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Tonart | Beitrag vom 05.02.2016

Hamburger Popband HGich.TDada oder einfach nur gaga?

Von Alexandra Friedrich

Eine Menschenmenge wird verzerrt und verschwommen dargestellt. (picture-alliance/ dpa / Fredrik von Erichsen)
Verwirrung stiften gehört zum guten Ton bei HGich.T. (picture-alliance/ dpa / Fredrik von Erichsen)

Die Videos des Hamburger Künstlerkollektivs HGich.T zeichnen sich durch billige Effekte, grenzwertige Themen und kauzige Protagonisten aus. Ihre Live-Auftritte gelten als reine Exzesse, in denen Phallussymbole und Fäkalhumor die Hauptrolle spielen. Dada oder gaga?

"Hauptschuhle" vom Musikerkollektiv HGich.T. Mehr als 2 Millionen Mal wurde das Video zu dem Song aus dem Jahr 2008 bis heute im Netz angeklickt.

Es zeigt einen Mann um die 30 mit Zahnlücken, steil nach oben frisiertem Haar, der nur in orangefarbener Bauarbeiterweste und Windeln bekleidet auf einem matschigen Acker mehr oder weniger im Rhythmus stampft …

… das hinterlässt ein Fragezeichen auf der Stirn zahlreicher Zuschauer. Wie ist das einzuordnen? Viele Musikkritiker taten die Songs von HGich.T schnell als Quatsch ab – andere wollten darin Kunst erkennen. Dadaismus.

Tatsächlich erinnern manche ihrer Lieder an dadaistische Lautgedichte.

Und Songs wie "Hauptschuhle" oder "Harz For" funktionieren zwar als stumpfe Mitgröhl-Hymnen, können in ihrer Überzeichnung aber auch ohne weiteres als Gesellschaftskritik gedeutet werden.

Einige der rund 20 HGich.T-Mitglieder sind Kunsthochschul-Absolventen. An der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg haben sie zusammengefunden.

Naheliegend, dass HGich.T auch die Kunst zum Thema ihrer Musik machen. Dabei bringen sie die für Dada charakteristische Ablehnung des Kunst-Establishments zum Ausdruck:

HGich.T wird gerne als "Anti-Ästhetik" gelabelt

HGich.T wollen nicht die Konventionen irgendeiner bestehenden Ästhetik erfüllen, sie interessieren sich nicht für "das Schöne" – im Gegenteil, wie Gründungsmitglied Tutenchamun erklärt:

"Es wird eigentlich sehr langweilig, wenn ich mir vorstelle, dass jemand mir sagt: Entwirf mir mal das maximal niedliche Häschen. Und dann setz ich mich dahin und gestalte ich mit irgendwelchen anderen Leuten ein niedliches Häschen und irgendwann grinsen sich alle wie blöd an. Da passiert nicht viel für mich so. Aber wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ich mit Leuten zusammen mich damit auseinandersetzen darf, das maximal monströse hässliche Häschen zu entwerfen und damit anfange, dann weiß ich, dass ich auch nach zwei, drei Stunden mich wahrscheinlich mit den Leuten noch mit sehr neugierigen Augen angucken werde und nem großen Fragezeichen im Gesicht."

"Anti-Ästhetik" ist ein Label, das HGich.T gerne angeheftet wird und das dem oft als "Anti-Kunst" betitelten Dadaismus nicht fern ist – ebenso der Aspekt der Provokation.

Eher harmlos provozieren HGich.T in Songs, die "Tittenpower" oder "Mein Arsch" heißen.

Schwerere Kost sind zum Beispiel die Auftritte von Oberstaatsanwalt a.D. Dietrich Kuhlbrodt, der neben beziehungsweise nach seiner juristischen Karriere auch in diversen Christoph-Schlingensief-Inszenierungen mitspielte. Wenn der 83-Jährige in HGich.T-Videos als der psychopathische Lustgreis "Opa 16" auftritt, bleibt einem schnell das Lachen im Halse stecken.

Provokation - Stilmittel von HGich.T und den Dadaisten

Das Stilmittel Provokation teilen sich HGich.T mit den Dadaisten – ebenso wie den Vorsatz, nicht still stehen zu wollen, "gegen jede Sedimentsbildung" zu sein. DJ Hundefriedhof – Hgich.T-Mitglied der ersten Stunde – versucht zu erklären, warum allein schon auf Grund der Technik jedes ihrer Alben anders klingt als das zuvor:

"Die Geräte werden natürlich neu verkabelt tendenziell zu jedem Album. Man kann ja den Taktgeber, quasi den Master, bei jedem Gerät individuell auswählen und dann eine Kette bilden, welches jetzt der Taktgeber sein soll und die Anderen mit versorgt mit Informationen, wann sie spielen müssen. Das ist so ne Reihe, ne Raupe quasi mit nem Kopf vorne dran und kleinen Beinchen. Und wenn man dann noch Flügel dran bauen kann, irgendwann dann... das ist natürlich besonders gut. Es ist noch viel Freiraum da an Möglichkeiten, was auszuprobieren.

Ein schönes Bild vom Schmetterling – wenn auch etwas abstrus... Verwirrung stiften gehört aber zum guten Ton bei HGich.T.

Dr. Diamond, der ebenfalls zum festen Kern des Kollektivs gehört, liebt es, seine Hörer zu irritieren:

"Wenn wir uns etwas vorstellen und umsetzen, dann kann es vorkommen, dass der Betrachter das eben sich nicht so vorstellen konnte. Und an der Stelle steht er vor etwas, wo er sich vielleicht wundert und erst dann fängt das Gehirn zu atmen an."

HGichT lehren das Wundern und erweitern damit Horizonte, schaffen neue Möglichkeitsräume. Und das ist eine Kunst.

Vom Dadaismus unterscheiden sie sich in erster Linie durch ihre Lebensbedingungen. Der Dadaismus entstand vor 100 Jahren als Antwort auf den 1. Weltkrieg. HGich.T aber leben in einem verhältnismäßig friedlichen Umfeld, eine konkrete, persönliche Bedrohung gibt es nicht. Und das nimmt ihrer Kunst die gewisse Schärfe. Was HGich.T machen, ist also möglicherweise ein Dadaismus unserer Zeit... Wohlstandskinder-Dadaismus – und das ist gar nicht negativ gemeint.

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