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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 12.07.2008

Heilsbringer Atomenergie?

Von Annette Riedel

Das Atomkraftwerk von Brunsbüttel. (AP)
Das Atomkraftwerk von Brunsbüttel. (AP)

Die Argumente für und gegen die Atomenergie sind sattsam bekannt. Derzeit befinden sich angesichts des drohenden Klimawandels die Kernkraftbefürworter im Aufwind. Sind verlängerte Laufzeiten der bestehenden AKW und der Bau neuer Kernkraftwerke wirklich die Lösung?

"Ich glaube nicht, dass sich der Klimaschutz an der Frage der Kernenergie alleine entscheidet". Man ist geneigt, an dieser Aussage von Kanzlerin Merkel einige kleinere Veränderungen vorzunehmen, um ihr dann beherzt zuzustimmen. Man füge dem "Klimaschutz" noch die "nachhaltige Energiesicherheit" hinzu und streiche das Wörtchen "alleine": "Ich glaube nicht, dass sich der Klimaschutz und die nachhaltige Energiesicherheit an der Kernenergie entscheiden." So könnte man es unterschreiben.

Es gibt keine neuen Argumente - weder für noch gegen die Atomenergie. Sie sind alle ausgetauscht, gebetsmühlenartig wiederholt, sattsam bekannt. Dafür: Atomstrom ist relativ klimaunschädlich. Atomstrom ist relativ günstig - vorausgesetzt, die Kraftwerke laufen so lange und so störungsfrei, dass die enormen Kosten für den Bau hereingespielt sind. Und: Atomstrom ist da. Auch - noch - in Deutschland und in den Nachbarländern sowieso.

Dagegen: Die Kosten für den Bau von Atomkraftwerken sind enorm und kaum zu kalkulieren. Schon gar nicht die Kosten für Störfälle größeren Ausmaßes oder Unfälle. Atomkraftwerke sind ein Sicherheitsrisiko, unmittelbar für Leib und Leben. Mittelbar durch die Gefahr, dass nukleares, vielleicht atomwaffenfähiges Material in unbefugte Hände gerät. Stichwort Terror. Und: Mit dem strahlenden Abfall, schon heute mehr als dreihunderttausend Tonnen, weiß man nach wie vor nicht wohin.

Neu ist nur die veränderte Stimmungslage in Deutschland, kräftig unterstützt von interessierter Seite, die den Argumenten "dafür" Auftrieb verleiht: Inflationäre Energiepreise, Risiken durch den Klimawandel, Abhängigkeiten von politisch unberechenbaren Rohstoff-Lieferanten haben bei vielen die Furcht vor der Atomenergie zurück gedrängt. Bald zwei Euro und mehr pro Liter Benzin, drohender Verlust von Lebensstandard und Lebensqualität, schmelzender Dauerfrost, versinkende Inseln und Extremwetterlagen, drohende Stromversorgungsengpässe - das ist der Stoff, aus dem heute bei vielen die Albträume sind. Nicht Tschernobyl, Harrisburg, Sellafield, Krümmel, Asse und diese Woche Tricastin.

Ist die Atomfrage also schlussendlich eine Glaubensfrage? Eine Frage der Risikowahrnehmung? Geht es darum, was wir als die größere Bedrohung unserer Existenz und der unserer Kinder und Kindeskinder empfinden?

Sicher auch. Aber lassen wir Befindlichkeiten, noch dazu offensichtlich sehr deutsche mal einen Moment beiseite. Dann ist die entscheidende Frage, ob die Kernenergie eine wirkliche Zukunftstechnologie ist. Ist diese Technologie des 20. Jahrhunderts geeignet, die Energieprobleme des 21. Jahrhunderts zu lösen? Macht es ökonomisch Sinn, in den kommenden Jahrzehnten weltweit Hunderte, manche schätzen Tausende Atomkraftwerke zu bauen, wenn die Uran-Vorräte noch für vielleicht 60 Jahre reichen?

Macht es, ökonomisch und für Nachhaltigkeit argumentierend, nicht weit mehr Sinn, die Billionen, die da zu verbauen wären (volks- und weltwirtschaftliche Kosten bei Unfällen nicht eingerechnet) stattdessen in echte Energie-Zukunft zu investieren? In Wind, Sonne, Wasser, Erdwärme, Biomasse - also in regenerierbare Energien? In technische Lösungen, um sie zu speichern und sie grundlastfähig zu machen, also sie zu vernetzen nach dem Konzept des virtuellen Kraftwerks? Und in die Erforschung, Entwicklung und Markeinführung von revolutionärer Technik für Energieeffizienz und alternative Antriebstechnologien? Ich meine, das macht deutlich mehr Sinn.

Wenn man zu der Einschätzung gelangt, dass Atomkraft keine Zukunftstechnologie ist, kann man immer noch mit einigem Recht fragen, ob sie zumindest eine Übergangstechnologie ist. Für jene vielleicht zehn, zwanzig Jahre, in denen sich die Alternativen entwickeln können und zudem noch genug Uran da ist. Zugegeben, eine Überlegung wert - Risiken bewusst ausklammernd.

Die Frage ist dann aber, ob es die volle Entfaltung der Ressource "Erfindergeist"’ und die Bereitschaft zu hohen Investitionen in echte Zukunftstechnologien befördert, wenn man jetzt hierzulande durch eine Streckung des Atomausstiegs den Druck raus nimmt. Nach dem Motto: Lassen wir die Kernkraftwerke länger laufen und basteln derweil im Windschatten üppiger Gewinne an der Energiezukunft.

Dass Energieerzeuger und Atomindustrie so argumentieren, ist aus ihrer Sicht rational. Aber: Funktioniert Ökonomie so; funktionieren Unternehmen so? Entstehen nicht revolutionäre Innovationen von jeher als Reaktion auf Mangelerscheinungen? Auf Engpässe? Auf Notlagen? Auf sich abzeichnende Gewinneinbrüche mit Bestehendem mindestens so sehr wie aus der Hoffnung auf Gewinne mit Neuem?

Die Atomtechnologie kann nicht weltweit der Heilsbringer für den Klimaschutz und den Energiebedarf der Zukunft sein. Es spricht unter dem Strich einfach zu viel dagegen.

Deutschland hat einen Technologievorsprung bei erneuerbaren Energien und im weiten Feld der Energieeffizienz. Wir sollten ihn nicht verspielen. Wir sollten ihn ausbauen. So schnell wie möglich. Das ist die Zukunft.

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