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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 04.02.2016

HanauDer Anfang vom Ende des Atomdorfs

Von Ludger Fittkau

Blick auf das Firmengelände der Hanauer Atommüllfirma Nukem, im Vordergrund Fässer mit radioaktivem Abfall (Foto vom 15.5.1988). (picture alliance / dpa / Wolfgang Eilmes)
Auf dem Firmengelände der Hanauer Atommüllfirma Nukem lagern Fässer mit Atommüll (Mai 1988) (picture alliance / dpa / Wolfgang Eilmes)

Vor 25 Jahren begann der Prozess zum größten Skandal in der Geschichte der deutschen Atomindustrie. Führende Manager der Hanauer Firma Transnuklear waren angeklagt, im großen Stil Atommüll in Belgien unsachgemäß entsorgt und teilweise ins Meer gekippt zu haben.

Wenige hundert Meter, nachdem ich die Autobahn-Ausfahrt Hanau-Wolfgang genommen habe, lande ich vor einer großen Infotafel mit Firmennamen. Weil Gewerbegebiete nicht einfach Gewerbegebiete heißen dürfen, nennt man sie gerne "Industriepark" oder wahlweise "Technologiepark". Hier stehen gleich beide Begriffe oben auf der Tafel nebeneinander: "Industriepark Wolfgang" und sogar zweimal "Technologiepark Hanau".

Nach wie vor liegt dort strahlender Müll

Das Wort "Atomdorf" oder wenigstes "ehemaliges Atomdorf" findet man nirgends. Sprachlich ist die nukleare Geschichte dieses Areals längst entsorgt, obwohl hier noch strahlender Müll liegt. Auch die rund dreißig Firmennamen, die auf der Tafel angebracht sind, deuten nicht mehr darauf hin, dass sich auf dem direkt angrenzenden Gelände einst die größte europäische Ansammlung von Nuklearfirmen befand: Keine Spur der einstigen Atomriesen RWE oder Eon oder deren Tochterunternehmen. Nichts zu lesen vom Siemenskonzern, der hier einst Plutonium zu Brennelementen verarbeiten ließ.

Ich frage die Fahrer, die auf dem Parkplatz am Tor Nord-Ost des Areals eilige Warenlieferungen umpacken, ob ihnen der Begriff "Atomdorf Wolfgang" noch irgendwas sagt:

"Nein."

"Das war hier mal ein richtiges Atomdorf mit Brennelementelager, das ist Ihnen gar nicht bekannt?"

"Ehrlich gesagt, nein. Das macht mich jetzt ein bisschen sprachlos."

(Zweiter Fahrer:) "Ich weiß es, dass es hier war, weil das ging ja dann nach Bayern rüber, und da bin ich wohnhaft."

Gemeint ist die einstige RWE-Tochter Nukem, die in Folge des größten Skandals in der deutschen Nuklearindustrie vor 25 Jahren das Atomdorf Hanau verließ und ins bayerische Alzenau umzog. Nukem entsorgt bis heute weltweit radioaktive Abfälle und Brennelemente und war einst die Muttergesellschaft der Firma "Transnuklear", die ebenfalls im Hanauer "Atomdorf" ihren Sitz hatte.

Illegal Atommüll in Belgien entsorgt

Vor genau 25 Jahren begann im Hanauer Landgericht der sogenannte "Transnuklear-Prozess", der den Niedergang des "Atomdorfes Hanau" dokumentierte.

Vier leitenden Mitarbeitern des damaligen  Unternehmens "Transnuklear" wurde vorgeworfen, illegal radioaktiven Müll im belgischen Atomforschungszentrum Mol entsorgt zu haben.

Schon 2008 schilderte die FAZ trefflich, was anschließend in Belgien weiter geschah. Zitat: "Dort sollten die Abfälle komprimiert oder durch Verbrennung reduziert werden, um sie lagerfähig zu machen. Dann sollten sie an ihre Ursprungsorte zurückgebracht werden. Doch nach den Aussagen von Zeugen wurden beispielsweise die flüssigen Abfälle einfach in einem Sammelbehälter zusammengekippt oder teilweise schlicht ins Meer geschüttet. Außerdem soll ein Spezialofen zur Reduzierung des Müll-Volumens niemals in Betrieb gegangen sein. Zurück nach Deutschland kamen die Fässer mit unbestimmtem Inhalt. In deutschen Atomkraftwerken wurden rund 2000 falsch deklarierte Fässer aus dem belgischen Mol aufgespürt. Für in Mol nicht erbrachte und technisch auch gar nicht mögliche Leistungen soll Transnuklear Zahlungen in Millionenhöhe erhalten haben."

Blick am 8.6.1998 auf das Gebäude auf dem Gelände des ehemaligen Brennelementehersteller Nukem, in dem sich vor elf Jahren eine schwere Explosion ereignet haben soll. Über den angeblich schweren Unfall herrscht weiterhin Unklarheit. Während das hessische Umweltministerium in Wiesbaden nicht ausschließen, aber auch nicht bestätigen wollte, daß es im Januar 1987 einen solchen Unfall gegeben hat, wies die Nukem-Geschäftsführung dies scharf zurück. Es sei ausgeschlossen, daß eine solche «ominöse Explosion» stattgefunden habe, betonte Nukem-Geschäftsführer Aumüller. Auch der langjährige Nukem-Betriebsratsvorsitzende Helmut Wietoska kann sich nach eigenen Angaben nicht an ein solches Ereignis erinnern. (picture alliance / dpa / Andreas Gebhard)Das Gelände des ehemaligen Brennelementeherstellers Nukem im Juni 1998 (picture alliance / dpa / Andreas Gebhard)

Und es stand noch ein weiterer, schlimmer Verdacht im Raum, so der bekannte Atomkritiker Klaus Traube damals in einem Radiointerview:

"Es gibt vor allem ein Problem, das bei dieser Gelegenheit ja dadurch publik wurde, dass der hessische Ministerpräsident Wallmann – ich glaube es war am 14. Januar – den Verdacht äußerte, das mit deutscher Hilfe waffenfähiges Spaltmaterial, so nennt man das, woraus man Atomwaffen machen kann entweder nach Pakistan oder Libyen verschoben worden sei."

Atomwaffenmaterial aus Hanau? Dieser Verdacht bestätigte sich später nicht. Doch die Hanauer Plutoniumwirtschaft brachte damals auch den späteren grünen Außenminister Joschka Fischer auf den Plan, der in Hessen eine Zeit lang Umweltminister war:

"Natürlich, in meiner Ablehnung der Atomenergie und vor allem der Plutoniumwirtschaft, diesem hochgefährlichen Stoff, mit dem Menschen umgehen, dem Stoff aus dem die Bombe gebaut wird, da hat sich überhaupt nichts geändert."

1200 Seiten unfasste die Anklageschrift

Die Anklageschrift für den "Transnuklear-Prozess"  gegen vier leitende Angestellten der Firma umfasste schließlich mehr als 1200 Seiten, die Hauptakte füllte fast 60 Bände.

Nach mehreren Monaten Verhandlung wurde ein früherer Transnuklear-Geschäftsführer wegen Untreue zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Ein ehemaliger Abteilungsleiter erhielt zwei Jahre auf Bewährung. Ein weiterer Transnuklear-Mitarbeiter wurde zunächst zu einer Haftstraße von vier Jahren verurteilt, die in der Revision zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten herabgesetzt wurde.

Die FAZ fasste zusammen, was mit den anderen Angeklagten geschah. Zitat: "Die Ermittlungen gegen einen früheren Geschäftsführer der Muttergesellschaft 'Nukem', der in Belgien festgenommen und der Untreue beschuldigt worden war, wurden im Mai 1992 eingestellt. Den Vorwurf des Betrugs wegen der falschen Deklaration von Atommüll ließ das Gericht gegen alle Angeklagten fallen, weil die Betreiber der Kernkraftwerke sich nicht betrogen fühlten, wie sie bei der  Gerichtsverhandlung deutlich machten. Man sei froh gewesen, 'das Zeug loszuwerden', hatten Zeugen geäußert."

"Es ist weiterhin bedrohlich"

Es tropft vom Dach des Plutoniumbunkers in Hanau-Wolfgang. Ein grauer Betonklotz im Schneeregen, er wirkt wie eine kleine Version des Sarkophags, den die todesmutigen sogenannten "Liquidatoren" um den havarierten Atommeiler Tschernobyl in der Ukraine gegossen haben.

Angelika Gunkel möchte ein Foto machen, sagt sie. Die 60 Jahre alte Hanauer Anti-Atom-Aktivistin war lange nicht mehr hier.

Einst sollten in diesem Komplex plutoniumhaltige Brennelemente für den sogenannten "Schnellen Brüter" in Kalkar produziert werden. Doch der Atommeiler an Niederrhein ging dann niemals in Betrieb.

"Es ist weiterhin bedrohlich. Es ist ein Klotz, der weiterhin für mich ausstrahlt, dass hier mal eine sehr große Gefahr bestanden hat. Und ich bin froh, dass wir diese Gefahr im Moment nicht mehr haben."

Lager- und Verarbeitungsstätte für Plutonium

Der 74 Jahre alte, ehemalige Lehrer Elmar Diez hat Angelika Gunkel und mich in seinem Auto zum leerstehenden Plutonium-Bunker in Hanau gefahren. Ich hatte beim Presseamt der Stadt angerufen und gefragt, wer sich mit der Geschichte der Atomwirtschaft in Hanau am besten auskennt. Ohne zu zögern wurde mir Elmar Diez empfohlen, einer der Mitbegründer der Grünen, der vor Jahrzehnten gemeinsam mit dem ehemaligen hessischen Umweltminister und späteren Außenminister Joschka Fischer gegen die Plutoniumwirtschaft in Hanau kämpfte.

"Die Plutoniumfirma Alkem – später Siemens – hat praktisch versucht, hier Plutonium zu verarbeiten einerseits. Und andererseits war es eine Lagerstätte. Die Firma Siemens und früher Alkem hatte einen Antrag gestellt auf Verarbeitung von 6,7 Tonnen Plutonium. Die offizielle Genehmigung, die damals dann ausgestellt wurde, ging auf 2,5 Tonnen. Also schon eine ganze Menge noch. Die eigentliche Langerstätte, die war schon so verbunkert, das man gesagt hat, das wird einen Flugzeugabsturz aushalten."

Natodraht und Überwachungskameras

Immer noch steckt Natodraht an einigen Stellen auf dem meterhohen Zaun, der den Betonklotz umschließt. Ob die Videokameras noch funktionieren, die ebenfalls auf dem Zaun montiert sind? Aus dem Boden am Fuße des Plutoniumbunkers wachsen überall Pflanzen. Wenn man sie sprießen lässt, könnte dieses finstere Gebäude in ein paar Jahren hinter dem Grün verschwunden sein, mutmaßt Elmar Diez:

"Ja, man sieht hier schon, dass hier langsam das Grün wuchert. Und man könnte sich vorstellen dass wie bei Schneewittchen das Schloss hier natürlich der Atombunker langsam zugewachsen ist. Und da kann man besser mit leben als mit diesem Gerippe.

Hier ist also das sogenannte 'Atomdorf Hanau' entstanden. Die Gründungsfirma ist die Firma Nukem. Nukem hat Brennelemente für Forschungsreaktoren hergestellt. Dann kam Anfang der 60er Jahre die Firma Alkem dazu und RBU, die Brennelemente hergestellt hat. Das war die Firma, die eigentlich alle Atomkraftwerke beliefert hat. Außerdem natürlich die Firma Transnuklear, die für alle Transporte zuständig war. Die Firma Transnuklear hat natürlich diesen Riesen-Prozess Anfang der 90er-Jahre verursacht, wo Schmiergelder und Korruption der Hintergrund waren."

Nicht alle am Skandal Beteiligte wurden vor Gericht gestellt

Als ich mich mit Elmar Diez am Eingang zum Gelände des ehemaligen Atomdorfes treffe, zieht er ein Gedicht heraus, das damals ein Anwalt eines der Angeklagten verfasst hatte. Das Gedicht dokumentiert, dass ursprünglich wohl wesentlich mehr Skandal-Beteiligte vor Gericht gebracht werden sollten. Am Steuer seines parkenden Wagens sitzend, liest Elmar Diez das Gedicht als Zeitdokument vor:

"12 Atommüll-Negerlein schafften Schrott nach Mol,
drei Jahre sucht der Staatsanwalt, wird danach alles wohl?

12 Atommüll-Negerlein sollten vor dem Kadi stehen,
einer ölt nur im Hintergrund, darf gleich nach Hause gehen.

11 Atommüll-Negerlein sind nur für´s Gericht gedacht,
einer – enttäuscht und lebensmüd´, hat sich davon gemacht.

10 Atommüll-Negerlein ahnen Gesetzespein.
Einer weiß offiziell von nichts, lässt neun Mann ganz allein.

9 Atommüll-Negerlein sind für den Saal zu viel,
da wird fünfmal schnell eingestellt und schon reicht das Gestühl.

Vier Atommüll-Negerlein sagen nur, was sie woll´n.
Einer sagt besonders viel, drum darf er sich bald troll´n.

3 Atommüll-Negerlein schmierten für viel Gewinn,
Einer sagt es frei heraus, bald ist er nicht mehr drin.

Zwei Atommüll-Negerlein können das gar nicht fassen,
doch ihr Blut will man fließen sehen, will sie nicht laufen lassen."

Untersuchungsausschüsse im Bund und in Hessen

Der Hanauer Transnuklear-Skandal war bereits 1987 öffentlich geworden, ein Jahr nach dem Atomunfall in Tschernobyl, und führte zu vielfältigen politischen Reaktionen wie parlamentarischen Untersuchungsausschüssen im Bund und in Hessen. Ein Jahr später wird Klaus Traube, der einst Manager in der Atomindustrie war und sich dann zum vehementen Kritiker wandelte, im Radio gefragt: Hat sich durch den Transnuklear-Skandal für die Kernkraft etwas grundlegend geändert?

"Ich weiß nicht, ob sich etwas grundlegend geändert hat. Jedenfalls haben die Ereignisse in Hanau noch einmal eine ganz andere Dimension der Risiken und Gefahren der Kernenergie gezeigt als das, was bislang in der Diskussion immer im Vordergrund gestanden hat, der große Unfall à la Tschernobyl eines Atomkraftwerkes. Zumindest was die parlamentarischen Aktivitäten angeht, die Untersuchungsausschüsse des Landes Hessen, der Bundesrepublik und auch der Europäischen Gemeinschaft werden sich ja wohl noch eine Zeitlang mit dieser Materie beschäftigen."

"Eine absolute Kontrolle ist nicht möglich"

Obwohl die politische Aufarbeitung des "Transnuklear-Skandals" vor 25 Jahren also noch voll im Gange war, sah Klaus Traube damals schon einen zentralen Punkt, den die Öffentlichkeit aus diesem Skandal gelernt hatte:

"Das, was bei diesem Skandal ins Auge gefallen ist, ist etwas, wovon das große Publikum eigentlich vorher noch sehr wenig gemerkt hat, nämlich die Unmengen von Abfällen, die nicht das eigentliche Hauptproblem betreffen, nämlich die eigentlichen Brennelemente, sondern die sogenannten Betriebsabfälle, diese Zigtausende von Fässern und Containern, die dort in der Gegend herumlagern und herumgefahren werden. Die sind nicht daraufhin – unmöglich – zu kontrollieren, was wirklich in ihnen steckt.

Und was wir hier gesehen haben, dass man einfach auch Dinge dort versteckt, die da nicht hineingehören, das ist letztlich nicht zu kontrollieren. Man kann die Kontrollen vielleicht verbessern, da ist sicher noch viel Schlampiges gewesen, aber eine absolute Kontrolle ist da sicher nicht möglich."

Die FAZ fasste den Ausgang des Prozesses 2008 wie folgt zusammen. Zitat: "Restlos geklärt wurden die Vorgänge rund um den Transnuklear-Skandal nicht. Er leitete jedoch den Niedergang der Atomwirtschaft in Hanau ein. In den folgenden Jahren wurde das 'Atomdorf' in Wolfgang schrittweise abgebaut, und das in den neunziger Jahren für gut eine Milliarde Mark errichtete Siemens-Brennelementewerk zur Produktion von sogenannten "Mischoxid-Brennelementen" ging nicht mehr in Betrieb."

Anti-Atomkraft-Gegner haben am 14.1.1988 an dem mit Stacheldraht gesicherten Sperrzaun auf dem Gelände der Hanauer Atomfabrik Nukem ein Plakat angebracht. Die Firma wurde wegen unerlaubter Transport von spaltbarem Material und dem Verdacht illegaler Auslandslieferungen geschlossen. (picture alliance / dpa / Krammig)Firmengelände der Hanauer Atomfabrik Nukem am 14. Januar 1988. (picture alliance / dpa / Krammig)

Obwohl der damalige hessische Umweltminister Joschka Fischer beim dem Versuch, die Anlage vor Gericht zu stoppen, auch Niederlagen hinnehmen musste. Etwa im April 1993 vor dem Landgericht Wiesbaden:

"Das Urteil ist für mich nicht enttäuschend, denn das hätte bedeutet, dass ich im Wesentlichen auf Rechtsentscheidungen meine politische Strategie baue, das tue ich nicht. Es ist wenig hilfreich, um es so zu sagen."

Heftige Angriffe gegen Joschka Fischer

Die hessische CDU stand damals entschlossen auf der Seite des Siemens-Konzerns und griff die regierende rot-grüne Koalition in Wiesbaden und vor allem Joschka Fischer wegen seines Anti-Atom-Kurses heftig an. CDU-Wirtschaftspolitiker Clemens Reif damals in einem Beitrag des Deutschlandfunks zum Wiesbadener Urteil:

"Die CDU sagt, dass der Ausstiegskurs der rot-grünen Landesregierung erneut eine schallende Ohrfeige erhalten hat. Wir erkennen an, dass hiermit ein gewaltiger Beitrag für die Arbeitsplätze in Hanau geleistet wurde."

Angelika Gunkel:

"Die Auseinandersetzung hier ist wirklich über Jahrzehnte gegangen. Es gab immer wieder verschiedene Versuche. Als die Brennelemente-Produktion abgestellt worden ist oder die Mischoxid-Brennelemente-Produktion, sollte ja ein neues Brennelementewerk hier errichtet werden. Das war bereits nach den Skandalen, als noch die entsprechenden Erörterungstermine durchgeführt wurden. Zum Glück ist es nie zur Inbetriebnahme dieser Mischoxid-Brennelemente-Produktion gekommen."

Keine "No-Go-Area" mehr

Mit Angelika Gunkel und Elmar Diez starte ich zu einer Auto-Rundfahrt durch das ehemalige "Atomdorf" im Hanauer Stadtteil Wolfgang. Ich will wissen, was außer dem Plutonium-Bunker heute noch von der einst größten europäischen Ansammlung atom-industrieller Anlagen übrig geblieben ist.

Vor allem interessiert mich, was aus den Gebäuden und Atomlagern der Firma "Transnuklear" geworden ist, die den Skandal vor einem Vierteljahrhundert nicht überlebt hat. Treffpunkt ist ein Parkplatz am Eingang zum ehemaligen "Atomdorf". Heute ist das Areal nicht mehr abgesperrt. Das war nicht immer so, erinnern sich die erfahrenen Anti-Atom-Aktivisten Gunkel und Diez:

(Gunkel:) "Früher war das so eine 'No-Go-Area'. Hier durfte man nicht rein. War alles unter Verschluss, man wusste nicht, was hier passiert. Und inzwischen ist es geöffnet und man hat wieder freien Zugang. Und das ist natürlich eine positive Entwicklung. Weil das, was hier im Atomdorf angesiedelt war, das war das Herz der Atomindustrie. Aber höchst gefährlich und problematisch für die gesamte Bevölkerung."

Hausverbot für die Anti-Atom-Aktivisten

Angelika Gunkel und Elmar Diez hatten im "Atomdorf" früher zeitweise Hausverbot. Denn seit den späten 70er-Jahren gehörten die beiden zu den führenden Köpfen der Hanauer-Anti-Atombewegung.

(Diez:) "Es gab verschiedene Demonstrationen, die erste 1977. Dann die Allergrößte 1988 nach dem Transnuklear-Skandal. Und die frühere 1986..."

.... nach der Reaktorkatstrophe von Tschernobyl....

"...mit 10.000 bis 15.000 Teilnehmern – eine große Demonstration. Und damals sind dann leider auch Steine geflogen, hier in einige Gebäude und in der Umgebung. Das hat uns keinen besonders guten Ruf gebracht in Hanau auch bei den Bürgern. Aber das war nicht von uns aus geplant, das waren andere Leute, die das initiiert haben.

Als dann die Demonstration zu Ende war, haben ich eine Tag später einen Brief von einer Firma nebenan bekommen, die mir eine Rechnung über 15.000 DM geschickt hat, die gesagt haben: Ich  sei der Verantwortliche gewesen, ich solle deshalb die Rechnung begleichen. Ich konnte dann nachweisen über meinen Rechtsanwalt, dass ich die Veranstaltung offiziell hier vor dem Betrieb abgemeldet hatte und damit der Rückweg, als das passierte nicht in meine Verantwortung fiel."

(Reporter:) "Ist es persönlich auch heute noch ein Triumph, dass Sie jetzt hier reinfahren dürfen?"

(Diez:) "Ja, das ist sicher ein anderes Gefühl, dass man plötzlich hier reinfahren kann und weiß, dass hier keine mehr der gefährlichen Stoffe direkt verarbeitet werden. Wir haben zwar noch die beiden Lager."

Ein Teil des Atommülls soll nach Schacht Konrad

Elmar Diez spricht von zwei Atommülllagern mit schwach- und mittelradioaktiven Resten des Transnuklear-Mülls, auf die er zuerst mit dem Wagen zusteuert.

"Das wird wohl noch eine Weile dauern, bis diese Lager hier endgültig aufgelöst werden, und der schwach- und mittelaktive Müll nach Schacht Konrad kommen soll."

Elmar Diez stoppt das Auto nach einer kurzen Fahrt entlang neuer Logistikzenten vor weitläufigen, beige gestrichenen Wellblechhallen und Verwaltungsgebäuden.

"Wir stehen jetzt hier an der Firma NCS – Nuklear Cargo-Service, der früheren Transnuklear. Und hier links haben wir das große Lager, in dem also Atomkraftabfall aus allen möglichen Ländern und Atomkraftwerken gelagert wird.

Hier rechts, dieses Gerippe hier sollte der Bürokomplex für die Firma Nukem werden. Und dahinter liegt also der Bereich, der für die Firma Nukem als Brennelemente-Produktionsbereich geplant war. Hier ist ja der Betrieb nie wirklich offiziell eröffnet worden, weil die Nukem stillgelegt wurde. Und da hat die Firma Transnukelar – oder besser NCS – versucht, ein anderes Lager einzubauen und das haben wir sozusagen mit allen Kräften verhindert. Auch die Stadt Hanau hat sich uns angeschlossen. Und die Klagen, die NCS geführt hat, sowohl vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel als auch vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, sind alle gescheitert, so dass dieses Lager nicht in Betrieb genommen werden konnte."

Jahrzehntelanger beharrlicher Widerstand

Elmar Diez ist schon ein bisschen stolz darauf, mit seinem jahrzehntelangen beharrlichen Widerstand gegen das "Atomdorf" Hanau ziemlich weit gekommen zu sein. Diez ist auch Mitglied der Grünen und hat Jahre nach dem Transnuklear-Skandal einmal Joschka Fischer auf einem Parteitag wiedergetroffen:

"Ja, Joschka Fischer, mit dem hatten wir ab und zu auch verschiedene Auseinandersetzungen, als es um die Genehmigungen ging und die Gutachten, die erstellt werden sollten. Aber später, als es dann alles zu Ende war, hat mir Joschka Fischer auf einem Bundesparteitag mal kräftig auf die Schulter geklopft und hat gesagt: Das haben wir doch beide gut gemacht."

Während einer Demonstration gegen Atomenergie und für die Stilllegung der Atomfabriken Nukem und Alkem in Hanau am 8.11.1986 haben sich Demonstrationsteilnehmer vor dem mit Stacheldraht gesicherten Sperrzaun der Nuklearfabriken versammelt. (picture alliance / dpa / Michael Fink)Demonstration für die Stilllegung der Atomfabriken Nukem und Alkem am 8.11.1986 (picture alliance / dpa / Michael Fink)

Am Schluss der Tour durch das ehemalige Atomdorf in Hanau-Wolfgang führen mich Angelika Gunkel und Elmar Diez am Ausgang des Areals auf ein kleines Wiesenstück. Dort steht am Rande eines Wäldchens eine etwa 80 Zentimeter hohe Holzstatue. Eine kauernde Gestalt, das Gesicht ist dicht an die Oberschenkel gedrückt, die mit den Armen fest an den Körper gezogen werden. Elmar Diez und Angelika Gunkel erzählen die Geschichte dieses Objektes, das anlässlich einer Demonstration im  Jahr 1987 entstand:

"Dieses Denkmal wurde ein Jahr nach Tschernobyl eröffnet und zwar von der Gruppe 'Kettenreaktion'. Sie hatte einen Künstler beauftragt. Und es zeigt eine in sich gekehrte Mutter, die irgendwo darüber nachdenkt, was hier eigentlich passiert ist. Und das Denkmal ist damals hier errichtet worden zu Erinnerung an die Katastrophe von Tschernobyl."

Mahnmal für die verstorbenen Liquidatoren von Tschernobyl

(Gunkel:) "Es sollte auch ein Mahnmal sein für die Liquidatoren, die in Tschernobyl aktiv waren und dafür gesorgt haben, dass die Katastrophe nicht noch größer war. Davon sind inzwischen ganz viele an Krebs gestorben. Und die Demonstration damals stand unter dem Motto 'Wut und Trauer über Tschernobyl'. Um deutlich zu machen, dass eben ganz viele Menschen auch ganz weit weg betroffen sein können von einem derartigen Unfall."

Diez: "Und anlässlich der Eröffnung dieses Denkmals war auch einer der Liquidatoren von Tschernobyl hier anwesend, Herr Chernosenko."

Mit dem Gang zur Skulptur endet die Besichtigung des ehemaligen Atomdorfes in Hanau-Wolfgang 25 Jahre nach Beginn des Transnuklear-Skandals. Heute sind die Zukunftsaussichten der Stadt Hanau bis auf die verbliebenden Atommüll-Reste wieder weitgehend frei vom Ballast des Nuklearzeitalters. Das hat die Stadt am Ostrand des Rhein-Main-Gebietes auch den zähen Anti-Atom-Kämpfern Angelika Gunkel und Elmar Diez zu verdanken. Die machen einfach immer weiter mit ihrer politischen Arbeit – wie schon mehr als ihr halbes Leben lang.

 

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