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Weltzeit | Beitrag vom 30.12.2015

Glücksbringer in JapanMit der Lieblingspuppe bis ins Krematorium

Von Jürgen Hanefeld

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Eine Frau in Tokio, die die in Japan sehr beliebten Hina-Puppen präsentiert. Aufgenommen am 26. November 2015. (dpa / MAXPPP)
Eine Frau in Tokio, die die in Japan sehr beliebten Hina-Puppen präsentiert. (dpa / MAXPPP)

Nirgendwo sind Glücksbringer wohl so beliebt wie in Japan - ob als Amulett oder Talisman, als Schutzgott oder Mickymaus. Eine geradezu religiöse Verehrung genießen die sogenannten Nin-yo. Das sind Puppen, die den Menschen ein Leben lang begleiten - und am Ende sogar bestattet werden.

Ein Marktforschungsinstitut in Tokio beziffert den Umsatz mit mehr oder weniger gelungenen Glücksbringer-Kreationen auf umgerechnet 17 Milliarden Euro pro Jahr allein in Japan. Die Figuren sind abgeleitet von Tieren oder Gemüse, von Comic- und Manga-Wesen, von Fantasy-Monstern oder Robotern, und das einzige Attribut, das sie gemeinsam haben, ist "kawaii" zu sein, süß oder niedlich. Kann man das ernst nehmen? Ja, sagt Sonmyo Miura, ein buddhistischer Mönch in Tokio:

"In Japan ist ja alles belebt, nicht nur Menschen und Tiere. Auch Bäume können eine Seele haben, oder Dinge wie Cognac-Flaschen, Haarspangen und Nähnadeln!"

Abschiedszeremonie für Puppen, Plüschtiere und Plastikmonster

In seinem Tempel feiert der Mönch einmal im Monat eine Abschiedszeremonie für Puppen, Plüschtiere und Plastikmonster. Sie sitzen schon da, als wir reinkommen: Pluto und der Waldgeist Tottoro, gewaltige Teddybären und Kokeishi, bemalte Holzköpfe am Stiel. Eine besondere Tribüne ist für Hina-Ninyo reserviert. Diese Püppchen kosten Hunderte von Euro, auch wenn man gar nicht damit spielen kann. Dazu sind sie zu schön und prächtig gewandet. Drei dieser Kostbarkeiten gehören einer 60-jährigen Dame. Sie weint hemmungslos.

"Die Hina-Puppen waren meine Freundinnen seit meiner Kindheit. Ich habe sie so lange aufgehoben und in Ehren gehalten. Aber nun will ich mich von ihnen trennen. Ich will die Totenandacht für sie halten, solange ich noch am Leben bin.

Es gibt von alters her die Tradition, eine Puppe zu nähen, wenn ein Kind geboren wird. Deswegen heißen sie Nin-yo, Puppe in Menschengestalt. Wenn das Kind krank wird, kann die Puppe die Krankheit übernehmen. Sie wird verbrannt oder im Fluss versenkt, damit sie das Böse mit sich nimmt. Die Nin-yo schützt also das Kind. Deswegen wird sie nicht weggeworfen, wenn das Kind gesund bleibt und erwachsen wird. Man dankt der Puppe und bringt sie zu einem Tempel oder Schrein."

Auf der Ladefläche ins zwei Stunden entfernte Krematorium

Und dann? Nun, auf den Dörfern werden die Wesen tatsächlich noch verbrannt. Mit dem Rauch steigt ihre Seele in den Himmel auf. In Tokio ist offenes Feuer verboten, deshalb schafft der Mönch regelmäßig Wagenladungen von Spielzeug zur Kremation ins zwei Stunden entfernte Nikko. Auf der nächsten Fuhre werden auch die Puppen dieses jüngeren Ehepaares sein.

"Ich bin jetzt gerade 30 geworden, also erwachsen. Und in unserer neuen Wohnung ist kein Platz mehr für die Puppen. Aber ich muss sagen, der Abschied fällt mir sehr schwer."

Und ihr Mann ergänzt:

"Ich bin froh, dass wir uns gemeinsam von den Puppen meiner Frau verabschiedet haben, mit einer richtigen Zeremonie. Alle haben für die Seelen der Puppen gebetet, weil die meine Frau so gut beschützt haben. Wir Japaner spüren ja eine spirituelle Verbindung mit diesen Wesen. Ich hätte ein schlechtes Gewissen, sie einfach so weg zu werfen. Daher machen wir das ganz förmlich, wie es sich gehört."

Buddhistische Mönche unterstützen den Puppen-Kult

Natürlich verdient der Tempel Geld mit diesen Zeremonien. In Japan gibt es keine Kirchensteuer. Die Tempel leben von Spenden für Zeremonien und vom Verkauf von Amuletten und Horoskopen. Glücksbringer eben, wie Puppen, Stofftiere, Maskottchen. Sonmyo Miura, der freundliche Mönch, räumt ein:

"Die Vorstellung, die ganze Welt sei belebt, stammt eigentlich aus dem Shinto-Glauben. Das ist die Volksreligion. Mit Buddhismus hat das gar nicht zu tun. Aber wir unterstützen das. Ich denke, die ganze Zeremonie ist doch nichts weiter als ein Zeugnis der Dankbarkeit - Buddha gegenüber."

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