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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.03.2012

Glücksfall in schwierigem Umfeld

200 Jahre "Emanzipationsedikt" zur Gleichstellung von Juden in Preußen

Von Winfried Sträter

Mit zwei Ausstellungen erinnert das Haus der brandenburgisch-preußischen Geschichte in Potsdam an den Jahrestag (Hagen Immel, Potsdam 2002, copyright: HBPG)
Mit zwei Ausstellungen erinnert das Haus der brandenburgisch-preußischen Geschichte in Potsdam an den Jahrestag (Hagen Immel, Potsdam 2002, copyright: HBPG)

Das Jahr 1812 bildet mit dem "Emanzipationsedikt in Preußen" einen Markstein in der deutsch-jüdischen Beziehungsgeschichte. Um die davon ausgehende Emanzipation der Juden in verschiedenen Teilen Deutschlands und Frankreichs geht es nun auch auf einer Tagung und zwei Ausstellungen in Potsdam.

Der gestrige Tag hätte einer der Feiertage der deutschen Geschichte sein können, ein Tag, an dem die Nation einen Meilenstein auf dem Weg zum freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat feiert. Denn das Ereignis hatte diese historische Dimension: Mit dem Edikt, das die Juden zu Staatsbürgern machte, wurde im größten deutschen Staat - Preußen - ein Jahrhunderte altes Problem endlich auf eine Weise gelöst, die wegweisend für den Aufbau eines demokratischen Staatswesens war: Aus den Juden als mehr oder weniger geduldeten Untertanen wurden Staatsbürger mit gleichen Rechten und Pflichten wie die christlichen Mitbürger. Was die Franzosen mit der Revolution 1791 durchgesetzt hatten, vollzogen die Preußen mit ihren Reformen nach. Nicht ganz so entschlossen, nicht ganz so weitgehend – aber die Richtung wies eindeutig den Weg aus mittelalterlich-frühneuzeitlicher Finsternis in eine aufgeklärte Moderne.

Als die Juden des Deutschen Kaiserreiches am 11. März 1912 den 100. Jahrestag dieses Ereignisses feierten, beklagten sie fortdauernde Diskriminierungen und aufflammenden Antisemitismus; zugleich hieß in einer jüdischen Zeitung hoffnungsvoll,

"dass anlässlich des 200-jährigen Jubiläums des Emanzipationsediktes sicherlich mehr Anlass zum Feiern bestünde, weil dort die verbliebenen Hindernisse in der Zukunft ausgeräumt worden wären, … natürlich haben weite Teile der deutschen Judenheit im 19. Jahrhundert in der Zuversicht gelebt, dass der Rechtsstaat, dem sie auch dieses Emanzipationsedikt vermeintlich verdankten, sich letztlich durchsetzen werde und dass damit auch ihre volle gesellschaftliche Anerkennung verbunden werden würde."

Dr. Tobias Schenk, Historiker in Göttingen und Wien, heute in Potsdam. Das historische Ereignis steht im Schatten des zivilisatorischen Bruchs von 1933, der allen Fortschritt zunichte gemacht, alle Sicherheiten jüdischer Existenz in Deutschland beseitigt und auch die Errungenschaften des Jahres 1812 zunichte gemacht hat. So ist das 200-jährige Jubiläum des Emanzipationsediktes im Geschichtskalender der Deutschen heute nur eine Randnotiz. Potsdam, die alte Preußenresidenz, erinnert immerhin mit einer wissenschaftlichen Tagung des Moses-Mendelssohn-Zentrums und mit zwei Ausstellungen im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte an die ehemalige Bedeutung des Edikts. Dr. Irene Diekmann von der Universität Potsdam, eine der beiden Kuratorinnen der Ausstellung "Das Jahr 1812":

"In der Allgemeinheit ist es nicht präsent. Die Wahrnehmung, dass das ein Einschnitt war, dass das eine ganz wesentliche Zäsur war, hängt damit zusammen, dass in den letzten Jahren der Fokus zu sehr auf dem Schnitt Holocaust lag. Aber es gibt eine Geschichte weit vorher."

Und das ist bis ins 19. Jahrhundert eine Geschichte fortdauernder Rechtlosigkeit für die Juden in Preußen und anderen deutschen Ländern – wobei in weiten Teilen Deutschlands Juden die Ansiedlung ganz untersagt war. Daher die historische Bedeutung des Edikts von 1812, so Tobias Schenk:

"Also es war insofern zunächst einmal ein ganz wesentlicher Markstein, als es das alte, aus der frühen Neuzeit überkommene Schutzjudensystem beendet hat, das dazu führte, dass Juden nur als geduldete Fremde galten und ihre Niederlassung, ihre Heirat, ihre Hausstandsgründung jeweils landesherrlichen Gnadenakten zu verdanken hatten, die sie jeweils teuer zu bezahlen hatten."

Insofern bedeutete das Jahr 1812 für die Juden eine Befreiung, obwohl es nicht alle Diskriminierungen beseitigte, obwohl es nur in dem kleineren Preußen galt, das nach der Niederlage gegen Napoleon übrig geblieben war und obwohl es 1815, als Napoleon geschlagen war, nicht auf die Gebiete ausgedehnt wurde, die neu zu Preußen hinzukamen. Aber die Emanzipation setzte jene Kräfte frei, die sich dann im 19. und frühen 20. Jahrhundert entfalteten: Bald bildeten Juden einen wichtigen Teil der geistigen und wirtschaftlichen Eliten Preußens und Deutschlands. Eindrucksvoll zeigt die Potsdamer Ausstellung über die Familie Levin-Lesser die Leistungs- und Innovationskraft des jüdischen Bürgertums.

Zu den wohl wichtigsten Ergebnissen der Potsdamer Tagung gehört die Erkenntnis, dass das Emanzipationsedikt kein logisches Ergebnis eines politischen Prozesses war, sondern ein Glücksfall in einem schwierigen historischen Umfeld. Im Preußen Friedrichs des Großen herrschte eine weitaus größere Willkür gegenüber den Juden als heute gemeinhin wahrgenommen. Nie wurden vor 1933 mehr Juden aus deutschen Landen vertrieben als aus dem Preußen Friedrichs des Großen. Und sein ei-genes Reglement von 1750, das scheinbar mehr Rechtssicherheit für Juden schuf, höhlte der Monarch durch eine Kette von Willkürakten aus, so Tobias Schenk:

"Das heißt: Das Judenrecht, unter dem die Juden zu leben hatten, wurde in vielen Bereichen immer widersprüchlicher und am Ende hatten die Beamten Mühe, in der Fülle sich oft widersprechender Befehle, weil Friedrich als König einfach oft den Überblick verloren hatte über all diese komplexen Materien, dort überhaupt noch den Überblick zu behalten."

Am Ende hat die Niederlage gegen Napoleon 1806 den entscheidenden Anstoß gegeben. Nur durch grundlegende Reformen konnte der preußische Staat wieder lebensfähig werden, und das Emanzipationsedikt war das letzte große Reformwerk damals. Schon bald sollte sich zeigen: Das Zeitfenster für grundlegende Reformen war eng. Nach dem Sieg über Napoleon erlahmte der Reformeifer und die Gegenkräfte wurden wieder stärker. Die Juden bekamen dies zu spüren, obwohl viele mit einer erstaunlichen Hingabe versuchten, gute Staatsbürger, gute Preußen und später gute Deutsche, zu sein. Eine Liebe, die kaum erwidert wurde.


Links auf dradio.de:
Als Juden zu preußischen Staatsbürgern wurden
"Judentum ist viel, viel, viel mehr als nur Religion" - Vor 200 Jahren wurde in Preußen ein Edikt erlassen, der Juden zu Staatsbürgern machte
Irene A. Diekmann, Bettina L. Götze: "Vom Schutzjuden Levin zum Staatsbürger Lesser. Das preußische Emanzipationsedikt von 1812"

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