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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 09.07.2014

GriechenlandBehandlung ohne Krankenschein

Wie Hilfsorganisationen in Griechenland Menschen ohne Krankenversicherung helfen

Von Thomas Bormann

Zwei Ärzte und eine Patientin in einem Raum mit einem Bestrahlungsgerät (AFP)
Zwei Ärzte und eine Patientin in einem Raum mit einem Bestrahlungsgerät (AFP)

Weil Arbeitslose in Griechenland nur zwei Jahre Geld vom Staat bekommen, können sich viele keine Krankenversicherung leisten. Sie sind auf freiwillige Ärzte angewiesen, die sie nach Feierabend behandeln.

Im Wartezimmer der Hilfsorganisation "Ärzte der Welt" herrscht jeden Tag dichtes Gedränge. Wer keine Krankenversicherung mehr hat, hofft hier auf Hilfe.

"Ich bin krank, nierenkrank. Ich habe Nierensteine."

"Ich habe ein Magengeschwür und muss deswegen jeden Tag Medikamente nehmen."

Hier bekommen sie die Tabletten. Ohne Krankenschein. Die Medikamente stammen allesamt aus Spenden: Wer zuhause Tabletten übrig hat, gibt sie bei der Hilfsorganisation ab. Die Ärzte, die allesamt nach Feierabend ohne Lohn hier arbeiten, geben die Medikamente an die Bedürftigen weiter.

An der Rezeption sitzt die junge Krankenschwester Marianti:

"Hier kommen so 100, 120 Leute am Tag her. Sie wollen Medikamente holen oder einen Arzt besuchen. Wir haben einen genauen Plan, an welchem Wochentag welcher Facharzt hier ehrenamtlich tätig ist. Früher kamen nur ausländische Flüchtlinge hierher, aber jetzt kommen immer mehr Griechen."

Auf Krücken am Motorrad schrauben?

Einer von ihnen ist der 60-jährige Konstantinos, der hier seine Medizin gegen das Magengeschwür bekommt. Seine Knie schmerzen auch. Er muss auf Krücken laufen. Konstantinos hatte früher in einer Motorradwerkstatt gearbeitet, aber seine Gesundheit machte nicht mehr mit. Weil er schon länger arbeitslos ist, bekommt er keinen Cent Unterstützung vom Staat – er lebt vom Ersparten und von Hilfe aus der Familie. Beiträge zur Krankenversicherung kann er sich nicht leisten. Er ist wütend auf alle Versicherungsgesellschaften und auf den Staat:

"Überlegen Sie sich mal: Ich hatte eine Behindertenrente bekommen, und die haben einfach die Rente gestrichen und gesagt: Ich soll wieder arbeiten. Die denken wohl, ich könnte mit meinen Krücken zurück in die Motorradwerkstatt. Wie stellen die sich das bloß vor?"

Dass Leute im Mülleimer gewühlt haben, das gab es früher nicht

Alexandros Souvátsis ist Physiotherapeut. Er ist in Berlin aufgewachsen, lebt seit zehn Jahren in Athen und arbeitet mindestens acht Stunden die Woche ehrenamtlich in der Klinik der "Ärzte der Welt". Nicht allen Patienten können die ehrenamtlichen Ärzte helfen; es sind einfach zu viele Hilfsbedürftige. Alexandros Souvátsis meint, die Armut in Griechenland ist sichtbar geworden.

"So ein Bild gab es vor zehn Jahren in Griechenland nicht, dass die Leute in Mülleimern rumgewühlt haben, das gab es einfach nicht."

Immer mehr Griechen müssen sich ohne staatliche Unterstützung durchschlagen. In vielen Kirchengemeinden öffnet jeden Mittag eine Suppenküche: Dort bekommt jeder eine warme Mahlzeit, ebenfalls finanziert aus Spenden. Drei Millionen Griechen haben inzwischen keine Krankenversicherung mehr, prangert die Oppositionspartei Syriza an. Die Regierung weist diese Zahl zurück, gibt aber zu, dass der fehlende Krankenversicherungsschutz für viele Bürger ein großes Problem ist.

Mehr zum Thema:

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