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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.02.2013

"Hilfe, holt mich hier raus!"

Liad Shoham: "Tag der Vergeltung", Aus dem Hebräischen von Ulrike Harnisch, DuMont Buchverlag, Köln 2013

Tel Aviv: Der schöne Schein der glänzenden Mittelmeermetropole. (picture alliance / dpa Foto: Arno Burgi)
Tel Aviv: Der schöne Schein der glänzenden Mittelmeermetropole. (picture alliance / dpa Foto: Arno Burgi)

Tel Aviv ist modern und legendär für sein Nachtleben. Für die junge Frau Adi Regev wird die vermeintliche Paradiesstadt nach einer Vergewaltigung aber zum Albtraum. Beklemmend schreibt der israelische Anwalt und Autor Liad Shoham, wie Täter, Opfer und Aufklärer Getriebene der eigenen Umstände werden.

Von der dunklen Seite der glänzenden Mittelmeermetropole erzählt nun der neueste Thriller des israelischen Autors und praktizierenden Rechtsanwalts Liad Shoham. Seine Protagonisten leiden an Burn-out, geraten ins soziale Abseits, sind Opfer von Konkurrenzkampf, Angst, struktureller und physischer Gewalt.

Zu Beginn wird eine alte Frau im wohlhabenden Norden der Stadt zur unfreiwilligen Zeugin eines Verbrechens. Vom Fenster ihrer Wohnung aus beobachtet sie nachts, wie im Hinterhof eine junge Frau vergewaltigt wird. Aus Angst und Scham greift sie nicht ein – und legt sich ins Bett.

Adi Regev, das Opfer, glaubt unter Schock, mit dem Vorfall allein zurecht zu kommen. Erst nach drei Tagen können ihre Eltern die Verletzte dazu bewegen, ins Krankenhaus zu gehen. DNA-Spuren des Täters sind nicht mehr festzustellen, am Tatort kann die Polizei als einzigen Beweis nur mehr dessen Fußspuren sichern.

Während der ermittelnde Kommissar sich den Kopf zerbricht, wie man diesen Fall lösen könnte, verbringt Adis Vater fortan jede Nacht vor dem Haus seiner Tochter. Und tatsächlich gelingt es ihm innerhalb kürzester Zeit einen Verdächtigen dingfest zu machen, auf den Adis Täterbeschreibung passt: Ziv Nevo, ein arbeitsloser Ex-Offizier, der nach der Trennung von Frau und Kind ins kriminelle Milieu abgerutscht ist.

Der Kriminalbeamte ist sich sicher, den Richtigen verhaftet zu haben. Nevo aber streitet die Vergewaltigung vehement ab. Und wirkt dennoch schuldbewusst. Aufgrund der mangelhaften Beweislage insistiert der Kommissar darauf, dass Adi Regev ihn bei der Gegenüberstellung identifiziert. Genau das aber tut sie nicht. Peinlich für den Kommissar, der Ziv Nevo der Staatsanwaltschaft und Boulevardpresse bereits als Täter präsentiert hatte.

Nachum wird vom Dienst suspendiert – sein Vorgesetzter wollte den angejahrten Kommissar schon längst loswerden. Die Staatsanwältin, um sich nicht zu blamieren, bietet Nevos Verteidiger einen Deal an – als der offensichtlich Unschuldige die Vergewaltigung plötzlich doch noch gesteht und so alle Karten neu gemischt werden.

Liad Shoham führt die verschiedenen Figuren ohne große Action ein. Sein Thriller kommt ohne allzu viel Blutvergießen aus. Die Spannung entsteht durch die Konstruktion der Geschichte. Auf niemanden ist Verlass, überall herrscht Misstrauen. Der Kommissar, der als Täter verdächtigte Nevo, ein Journalist, die staatliche Justiz, der Handlanger eines Unterweltbosses – sie lavieren und taktieren, arbeiten zusammen und gegeneinander. Doch sind alle von den Umständen Getriebene.

Während sie versuchen, die Fäden in der Hand zu behalten, verheddern sie sich dermaßen, dass sie schließlich nicht einmal mehr reagieren können. Erzählt wird die Geschichte einer geschickt angelegten Verflechtung gegenläufiger Interessen aus verschiedenen Perspektiven. Die Figuren sind realistisch angelegt, Menschen, die schwitzen, Schlafstörungen haben, Liebe suchen und dem Bösen ausgeliefert sind, das in diesem Thriller einfach nur das tägliche, kräftezehrende Leben ist. Irgendwann möchte jede Figur nur noch sagen: "Hilfe, holt mich hier raus!"

Dass der Autor diesem Ruf nicht folgt, erhöht den Reiz seines Buches.

Besprochen von Carsten Hueck

Liad Shoham: Tag der Vergeltung
Aus dem Hebräischen von Ulrike Harnisch
DuMont Buchverlag, Köln 2013
265 Seiten, 18,99 Euro

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