Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 05:07 Uhr Studio 9
 
 

Fazit | Beitrag vom 15.03.2016

Héctor Abads Roman "La Oculta"Der glückliche Verlust des Notizbuchs

Von Tobias Wenzel

Beitrag hören
Héctor Abad Faciolince (dpa / picture alliance / Alfredo Aldai)
Héctor Abad Faciolince (dpa / picture alliance / Alfredo Aldai)

Héctor Abad ist wohl der klügste und renommierteste Kolumnist Kolumbiens. Dass er auch Romaen schreibt, ist hierzulande kaum bekannt. Mit "La Oculta" ist Abad nun ein Bestseller-Erfolg geglückt.

Héctor Abad spaziert durch das Zentrum von Bogotá, wo Straßenhändler raubkopierte Bücher verkaufen.

"Manchmal rufen sie den Titel des Buchs: 'Ich habe La Oculta! Ich habe La Oculta! Als würden sie Avocados verkaufen." 

"La Oculta", sein neuer Roman, stand monatelang ganz oben auf der kolumbianischen Bestsellerliste. Abad ist gut gelaunt. Überall wird sein Roman angeboten. Die mafiösen Fabriken, die Raubkopien drucken und die Autoren und Verlage um ihr Geld bringen, ärgern ihn zwar. Aber den Verkäufern kann er nicht wirklich böse sein. Er nähert sich einer Händlerin. Sie erkennt den Autor nicht.

Abad: "Ja, da ist 'La Oculta'."
Verkäuferin: "'La Oculta' kostet 15.000 Pesos".
Abad: "In Medellín bekomme ich das Buch günstiger. Manchmal sogar für nur 10.000."
Verkäuferin: "In Medellín sind die Verkäufer ja auch schon Großhändler."
Abad: "Die sind schon Großhändler! Und das andere Buch dieses Mannes?"
Verkäuferin: "Bringe ich sofort: 'Brief an einen Schatten'."
Abad: "Das haben Sie auch?!"
Verkäuferin: "Ja."

Nach dem Erfolg kam die Krise

Mit "Brief an einen Schatten", dem Erinnerungsbuch an seinen in den 80er-Jahre ermordeten Vater, gelang Héctor Abad 2006 ein Bestseller und eines der wichtigsten Bücher über Kolumbien. Aber dann kam die Schreibkrise. Jahrelang gefielen ihm seine eigenen Texte nicht mehr. Auf einem Kongress in Lima erklärte er vor 100 Schriftstellerkollegen, er fühle sich wie ein ungläubiger Priester auf einem Bischofskongress. Mario Vargas Llosa nahm ihn sich zur Brust und machte ihm wieder Mut. Während eines längeren Aufenthalts in Berlin schrieb Abad 30 Seiten eines neuen Romanprojekts mit dem Titel "Erinnerungen eines impotenten Liebhabers" in sein Notizbuch.

"Ich war zufrieden. Eines Tages bin ich von einem Essen bei meinem Berliner Verleger Berenberg - ich hatte viel Wein getrunken - mit dem Fahrrad zurück zu meiner Wohnung gefahren. Und als ich dort in die Tasche fasste, war das Notizbuch mit dem neuen Roman nicht mehr da. 'Verflucht nochmal!' Ich habe geschrien: 'Das darf nicht wahr sein!'"

Also kehrte Héctor Abad notgedrungen zum Roman zurück, den er eigentlich schon verworfen hatte, zu "La Oculta", überarbeitete und veröffentlichte ihn 2014. Er schaffte das große Comeback mit dieser Familiengeschichte, die sich um eine Finca und einen See rankt: 

"Ich würde dich gerne aus einem anderen Grund anrufen, Toño, aber heute Nacht ist Mama gestorben, auf La Oculta."

Ana Ángel ist tot, die fast 90 Jahre alte Frau, die ihre Kinder Antonio, Eva und Pilar immer wieder zusammengebracht hat auf einer Finca in den kolumbianischen Bergen. Héctor Abad lässt die drei Geschwister die Familiengeschichte aus ihrer jeweiligen Perspektive erzählen und gleichzeitig das Porträt des von Gewalt geprägten Landes zeichnen.

Der trübe See unterhalb der Finca ist die heimliche Hauptfigur des Romans. 2012 half Héctor Abad in einem ähnlichen See, einen dort ertrunkenen Mann zu bergen.

Comeback mit einer Familiengeschichte

"Ich habe dann meine Schwimmbrille aufgesetzt und, nach den Anweisungen der Polizei, in diesem trüben Wasser, in dem man fast nichts sieht, nach dem Mann getaucht. Weiter getaucht und weiter. Bis - zack! - ich seinen Kopf berührt habe. Dann haben wir den Mann herausgezogen. Danach konnte ich zwei Nächte lang nicht schlafen."

In "La Oculta", dem im Deutschen etwas gekürzten Roman, ertrinken gleich fünf Menschen im See. Aber Eva, einer der beiden Schwestern, bietet er lebensrettenden Schutz, als die Familie sich trotz Drohungen weigert, die Finca zu verkaufen:

"Vorsichtig, so leise wie möglich, hob ich den Kopf aus dem Wasser. Hastig atmete ich in tiefen Zügen ein. Zwei, drei, fünf, sieben Mal. Mein Herz pochte unterdessen in der Brust wie die große Basstrommel einer Dorfkapelle. Vom Haus her hörte ich Schreie und Flüche. Mehrfach glitt ein Lichtstrahl über den See. Ich tauchte wieder unter."

Und Héctor Abad ist mit diesem Roman wieder aus seiner Krise aufgetaucht. Letztlich auch dank des verlorenen Notizbuchs. Jetzt sprüht er nur so vor Ideen. Drei neue Bücher hat er im Kopf. Wie wäre es zum Beispiel mit einem biografischen Roman über León de Greiff? Mit dem Taxi verlässt Abad die Altstadt Bogotás und rezitiert euphorisch Texte seines kolumbianischen Lieblingsdichters.

Héctor Abad: La Oculta
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Berenberg 2016, 349 Seiten, 25 Euro

Infos zur Lesereise: Héctor Abad kommt mit seinem neuen Roman auf Lesereise nach Deutschland: Berlin (30.5.), Hamburg (31.5.), München (1.6.), Erlangen (2.6.)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsSind Museen wie Kinder im Sandkasten?
(Fredrik von Erichsen dpa/lhe (zu dpa-lhe 7137)

Im Umgang mit Raubkunst verhielten sich die Museen wie streitende Kinder im Sandkasten, sagt John Graykowski im Interview mit der "Zeit". Das Feuilleton der "FAZ" hat sich mit dem Hass auf alte Menschen beschäftigt - der sei eine Art neuer Rassismus, heißt es. Mehr

weitere Beiträge

Fazit

Neu im KinoPure Perfektion aus China
Filmszene aus "The Assassin" des chinesisch-taiwanesischen Regisseurs Hou Hsiao-Hsien, der 2015 auf den Filmfestspielen in Cannes gezeigt wurde. Das Foto zeigt die Hauptdarstellerin Shu Qi (picture alliance/dpa/Cannes Film Festival)

Als berauschender Bilderreigen wurde "The Assassin" bereits 2015 in Cannes gefeiert. Jetzt läuft er in Deutschland an, und unser Filmkritiker lobt: Der Film sei reine Schönheit und könne es mit der Wucht eines Shakespeare-Dramas aufnehmen.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur