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Religionen / Archiv | Beitrag vom 24.08.2014

Holocaust Der Mann, der den Kommandanten von Auschwitz jagte

Doppelporträt: Auschwitz-Lagerleiter Rudolf Höß und sein "Jäger" Hanns Alexander

Von Igal Avidan

Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. (picture alliance / dpa / CTK / Tesinsky David)
Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. (picture alliance / dpa / CTK / Tesinsky David)

Für den Holocaust haben nur ganz wenige Menschen gebüßt: Einer von ihnen war Rudolf Höß, der Kommandant des KZ Auschwitz. Es ist dem Spürsinn eines in Berlin geborenen Juden, Hanns Alexander, zu verdanken – dass Höss der Prozess gemacht werden konnte. Thomas Harding, ein Großneffe Alexanders, hat die Geschichte seines Großonkels – und die Geschichte von Höss – recherchiert und aufgeschrieben.

Am 15. April 1946 sagte Rudolf Höß als Zeuge der Verteidigung beim Nürnberger Prozess aus. Als einziger der führenden Nationalsozialisten berichtete er über die Vernichtung der europäischen Juden in Auschwitz. Somit zerstörte er die Strategie der angeklagten Nazi-Führung, den Holocaust zu leugnen.

Dass Rudolf Höß überhaupt festgenommen werden konnte, verdankt die Welt Hanns Alexander. Der in Berlin geborene Jude musste aus Nazi-Deutschland fliehen und schloss sich der britischen Armee an. In Bergen-Belsen schleppte er tagelang Leichen und stand dabei, als ein Rabbiner der britischen Armee an jedem Massengrab das jüdische Totengebet Kaddisch sprach.
Hanns Alexander war nicht religiös, aber ein bewusster Jude.

Thomas Harding: "In Berlin ging seine Familie drei-vier Mal im Jahr in liberale Synagogen - in die Neue Synagoge und in die Synagoge Fasanenstraße. In England waren er und sein Bruder Paul, obwohl nicht gläubig, sehr aktiv in der jüdischen Gemeinde. Ihr Vater war Mitbegründer dieser liberalen Belsize Square Synagoge in London."

Hanns Alexander war ein zerrissener Held

Dort wuchs auch der Journalist Thomas Harding auf. Seinen Großonkel Hanns Alexander kannte er ziemlich gut. Die jüdische Familie traf sich monatlich. Hanns war derjenige, der den Kindern schmutzige Witze erzählte und am Ende von Hochzeiten die lustigen Abschiede organisierte. Einmal wurde das Hochzeitspaar auf den Schultern von Thomas Vater und Onkel verabschiedet, die sich als ein Elefant verkleideten. Hinterher lief der junge Thomas neben seinem Cousin: Beide sollten - natürlich nur symbolisch - den Kot einsammeln.

Dass er nur eine Seite seines humorvollen Großonkels kannte, erfuhr Harding bei dessen Beerdigung 2006. Hanns sei ein Nazi-Jäger gewesen, wurde geraunt. Das glaubte in der Familie zunächst keiner. Aber es motivierte Harding, jahrelang zu recherchieren. Er fand zum Beispiel Interviews mit Hanns Alexander, der über seinen Dienst als Dolmetscher beim Verhör mutmaßlicher Nazi-Kriegsverbrecher erzählte.

Alexander: "Ich habe hunderte von Deutschen interviewt, aber nur drei Nazis getroffen: Ein Polizeichef in Hamburg, der ein Porträt von Hitler auf seinen Tisch platzierte - von Hitler persönlich unterzeichnet; dann war noch ein Offizier der Marine, der gesagt hat: ‚Wir haben nur einen Fehler begangen, den Krieg verloren, sonst wäre wir alle schon in London'. Und der dritte war mein großer Erfolg, der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß".

Die jüdischen Helden des jungen Thomas Harding waren alle Wissenschaftler und Künstler. Daher faszinierte es ihn, in der eigenen Familie einen militärischen Helden zu finden. Aber Hanns Alexander war ein zerrissener Held, denn seine neue Heimat England misstraute anfangs seinen 70.000 deutsch-jüdischen Flüchtlingen. Zwei Zahlen verdeutlichen dies: 27.000 von ihnen, einschließlich Thomas Hardings Großvater, wurden als gefährliche Deutsche monatelang interniert.

Die hochrangigen Verbrecher waren 1945 schon längst auf der Flucht

Zur gleichen Zeit zogen 10.000 deutsche Juden eine britische Uniform an. Ein Feldwebel aus Wien forderte die ausländischen Soldaten auf, dem König die Treue zu schwören, aber auf Deutsch. Das britische Militär wollte damit sicherstellen, dass alle die Eidesformel richtig verstanden und sie wirklich freiwillig Soldaten wurden. Hanns und sein Zwillingsbruder Paul lehnten empört ab und konnten sich schließlich durchsetzen, nicht jedoch gegen ihre Stationierung in einer "Flüchtlingseinheit".

Thomas Harding: "Meine Großonkel Hanns und Paul meldeten sich sogar am ersten Kriegstag. Die Briten wussten aber nicht richtig, ob sie diesen "deutschen" Soldaten vertrauen können, obwohl sie als Juden einen guten Grund hatten, gegen Deutschland zu kämpfen. Erst im Mai 1940 wurden sie und auch Hanns nach Frankreich entsandt. Aber da man ihnen immer noch misstraute, gab man ihnen keine Waffen! Nun näherten sich die Deutschen dem Ort und kesselten sie beinahe ein. Da Hanns und die anderen jüdischen Soldaten deutsche Unterlagen bei sich trugen, verbrannten sie sie, damit sie, falls sie in deutsche Hände gerieten, nicht als Verräter erschossen werden".

Durch seine Recherche entdeckte Thomas Harding auch die Brutalität und Wut seines lieben Großonkels - nicht zuletzt auf die Briten, die die neue Einheit zur Ermittlung von Nazi-Kriegsverbrechern mit äußerst bescheidenen Mitteln ausstatteten. Ihm war Ende Mai 1945 klar, dass die hochrangigen Verbrecher bereits auf der Flucht waren. Sein zunehmender Ärger veranlasste ihn, in eigener Mission den Auschwitz-Kommandanten zu jagen.

Thomas Harding: "Es waren drei Ursachen für seine Wut: Die Diskriminierung, die er und seine Familie durch die Deutschen erlitten hatten - sie wurden praktisch hinausgedrängt, und einige Verwandte wurden in KZs ermordet. Zweitens sah er im Mai 1945 als junger Offizier die tausenden Leichen im KZ-Bergen Belsen und halb verhungerte Häftlinge. Drittens hatte er im Dienst viele deutsche Offiziere verhört, auch solche, die die Transporte in Auschwitz, die Selektionen und die Krematorien dort leiteten. So erfuhr er aus erster Hand davon. Sie alle gaben dem Kommandanten Rudolf Höß die Schuld dafür. Ihn wollte Alexander nun unbedingt finden".

Höß Tochter wollte anonym bleiben

Und über ihn wollte Thomas Harding für sein Buch recherchieren. Zum Beispiel darüber, wie man Kommandant von Auschwitz wird. So wurde sein Buch zu einer Doppel-Biographie, anfangs noch eine über einen Helden und einen Schurken. Später ließ er auch Schattierungen zu. Denn er traf nach langjähriger Suche Höß Tochter Brigitte, die von ihrem Vater erzählte, aber selbst anonym bleiben wollte:

"Ich fragte sie über ihren Vater, und sie beschrieb, wie er sie jeden Abend nach ihrem Tag gefragt hätte, wie sie gemeinsame Bootsfahrten unternahmen, und wie er ihr Geschichten vorlas. Sie sagte, er war der netteste Vater der Welt. Ich fragte eindringlich, wie sie das über einen Massenmörder sagen könne. Woraufhin sie begriff, dass er zwei Seiten hatte und sie nur eine kannte. Sie sagte, dass das, was in Auschwitz passierte, schrecklich war, aber sie fügte Kommentare von Holocaust-Leugnern hinzu".

Brigitte versuchte wohl, die beiden Seiten ihres Vaters in Einklang zu bringen. Denn als elf bis 14-jähriges Mädchen hatte sie eine glückliche Kindheit in der Villa direkt an der Außenmauer von Auschwitz.

Anschließend zeigte sie Thomas Harding ihr Haus. In ihrem Schlafzimmer, direkt über ihrem Bett hing ein Hochzeitsfoto ihres Vaters Rudolf Höß.

Höß vor Gericht:

"Haben Sie selbst jemals angesichts ihrer eigenen Kinder und Familie jemals Mitleid mit den Opfern gehabt?"

"Jawohl."

"Und weshalb haben Sie dennoch diese Aktionen durchführen können?"

"Bei all diesen Zweifel, die mir kamen, war immer wieder einzig ausschlaggebend und immer wieder mich zurückwerfend... der unbedingte Befehl und die dazugehörige Begründung des Reichsführers Himmler. Dieser sagte mir, dem Sinne nach, das kann ich nicht wörtlich wiederholen: ‚Der Führer hat die Endlösung der Judenfrage befohlen. Wir die SS haben diesen Befehl durchzuführen. Wenn jetzt zu diesem Zeitpunkt dies nicht durchgeführt wird, so wird später das jüdische Volk das deutsche vernichten'."

Am 2. April 1947 wurde Höß in Warschau zum Tode verurteilt. Zwei Wochen später wurde er in Auschwitz erhängt. Hanns weigerte sich trotz mehrerer Einladungen, deutschen Boden jemals wieder zu betreten.

Weiterführende Information

Nationalsozialismus - "Die Beteiligten wussten Bescheid" (Deutschlandradio Kultur, Interview, 18.08.2014)
NS-Verbrechen - Der lange Schatten der Vergangenheit (Deutschlandfunk, Deutschland heute, 16.07.2014)

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