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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.08.2012

GRIPS-Fieber

Wie die Berliner Bühne die kulturelle Grundversorgung für Schüler aller Schichten sichern will

Von Jürgen König

Das Berliner Grips Theater bietet ein spezielles Kulturförderprogramm an (picture alliance / dpa /  Jörg Carstensen)
Das Berliner Grips Theater bietet ein spezielles Kulturförderprogramm an (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Das Berliner Grips-Theater bemüht sich darum, möglichst viele Schüler ins Theater zu bekommen. Doch viele Kinder können sich keine Eintrittskarte mehr leisten. Ein neues Kulturförderungsprojekt soll das jetzt ändern.

Stefan Fischer-Fels: "Herzlich willkommen in einem Theater, in dem man nicht nur auf Rezept Theater besuchen kann, sondern in dem man sich auch nun mit einem lebenslangen Virus infizieren kann."

Stefan Fischer-Fels, der Leiter des Grips-Theaters, meint es sehr ernst mit der "Kulturellen Grundversorgung für alle Schichten und Kulturen". Mit dem Projekt "Theater auf Rezept" konnte er Berliner Kinderärzte dafür gewinnen, Theater zu "verschreiben"; mit dem "Grips-Fieber" will er nun auch die Kinder und Jugendliche ins Theater holen, deren Eltern sich das nicht leisten können – 20 Prozent der Berliner Kinder leben an oder unter der Armutsgrenze. Schon in Düsseldorf, als Künstlerischer Leiter des Jungen Schauspielhauses, hat Stefan Fischer-Fels das Konzept entwickelt: eine Partnerschaft zwischen Schule und Theater, für drei Jahre vertraglich festgelegt.

Fischer-Fels: "Wir müssen heutzutage neue, verbindliche Strukturen zwischen Schule und Kultur finden. Und so ein Partnerschaftsvertrag, in dem die Schule sich verpflichtet, mit der ganzen Schule ins Theater zu gehen, und das Theater sich verpflichtet, die Karten für die armen Kinder zu übernehmen, das schien uns ein Handel auf Augenhöhe zu sein. und das war damals in Düsseldorf nach einem Jahr ein riesiger Erfolg mit über 70 Schulen, die da beteiligt waren, und wir waren jetzt natürlich in Berlin auch sehr begeistert, als nach einem Monat schon 22 Schulen zusammen waren. Die sich wirklich entschieden haben dafür, dass Kultur neben den anderen Aufgaben der Schule ur Grundversorgung ihres Verständnisses gehört."

Nicht unbedingt um mehr Zuschauer geht es Stefan Fischer-Fels, sondern um Kontinuität.
Jede Schule kann mit dem Grips-Theater einen Vertrag abschließen, der sie verpflichtet, mit allen Schülern einmal im Jahr eine Vorstellung zu besuchen. Für die Karten der Kinder aus armen Familien hat das Grips-Theater – mithilfe des Berliner Kulturstaatssekretärs André Schmitz - Sponsoren gefunden, die 30 000€ zur Verfügung stellen. Unbürokratisch soll es zugehen, nichts muss beantragt, keine Formulare müssen ausgefüllt werden: der Klassenlehrer, der in der Regel die sozialen Verhältnisse seiner Schüler gut kennt, teilt dem Theater einfach mit, wie viele Freikarten er für einen Besuch braucht. Von den 400 Schülern der Christian Morgenstern-Grundschule in Berlin-Spandau können nur 40 die 4€ für einen Theaterbesuch von zuhause mitbringen. Schuldirektor Michael Ozdoba:

Michael Ozdoba: "In solchen Standorten haben sie den wesentlichen Kontakt zu kulturellen Angeboten immer über die Schule. Was von uns nicht kommt, das kommt eigentlich kaum von jemandem, und deshalb ist es uns auch so wichtig, dass wir auf die Eltern Einfluss nehmen. Also wir machen beispielsweise auch Workshops mit Eltern im Zusammenhang mit der theaterpädagogischen Arbeit und können die dann auch auf diese Welse beispielsweise bewegen, auch hierher zu gehen mit ihren Kindern mal, mal außer der Reihe. Also wir sehen uns einfach da als Multiplikatoren auf der Zeitreihe."

Die Schule als zentraler Kulturvermittler: so sieht es auch Michael Frank, Direktor des Leonardo-da-Vinci-Gymnasiums in Berlin Neukölln, wo von rund 800 Schülern jeder dritte auf Freikarten angewiesen ist. Von einem Schulfach "Kulturelle Bildung", wie es inzwischen öfters gefordert wird, sei man noch weit entfernt, aber immerhin: auf dem Weg dorthin

Michael Frank: "Beispielsweise haben wir ein Fach neu kreiert, das nennen wir "Kulturwerkstatt", ein Wahlpflichtfach, wo Schüler eben wählen, aber pflichtgemäß einfach besuchen, mit Benotung und allem, und da wird der 9./10. Jahrgang... da wird dann schon Kultur entsprechend vermittelt, mehrere Fächer sind beteiligt: das Fach Darstellendes Spiel, also Theater, Deutsch, Musik und Kunst und dort wird dann projektartig mit den Schülern gemeinsam etwas entwickelt, und das hast auch großen Zulauf in unserer Schülerschaft. Und am Ende steht dann immer ein Projekt, in der Regel eine Aufführung, so dass von daher auch hier der Theaterbesuch dann wiederum eine Rückwirkung hat auf die Schüler in ihren eigenen Projekten."

22 Schulen haben sich bisher dem "Grips-Theaterfieber-Projekt" angeschlossen – und zwar vor allem – man glaubt es kaum - Schulen aus dem Westteil der Stadt.

Fischer-Fels: "Ja, das Grips-Theater, das ist ein Theater, das mehr im Westen verwurzelt als im Osten... Das ist auch weiterhin so, aber es ist nicht so, dass nicht die Ost-Schulen zu uns kommen. Aber diese ganz engen Partnerschaften usw., da gab’s jetzt halt nur drei, vier erstmal aus dem Osten, aber das wächst, und das läuft über Mundpropaganda, und da bin ich ganz entspannt."

Die Entspanntheit von Stefan Fischer-Fels mag man nicht ganz teilen, liegt doch der Fall der Mauer zweiundzwanzigeinhalb Jahre zurück, ein etwas innigeres "Zusammenwachsen der Stadt" hätte man doch erwarten können...

Fischer-Fels: ""Also ich bin ja erst seit einem Jahr wieder hier, als Leiter, und habe das erstaunt zur Kenntnis genommen, dass sich in den letzten zehn Jahren nichts geändert hat!" (lacht)"

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