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Reportage / Archiv | Beitrag vom 23.04.2013

Herbeigesehnt

Der Frieden zwischen Kurden und Türken

Von Luise Sammann

Teilnehmer einer Kundgebung zum kurdischen Neujahr in Diyarbakir in der Südosttürkei (picture alliance / dpa / epa / Sedat Suna)
Teilnehmer einer Kundgebung zum kurdischen Neujahr in Diyarbakir in der Südosttürkei (picture alliance / dpa / epa / Sedat Suna)

Noch nie war der Frieden zwischen Kurden und Türken so nah. Ende März rief Kurdenführer Öcalan zu einer Waffenruhe auf und plädierte für eine politische Lösung des seit 30 Jahren währenden Konflikts. Die Welt reagierte erleichtert, der türkische Ministerpräsident Erdogan zeigte sich optimistisch.

Morgendämmerung, Diyarbakir schläft noch. Nur am Ende einer heruntergekommen Altstadtgasse wird schon gearbeitet.

"Das hier ist das Backhaus, wir befeuern im Moment sieben Öfen. Sie sind aus Lehm und Tierhaar, damit sie bei der Hitze nicht reißen."

Fünf kräftige Frauen stehen bei etwa 50 Grad im Halbdunkel, die Arme bis zu den Ellenbogen in großen Teigschüsseln versenkt. Immer, wenn eine die Ofenklappe neben sich aufreißt, flackert ihr Gesicht im Licht der Flammen kurz auf. Güneş wischt sich mit dem Kopftuchzipfel den Schweiß von der Stirn.

"Unser Brot ist aus Weizen hier aus der Region. Einige Frauen bestreichen es mit Ei und Sesam, einige backen es pur. In jedem Fall schmeckt es besser als das normale Brot vom Bäcker."

Güneş zieht eine Kostprobe unter einem Handtuch hervor. Das Backhaus ist ein Projekt der Bezirksregierung, das arme Frauen aus der Umgebung unterstützen soll. Frauen, deren Männer zu den 40.000 Toten gehören, die der Kurdenkonflikt bisher gekostet hat. Frauen, deren Männer als PKK-Kämpfer verschwunden sind oder in einem der überfüllten türkischen Gefängnisse sitzen. Der Konflikt, so sagen sie in Diyarbakir, hat die Frauen stark gemacht.

"Wir kommen morgens um sechs und backen dann bis elf Uhr. Jede schafft 70 bis 75 Brote und die Kinder verkaufen sie dann draußen in den Straßen für eine Lira pro Stück."

Ein paar verstrubbelte Kinder in Plastiklatschen warten draußen vor dem Backhaus, ein Alter fegt den Bürgersteig mit einem Reisigbesen.

Teppichhändler: "Das hier ist die Hasanpascha-Karawanserei, ein 250 Jahre alter Ort. Die Leute kommen zum Teetrinken oder zum Einkaufen hierher. Ich verkaufe Teppiche. Aber das Geschäft läuft schon lange nicht mehr gut …"

Der Alte legt den Reisigbesen zur Seite, beobachtet, wie sich die Teehäuser rundherum langsam füllen.

"Dieses Mal wird es klappen"

Teppichhändler: "Wenn dieser Friedensprozess funktioniert, wenn all der Terror hier ein Ende hat, dann wird auch das Geschäft besser laufen. Möge Gott dabei helfen, wir sind voller Hoffnung! Dieses Mal wird es klappen, das glaube nicht nur ich, sondern alle hier."

Ein Spaziergang durch die umliegenden Straßen zeigt, dass er Recht hat. "Diesmal", verspricht auch der Dönerverkäufer an der Ecke, "diesmal wird alles anders". "Wenn erst mal Frieden herrscht", träumen die arbeitslosen Männer in den Teehäusern, "dann kommen auch die Fabriken. Statt ins Teehaus gehen wir dann morgens zur Arbeit."

Teehausbesucher: "Diesmal wollen sowohl der Staat als auch die Menschen den Frieden und deswegen wird er die ganze Region verändern. Investoren werden kommen und unser ganzes Leben hier wird sich verbessern."

Die Männer im Teehaus verfolgen die Verhandlungen zwischen dem türkischen Staat und PKK-Führer Öcalan genau. Der kleine Fernseher in der Ecke läuft pausenlos - auf Kurdisch, nicht etwa Türkisch!

"Die Sprache ist das Herz unserer Identität", doziert Lehrer Cihan mit erhobenem Zeigefinger. In einem schmucklosen Gebäude im Norden der Stadt unterrichtet er seine eigene Sprache. Das war lange Zeit undenkbar.

Kurdischlehrer: "In unseren Klassen finden sie Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Viele von ihnen waren völlig assimiliert, haben sich sogar für das Kurdische und für sich selbst geschämt. Aber sie kommen, weil sie sich jetzt anders herum für diese Assimilation schämen und auf der Suche nach sich selbst sind. Auch wir sind also vorsichtig optimistisch."

Die Schüler diskutieren über kurdische Literatur. Als einer ein kurdisches Lied anstimmt, fallen alle mit ein.

Noch bis in die 90er-Jahre wären sie dafür ins Gefängnis gekommen. Dem pensionierten Ingenieur in der ersten Reihe steigen die Tränen in die Augen.

Ingenieur: "In der Türkei meiner Kindheit war Kurdisch verboten! Es gab sogar Zeiten, in denen man für jedes kurdische Wort eine Geldstrafe zahlen musste … Erst jetzt lerne ich die Buchstaben meiner eigenen Sprache und ihre Grammatik - und es macht mich unglaublich glücklich."

Bis spät in den Abend sitzen die freiwilligen Kurdischschüler in Lehrer Cihans Klasse. Sie haben viel aufzuholen, ganze Generationen von Kurden in der Türkei sprechen Kurdisch höchstens noch auf Grundschulniveau.

"Es ist genug"

Erst nach Mitternacht wird es ruhig in den Straßen von Diyarbakir. Die Händler haben ihre Rollläden herunter gelassen, die Teehausbesucher sind nach Hause gegangen - nur um morgen voller Hoffnung wiederzukommen.

Mutter Saadet: "Natürlich unterstützen wir diesen Frieden. Es ist genug! Mütter auf beiden Seiten sollten endlich nicht mehr weinen müssen."

… sagt eine alte Kurdin, die auch jetzt noch mit müden Augen auf dem Boden ihrer Wohnung sitzt. Schlafen kann Saadet schon lange nicht mehr.

"Friedens-Mütter" nennen sich die Frauen, die im Schneidersitz beisammen sitzen. Ihre Kinder wurden als PKK-Kämpfer getötet oder verhaftet. Saadet wartet seit 19 Jahren auf die Freilassung ihres Sohnes aus dem Gefängnis. Jetzt aber hat sie Hoffnung.

Mutter Saadet: "Egal ob Türkisch oder Kurdisch, wir haben alle ein Herz. Dieser Krieg dauert schon 30 Jahre und er hat nichts als Tod und Verhaftungen gebracht. Es ist genug."

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