei der Serie "Extras" mitzumachen. Die spielt in ihrem Fall am Set eines Holocaust-Filmes. Kate Winslet stellt eine Nonne im Widerstand während der Nazizeit dar und sagt in einer Drehpause, dass der wichtigste Weg zum Oscar ein Holocaust-Film sei.

"Now, I am doing it because I have noticed that if you do a film about the holocaust, you are guaranteed an Oscar."

Um dann noch gleich, in nicht ganz feinem Englisch, zwei Beispiele anzufügen: Schindlers Liste und der Pianist.

"Schindler's Bloody List, The Pianist: Oscars coming out their arses."

Es hat also eine gewisse Ironie, dass die 33-Jährige Winslet nun gerade mit dem "Vorleser" für ihre Rolle der früheren KZ-Aufseherin Hanna Schmitz geehrt wird.

Kate Winslet: "Oh, ja, das ist ziemlich lustig. Ich habe den Vorleser natürlich nicht deswegen gemacht, aber es ist schon ein ziemlich lustiger Zufall. Ricky Gervais hat die Zeilen für mich geschrieben und ich habe gerne mitgemacht. Ich habe mich damit auch lustig über mich selber gemacht und das sollte man hin und wieder mal tun - als Mensch und als Schauspielerin."

Der Vorleser nach dem Bestseller von Bernhard Schlink ist die Geschichte einer heimlichen Liebesbeziehung im Nachkriegsdeutschland. Der 15-jährige Michael, gespielt vom Nachwuchsstar David Kross, verliebt sich in die viel ältere Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz. Häufig sitzt er in ihrer Badewanne. Außerdem heißt es: Keine Liebe ohne Vorlesen.

"Du erzählst mir nie, was du gerade lernst."
"Wir nehmen ein Stück durch. Du kannst es lesen."
"Ich würde dir lieber zuhören."

Ein paar Wochen schwebt Michael im siebten Himmel. Plötzlich ist Hanna spurlos verschwunden. 1968 begegnet er ihr zufällig wieder. Als Jurastudent besucht er einen Kriegsverbrecherprozess, bei dem Hanna als ehemalige KZ-Aufseherin angeklagt ist. Die deutschen Reaktionen auf den Film von Regisseur Stephen Daldry waren gemischt, als er auf der Berlinale lief: konventionelles klassisches Kostümkino, das, anders als Schlinks kurze, präzise und distanzierte Prosa, bis an die Grenzen des Melodrams und manchmal darüber hinaus geht, kritisierten einige. Aber größtenteils einig war man sich, dass Kate Winslet die widersprüchliche und innerlich gebrochene Hanna überzeugend darstellt.

Winslets Hanna bleibt ein Rätsel. Sie ist zugleich liebevoll, launisch, hart und befehlsgewohnt. Eine echte Herausforderung, wie die Schauspielerin sagt:

Kate Winslet: "Ich musste vorher nie so weit an meine emotionalen Grenzen gehen wie bei Hanna. Es gab nichts, das mich mit ihr verband. Ich musste also aus meiner bequemen Welt herauskommen und in eine komplett andere eintauchen. Hanna zu spielen, brachte sehr viele unangenehme Momente mit sich, und ich meine damit überhaupt nicht die Nacktszenen. Ich rede von der Gerichtsverhandlung, dem Altern, der Scham, dem Schmerz über eine verlorene Liebe, die Schuldgefühle. Das waren alles sehr große neue Gefühle, die ich als Schauspielerin transportieren musste."

Die Mitglieder der US-Filmakademie haben das anerkannt. Und so wurde gefeiert, nicht nur in Hollywood, sondern auch in Potsdam. Denn die deutsch-amerikanische Koproduktion ist auch im Studio Babelsberg produziert worden. Gelohnt hatte sich allerdings schon alleine die Oscar-Nominierung: Im Januar wurden sie bekannt gegeben. Seitdem hat sich das Einspielergebnis in den USA nahezu verdoppelt.

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