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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.04.2012

Glücksritter und Hochstapler

Dirk Laabs: "Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand", Pantheon Verlag, 384 Seiten

Bereicherung im Westen, Enttäuschung im Osten - Die Arbeit der Treuhand hinterlässt noch heute einen bitteren Beigeschmack (picture alliance / dpa / Hans Wiedl)
Bereicherung im Westen, Enttäuschung im Osten - Die Arbeit der Treuhand hinterlässt noch heute einen bitteren Beigeschmack (picture alliance / dpa / Hans Wiedl)

Heillos überfordert und immer einen Schritt zu spät, so beschreibt Dirk Laabs die deutsche Treuhand - die Privatisierung des Ostens als institutionalisiertes Chaos, in dem Betrüger sich ungehindert eine goldene Nase verdienen konnten.

Es fällt schwer, beim Lesen dieses Buches nicht zornig zu werden. Obwohl man, anders als es der Untertitel suggerieren möchte, wenig Neues über die Treuhand erfährt. Doch in der komprimierten Darstellung des Themas erscheint das Geschehen vor 20 Jahren streckenweise umso empörender.

Aus der zeitlichen Distanz betrachtet trifft die Treuhand wohl weniger Schuld an der Ausplünderung der DDR-Wirtschaft nach der Wende als es die aufgebrachten Bewohner Ostdeutschlands damals empfanden. Denn schon unmittelbar nach dem Fall der Mauer 1989 begann abseits der öffentlichen Wahrnehmung der private Zugriff auf das Volkseigentum. Leiter von VEBs und Kombinaten knüpften Kontakte mit westdeutschen Unternehmen und schlossen Verträge ab. Umgekehrt setzten auch Konzerne aus der Bundesrepublik innerhalb kürzester Zeit geräuschlos den Fuß in die Türen großer DDR-Betriebe und schufen vollendete Tatsachen. So tat sich die Deutsche Bank mit der Staatsbank der DDR zusammen, die Allianz mit der staatlichen Versicherung. Währenddessen wurde noch am Runden Tisch über die Verwertung des volkseigenen Vermögens beraten.

Der Vorschlag einer Freien Forschungsgemeinschaft in der DDR wurde aufgegriffen, der die Ausgabe von Anteilsscheinen und die Veräußerung von bis zu 49 Prozent der Betriebe vorsah, um sie marktfähig zu machen. Die Idee wurde jedoch verwässert. Bald war von Anteilsscheinen keine Rede mehr, stattdessen wurde ein zentrales Institut zur Veräußerung der Wirtschaftsbetriebe geschaffen: die Treuhand. Während sie noch mit ihrer Gründung und der Rekrutierung von Personal beschäftigt war, fielen die Glücksritter ein: Bankrotteure, Betrüger, Hochstapler knüpften Kontakte mit alten SED-Seilschaften, drängelten sich auf den Fluren der Treuhand, ergatterten mitunter sogar entscheidende Posten innerhalb der Institution.

Beim Lesen des Buchs entsteht der Eindruck, dass die Treuhand von Anfang an mit ihrer Aufgabe überfordert war. Meist hechelte sie, personell heillos unterbesetzt, den Ereignissen hinterher, gewann kaum den Überblick über das zu privatisierende Wirtschaftspotential und wurde von der Kohl-Regierung in Bonn im Stich gelassen. Selbst ein erfahrener Sanierer wie Detlev Karsten Rohwedder drohte an seiner Aufgabe als Treuhand-Präsident zu scheitern. Auch wenn er versuchte, beim Verkauf der Betriebe im Chaos gerecht, schonend und strukturiert vorzugehen, richteten sich Hass und Enttäuschung der zu Zehntausenden entlassenen Menschen im Osten Deutschlands gegen ihn.

Nach seiner Ermordung durch die RAF 1991 folgte ihm Birgit Breuel nach, die weniger umsichtig als politisch entschied und viele konkrete Warnungen, dass es in ihrer Behörde da und dort nicht mit rechten Dingen zuging, einfach ignorierte. Vielfach fehlte die Kontrolle, oft auch die Zeit zur Kontrolle. Und so wurden bereits in der aufgeheizten Pionierzeit während der Wiedervereinigung weder die Angestellten der bunten Truppe noch so mancher Käufer näher überprüft.

Was bleibt, ist ein schaler Nachgeschmack: Gegen restlose Aufklärung sperrte sich nicht zuletzt die Politik. Vieles blieb ungeahndet, manche Prozesse kamen zu spät. Zehntausende Menschen waren inzwischen ohne Arbeit, Betriebe ausgeplündert, drohende Konkurrenz durch westdeutsche Unternehmen ausgeschaltet. Die Treuhand selbst, zum Schein abgewickelt, arbeitete aber noch einige Jahre unter dem absichtlich komplizierten Titel "Bundesanstalt für vereinigungsbedingtes Sondervermögen" weiter, um sie so vor ähnlich großem Interesse der Öffentlichkeit wie bisher zu schützen.

Dirk Laabs hat ein aufregendes Buch geschrieben, das die Treuhand auf bisher zu wenig wahrgenommene Weise darstellt: als Behörde, die den Ereignissen hinterher eilt und noch mit der eigenen Organisation beschäftigt ist, während die kriminellen Machenschaften schon voll im Gange sind und die Anstalt selbst zu unterwandern beginnen. Eine Treuhand, die möglicherweise von der Politik bewusst genutzt wurde, um den zu erwartenden Volkszorn auf sich zu ziehen - eine Institution, die nicht von sich aus böse war, sondern im Regen stehen gelassen wurde.

Besprochen von Stefan May

Dirk Laabs: Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand
Pantheon Verlag, München 2012
384 Seiten, 16,99 Euro

Zu einer weiteren Besprechung von Dirk Laabs' "Der deutsche Goldrausch":
Andruck - Die Superpleitebehörde.

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