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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.08.2016

Historiker Martin Sabrow "Die Bedeutung des Satzes wächst mit der Zeit"

Martin Sabrow im Gespräch mit Liane von Billerbeck und Joachim Wiese

Das Zitat von Bundeskanzlerin Angela Merkel "Wir schaffen das!" steht auf einem wolkenförmigen Schild beim Rosenmontagszug in Köln im Februar 2016. (imago/Chai von der Laage)
Das Zitat von Bundeskanzlerin Angela Merkel "Wir schaffen das!" auf einem Schild beim Rosenmontagszug in Köln im Februar 2016 (imago/Chai von der Laage)

"Wir schaffen das": Dieser Satz, vor einem Jahr von Angela Merkel gesprochen, wurde zum geflügelten Wort und hat viele Vorgänger. Er weckt Assoziationen an Obamas "Yes we can" oder Brandts "Mehr Demokratie wagen". Was braucht es zu einem Satz für die Ewigkeit?

Vor genau einem Jahr sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) jene drei Worte, die mit großer Wahrscheinlichkeit in die Geschichte ihrer Kanzlerschaft eingehen werden: "Wir schaffen das."

Zuvor waren bereits hunderttausende Flüchtlinge nach Europa gekommen. An der ungarischen Grenze stauten sich unzählige Schutzsuchende, da das Land die Übergänge geschlossen hatte. Die Kanzlerin öffnete für sie die deutsche Grenze. Es kamen weit mehr Menschen als die rund 800.000, mit denen die Behörden damals rechneten. Vermutlich aus der Einsicht heraus, welch riesige Aufgabe damit auf Deutschland zukam und um den Menschen Mut zu machen, sagte Merkel dann "Wir schaffen das". Ein historischer Satz, der zahlreiche Vorgänger hat. 

Ohne die Akten zu dem Pressegespräch zu kennen, könne er nicht sagen, ob Angela Merkels Satz "Wir schaffen das" geplant oder eher spontan gewesen sei, sagte Martin Sabrow, Direktor am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, im Deutschlandradio Kultur. Aus der Erfahrung mit historischen Schlüsselwörtern könne man aber vermuten, dass diese Zuspitzung erst durch Journalisten und Historiker, also das Publikum erfolgt sei.

"Der Satz hatte ja noch einen gewissen Kontext: 'Deutschland ist ein starkes Land', sagte Frau Merkel. 'Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das.' Das klingt schon sehr viel weniger pathetisch, sehr viel weniger bezogen auf Barack Obamas und den berühmten Satz 'Yes we can', auf den sich natürlich im Nachhinein dieser Satz so gut beziehen lässt."

Barack Obama und sein legendärer Satz "Yes We Can" (picture alliance / Shawn Thew; Schrift: Deutschlandradio)Pathetisches Vorbild? Barack Obamas "Yes We Can". (picture alliance / Shawn Thew; Schrift: Deutschlandradio)

Potenzial in nicht einlösbarem Versprechen

Er wolle aber diese Aussage Merkels aber nicht überbewerten, sondern eher sagen, "dass wir es sind, wir, die Zuhörer, die dem Satz das eigentliche Gewicht gegeben haben." Ähnlich sei es etwa auch bei der Aussage des früheren Bundeskanzlers Willy Brandt (SPD) "Mehr Demokratie wagen". Auch hier werde der Satz erst im Nachhinein zu einer großen Parole. "Wie fast immer: Es sind wir, es ist die Gesellschaft, die die Sätze erst groß macht, die die Politiker formen."

Der frühere Bundeskanzler Willy Brandt und seine Aussage "Wir wollen mehr Demokratie wagen" (dpa / picture alliance / Egon Steiner)Erst im Nachhinein zur Parole geworden: Brandts "Wir wollen mehr Demokratie wagen" (dpa / picture alliance / Egon Steiner)

Dazu, dass "Wir schaffen das" aus heutiger Sicht - ein Jahr danach - ganz anders klingt, dass die sogenannte Willkommenskultur einer feindseligen Stimmung gewichen ist und immer weniger Menschen glauben, dass wir "das" schaffen, sagte Sabrow:

"Die Bedeutung des Satzes wächst mit der Zeit." Einer der Gründe, warum "Wir schaffen das" zu einem solchen Schlüsselwort der Zeit geworden zu sein scheint, liege an seiner Konflikthaftigkeit. Es sei ein Satz, den man auch umdrehen könne, den man bitter nehmen könne, ähnlich wie Kohls Satz von den "blühenden Landschaften", um dann auf verödete Felder zu verweisen.

Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und seine Vision von "blühenden Landschaften" in Ostdeutschland (imago / Sepp Spiegl; Schrift Deutschlandradio)Satz, den man auch umdrehen kann: Kohls "blühende Landschaften" (imago / Sepp Spiegl; Schrift Deutschlandradio)

"Insoweit liegt gerade in der Ambivalenz seines Wortes, in dem Versprechen, das möglicherweise nicht einlösbar war, ein Teil seines Potenzials als Zeitwort." Schlüsselwörter der Zeitgeschichte würden manchmal "auch dadurch erzeugt, dass sie sich so grauenvoll dementieren".

Der frühere Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, Norbert Blüm, neben einer Litfaßsäule mit seinem Versprechen "Eins ist sicher: Die Rente" (dpa / picture alliance / Popp)Ein Satz, der sich selbst dementiert hat: Blüms Versprechen zur Rente (dpa / picture alliance / Popp)

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