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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.07.2007

Goethes Kriminalfall

Ruth Berger: "Gretchen. Ein Frankfurter Kriminalfall", Kindler Verlag, Reinbek 2007, 460 Seiten

Aufgeschlagenes Buch (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Aufgeschlagenes Buch (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Die Frankfurter Dienstmagd Susanna Margaretha Brand war Vorbild für das tragische Gretchen in Goethes "Faust". Ruth Berger schafft in "Gretchen. Ein Frankfurter Kriminalfall" einen historisch authentischen Kontext für das bewegende, psychologisch außerordentlich fein gewebte Porträt von Susanna Brand.

Es war viel los in der ehrwürdigen Reichstadt Frankfurt am Main, frühmorgens am Dienstag, den 14. Januar 1772, einem bitterkalten Wintertag. An der Hauptwache, auf den Wegen und Gassen um den Platz, drängte sich eine riesige Menge von Neugierigen. Alle wollten sehen, wie die Dienstmagd Susanna Margaretha Brand, verurteilt wegen vorsätzlichen Mordes an ihrem Neugeborenen, ihrer gerechten Strafe zugeführt wurde.

Um Punkt zehn Uhr trennt Scharfrichter Hoffmann mit einem einzigen Hieb den Kopf der Delinquentin ab, und damit sind ein spektakulärer Kriminalfall, ein umstrittener Prozess und ein einzigartiger Frankfurter Skandal zu Ende. Vorerst – denn im Publikum steht auch der frischgebackene Anwalt, Johann Wolfgang Goethe. Erschüttert vom Schicksal der Susanna Brandt, entsetzt von der Hinrichtungs-Prozedur, wird ihn dieses Erlebnis tief prägen und ihm gleichzeitig ein literarisches Motiv an die Hand geben, das er viel später in einem epochalen Drama ausgestalten wird.

Aus Susanna Margaretha wird das tragische Gretchen im "Faust", die ebenfalls ihr Kind tötet, aus Verzweiflung und Schande, denn ihr Verführer Faust trachtet nach ganz anderen Dingen als Heirat und bürgerliches Glück.

Im realen Fall war Faust ein junger Holländer namens Jan, ein fahrender Reisender, der im Herbst 1770 in jener Herberge absteigt, in der Susanna Brand als Magd arbeitet. Der lustige Gesell bezirzt die 21-Jährige beim Wein, aber der rauschhafte Liebesnachmittag hat Folgen. Ein uneheliches Kind bedeutete in jener Zeit Schimpf und Schande, Verlust des Arbeitsplatzes und moralische Verstoßung.

Susanna gelingt es, die Schwangerschaft zu verbergen, bringt ihr Kind heimlich zur Welt, nachts in der Waschküche. Ist das Kind schon tot, als es geboren wird? Tötet sie es wirklich vorsätzlich, wie sie später gesteht? Die Akten des Prozesses sind vollständig erhalten, und der weltliterarische Fortgang von Susannas Geschichte hat immer wieder Forscher auf die Figur und ihr trauriges Schicksal aufmerksam gemacht.

Die Frankfurter Historikerin und Romanautorin Ruth Berger hat nun aus dem Wust der auch widersprüchlichen Dokumente einen packenden Roman geformt. Sie taucht tief in Mentalität und Wesen der Zeit ein, ihr gelingt ein glaubhaftes Bild der sozialen und politischen Frankfurter Verhältnisse. So schafft sie einen historisch authen-tischen Kontext für das bewegende, psychologisch außerordentlich fein gewebtes Porträt Susanna Brand.

Im souverän nachgeahmtem Frankfurter Idiom schreibt Ruth Berger in erlebter Rede, wie ein selbstbewusstes, hübsches junges Mädchen, das tatkräftig und fleißig ihre Arbeit verrichtet, einen Nachmittag glücklich ist, im Bett mit ihrem Holländer, um dann so bitter für diesen Moment der Erfüllung zu büßen. Denn natürlich macht sich der Luftikus aus dem Staub und lässt Susanna sitzen, und nun gerät die arme Magd in das mitleidlos moralische und juristische Räderwerk ihrer Zeit.

Geschickt und klug knüpft Ruth Berger schöne Goethe-Fäden in ihren Erzählteppich nebst zahlreichen weiteren Figuren – Susannas Familie, die Frankfurter Obrigkeit, auch die heute noch stadtprägenden Senckenbergs tauchen auf. Und ordentlich Skurrilität und Heiterkeit mischen sich in die todtraurige Geschichte, die man mit beklommenen Vergnügen liest.

Noch viele Jahrzehnte nach Susannas Hinrichtung blieb die Todesstrafe für Kindsmörderinnen in Kraft. Und diese böse Pointe gibt es auch noch: 1783 musste Goethe in seiner Weimarer Funktion als Geheimer Rat über einen ganz ähnlich gelagerten Fall entscheiden. Eine Magd sollte ihr Kind getötet haben. Angeblich. Goethe stimmte für die Todesstrafe, das Urteil wurde vollzogen.


Rezensiert von Joachim Scholl

Ruth Berger, Gretchen. Ein Frankfurter Kriminalfall
Kindler Verlag, Reinbek 2007, 460 Seiten, 19,90 Euro

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