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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 28.04.2012

Hexen: Mythos und Realität

Gäste: Historiker Prof. Dr. Wolfgang Behringer und Historikerin Dr. Katrin Moeller

Hexen ziehen beim großen Faschingsumzug durch Stuttgart.
Hexen ziehen beim großen Faschingsumzug durch Stuttgart. (picture alliance / dpa / Franziska Kraufmann)

Hexen: Kaum ein Thema ist mit so viel Klischees, Irrglauben, Ängsten, aber auch Faszination belegt wie dieses. Da sind die Hexen, die sich zur Walpurgisnacht auf dem Blocksberg treffen, um mit dem Teufel den "Hexensabbat" zu feiern, die Zauberhexen in der Fantasy-Literatur oder die "neuen Hexen", die sich als magische Heilerinnen verstehen. Gleichzeitig erinnern immer mehr deutsche Städte an ihre düstere Rolle in der Zeit der Hexenverfolgung.

"Hexerei ist ein großes, menschliches Thema in allen Zivilisationen, weil es zur Erklärung von Unglück dient: Kinder, die plötzlich sterben, die Krankheiten bekommen, die unbekannt sind, das Vieh, das stirbt, die Ernte, die verhagelt wird. Oder einfach auch privates Unglück: dass man über eine Wurzel stolpert und sich ein Bein bricht.", sagt Wolfgang Behringer, Professor für Geschichte der frühen Neuzeit an der Universität des Saarlandes und einer der führenden Experten für die Zeit der Hexenverfolgung.

Schätzungsweise 50.000 Menschen starben in der Zeit von 1430 bis 1780 im Rahmen der Hexenverfolgung in Europa - die Hälfte davon im Heiligen Reich Deutscher Nation. Darunter waren auch bis zu 30 Prozent Männer, auch Kinder, die der Hexerei verdächtigt wurden. Das Hauptmotiv, Menschen der Hexerei zu bezichtigen: "Man brauchte einen Sündenbock." In seinen Büchern analysiert der Historiker den fatalen Teufelskreis: Angeheizt durch Hetzschriften, wie den "Hexenhammer" des fanatischen Mönchs Heinrich Kramer, seien die Menschen nur zu bereit gewesen, andere zu verdächtigen, zu dämonisieren und dem Scheiterhaufen auszuliefern.

Hexerei sei aber auch ein Thema unserer heutigen Zeit: "Hexenglauben ist auch uns nicht fremd. In Umfragen geben konstant 10 bis 15 Prozent der Befragten an, dass sie an die Existenz von Hexen glauben."

Nach wie vor koste er auch Todesopfer, in Afrika beispielsweise, wo Aids-Kranke ausgegrenzt werden, in Papua-Neuguinea werden hauptsächlich Alte und Frauen der Hexerei bezichtigt und verfolgt.

Warum sollte uns die Hexenverfolgung heute noch interessieren? Diese Frage beschäftigt auch die Historikerin Katrin Moeller von der Universität Halle, Mitbegründerin des dortigen Arbeitskreises für Norddeutsche Hexen- und Kriminalitätsforschung und Redakteurin des Fachportals "Hexenforschung".

Die Mechanismen, Menschen auszugrenzen seien ähnlich – bis heute: "Nehmen Sie den ´Maschendrahtzaun`, das wäre ein klassischer Fall, wie so ein Streit gipfeln kann. Es sind diese sozialen Konflikte, und wie man sie austrägt - das ist ein spannendes Thema. Oder nehmen Sie Epidemien, EHEC zum Beispiel. Da gab es sofort Mutmaßungen, bis hin zu terroristischen Anschlägen."

Eher kritisch sieht sie den Vorstoß verschiedener deutscher Städte, die verfolgten Hexen zu rehabilitieren.

"Erinnern ja, aber Rehabilitierung? Unter Erinnern verstehe ich etwas anderes: Ich würde an die Leute von heute anknüpfen: Wie gehen wir um mit Problemen? Zum Beispiel mit dem Islam, wenn wir Nachbarn als potenziell islamische Terroristen sehen?"

"Hexen: Mythos und Realität"
Darüber diskutiert Dieter Kassel heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr gemeinsam mit Katrin Moeller und Wolfgang Behringer. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.

Informationen im Internet:
Prof. Dr. Wolfgang Behringer, Professor für Geschichte der frühen Neuzeit an der Universität des Saarlandes

Dr. Katrin Moeller, Historikerin an der Universität Halle
Arbeitskreis für Norddeutsche Hexen- und Kriminalitätsforschung

Literaturhinweis:
Wolfgang Behringer: Hexen: Glaube, Verfolgung, Vermarktung, C.H. Beck 5. Auflage 2009.