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Fazit | Beitrag vom 11.03.2016

Günter Brus im Martin-Gropius-BauVom Staatsfeind zum Staatskünstler

Von Barbara Wiegand

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Der österreichische Künstler Günter Brus, aufgenommen am 11.03.2016 in seiner Ausstellung "Störungszonen" im Martin-Gropius-Bau in Berlin. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
Der österreichische Künstler Günter Brus, aufgenommen am 11.03.2016 in seiner Ausstellung "Störungszonen" im Martin-Gropius-Bau in Berlin. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)

Er zählt zu den radikalsten Vertretern des Wiener Aktionismus: Günter Brus. 1968 onanierte an der Uni Wien mit Kot und Urin beschmiert und sang dazu die Nationalhymne - und landete vor Gericht. Dieser "Uniferkelei-Prozeß" ist auch Thema in seiner Solo-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau.

"Nicht nur das Ansehen Österreichs, als europäischer Kulturstaat wurde hier angeschlagen, sondern auch die menschliche Würde herabgesetzt. Wenn so unsere geistige Elite ausschaut, wenn so unsere Künstler aussehen, die sich so benehmen, dann, meine Damen und Herren, ist es schlecht um uns bestellt."

So sagt es der Staatsanwalt 1968 in seinem Abschluss-Plädoyer, so sehen es auch die Richter. Günter Brus – nach Psychiatrischen Gutachten für gesund befunden, wird wegen Herabwürdigung von Staatssymbolen zu sechs Monaten verschärften Arrests verurteilt. Dieser sogenannte "Uniferkelei-Prozeß" ist nun auch Thema in der Ausstellung "Günter Brus. Störungszonen" im Berliner Martin-Gropius-Bau. Begleitet wird der Prozess damals von einer regelrechten Hetzkampagne in den Medien, von deren Auswirkungen man heute mehr geschockt ist, als von der filmischen Dokumentation dieses Happenings: 2000 Unterschriften sammeln die sauberen Nachbarn in Folge der "Uniferkelei", damit Brus und seiner Frau Anni die Tochter weggenommen würde

"Ja, die sind herumgegangen mit einer Liste – das wäre arg geworden. Vor allem ich war geschützt im Gefängnis, aber meine Frau in der Freiheit Drohungen Briefe Anrufe erleben musste …"

Das Künstlerpaar flieht nach West-Berlin – auf die Insel der Seeligen, wie Günter Brus die geteilte Stadt von damals beschreibt. Innerhalb deren Mauern Künstler aus aller Welt nicht eins, sondern Vielfalt sind. Im "Exil", dem von Günter Brus Künstlerkollegen Ossi Wiener geführten Restaurant trifft man sich, philosophiert, debattiert, isst, trinkt, greift auch schon mal zum Zeichenstift, wie ebenfalls im Gropius Bau ausgestellten Skizzen zeigen. Der extremen Aktion, die Günter Brus in dieses "Exil" treibt, geht ein vergleichsweise harmloser Spaziergang voraus.

Kämpfen für die Kunstfreiheit

Schwarz-weiß bemalt, läuft er 1965 als lebendes Bild durch Wien.

Kuratorin Britta Schmitz:

"Wenn sie den Wiener Spaziergang sich ansehen. Bisher hat er Aktionen mit den Freunden in abgeschlossenen Räumen gemacht. Jetzt geht er raus, läuft als Kunstwerk durch die Welt. Da wird er festgesetzt und muss eine Strafe zahlen. Das finde ich einen ganz wichtigen Beleg dafür, wie man kämpfen muss, dass für die Kunst auch eine gewisse Freiheit erreicht wird."

Für diesen Spaziergang hat Günter Brus seinen Körper noch bemalt – später hat er brutal hinein geschnitten. Mit der Rasierklinge traktiert er seinen Leib, mit Scheren, Nadel, Faden.

"Es gibt sicher psychische Ursachen. Aus der Kindheit verdrängte Erlebnisse. Aber es ist auch rein denkerisch ein notwendiger Vorgang, zunächst Farbe auf den Körper, die die Wunde andeutet, dann wird die Farbe ersetzt durch die Rasierklänge – eine Rückführung auf die menschliche Existenz."

Eine Rückführung – und eine Zerreißprobe? So jedenfalls nennt Brus eine Aktion 1970 in München, bei der er sich in seinen kahl geschoren Kopf schneidet – um die blutende Wunde danach wieder zusammenzunähen. Diese bis dahin extremste Aktion markiert die Wende im Werk des 77-Jährigen. Statt zur Rasierklinge greift er ab den 70er-Jahren immer häufiger zum Stift, zum Pinsel. Günter Brus malt, skizziert, schreibt – fantastisch, ironisch, drastisch, romantisch, heiter, bitter. In Berlin entsteht die Märchenhafte Bildgeschichte von "Des Knaben Wunderhorn", in späteren Blättern beschreibt er das Erwachen aus tiefen Träumen – neben fantastischen Fratzen der Nacht.

Nicht immer skandalträchtig, aber immer eigenwillig

Es sind Bilder, Blätter, die neben den fotografischen wie filmischen Dokumenten der Kunstaktionen einen großen Teil der Berliner Ausstellung ausmachen. Immer wieder eigenwillige, aber längst nicht mehr skandalträchtige Bilder. In Österreich wird ihm, der einst zur Bundeshymne onanierte, 1997 gar der Staatspreis für Bildende Kunst verliehen.

"Ich bekam den Anruf, dass man mir den Staatspreis überreichen will. Ich habe zunächst gesagt, auf keinen Fall, das mache ich nicht. Meine Frau hört das und fragt, um was dreht es sich? Ich sage, Staatspreis … angenommen, die sollen uns zurückzahlen, was sie uns genommen haben … ha – so kann man es auch sehen."

So kann Günter Brus gut damit leben, vom Staatsfeind zum Staatskünstler geworden zu sein. Er hat Frieden mit seinem Heimatland gemacht, in dem er schon lange wieder lebt. Und arbeitet. Auch wenn Günter Brus heute aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so oft zu Stift und Feder greift, entstanden in Österreich vieler seiner in Mengen, beinahe manisch gezeichneten Bilder.

Dass man sich im Martin Gropius Bau jetzt nicht auf den Aktionisten Brus beschränkt, sondern eine Auswahl dieser Blätter zeigt, das ist das Verdienst dieser Ausstellung. Zeigt sie doch den ganzen Günter Brus. Jenen Künstler, der an Grenzen ging und darüber hinaus. Der provokant posierte, poetisch komponierte. Der extrem war und ist, eklig, laut – still, fantasiereich – und immer eigenwillig.

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