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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 14.03.2007

Global Player und "Prometheus"

Die Legende des Streichholzkönigs Ivar Kreuger

Von Marianne Wendt

Das Schlagwort von der Globalisierung ist eigentlich ein alter Hut: Schon im 19. Jahrhundert wurden weltumspannende Konzerne gegründet. Einer dieser frühen Global Player war der "Streichholzkönig" Ivar Kreuger. Er gründete ein Firmenimperium mit mehr als 260 Tochterunternehmen und verlieh nach dem I. Weltkrieg in großem Stil Geld an europäische Staaten, darunter an das hoch verschuldete Deutsche Reich. Im Gegenzug erhielt er das deutsche Zündwarenmonopol.

O-Ton Hessenschau:
"Guten Abend, liebe Zuschauer, ich freue mich, dass sie ein bisschen Zeit für uns gefunden haben. Wir haben ein hoffentlich interessantes Programm für sie zusammengestellt, das in Schlagzeilen so aussieht: Abgebranntes Monopol. Feuer frei für die Produktion von Zündhölzern, seit heute sind sie nämlich kein Staatsmonopol mehr."

Barbara Dickmann, Ende der 70er erste Tagesthemen-Moderatorin und heutige Mona Lisa-Redaktionsleiterin, moderiert die Hessenschau vom 15. Januar 1983.

"Wussten Sie eigentlich, dass Sie jedes Mal, wenn Sie sich ein Zündhölzchen, ein Streichholz angezündet haben, dem letzen deutschen Warenmonopol einen finanziellen Beitrag geleistet haben? Die Bundesregierung musste für dieses Monopol alle sechs Monate rund 270.000 Dollar für die alleinigen Rechte an der Herstellung dieser Hölzchen bezahlen. (...)
Das Feuer wird auch künftig nicht ausgehen. (Geräusch) Doch das deutsche Zündwarenmonopol erlischt heute Nacht 0 Uhr, nachdem die letzte Rate für die Kreugeranleihe (...) jetzt bezahlt ist."

Am 29.01.1930 wurde das "Zündwarenmonopolgesetz" durch den Reichstag verabschiedet. Fortan durften bis zum Ablauf der letzten Rate der Staatsanleihe im Januar 1983 nur noch Streichhölzer von der "Deutschen Zündwaren Monopolgesellschaft" verkauft werden. Kreugers Firma "Svenska Tändsticks Aktiebolaget" war an deren Gewinn bis zuletzt beteiligt, auch wenn die "Deutsche Zündwaren Monopolgesellschaft" das Monopol offiziell ausübte.

SPRECHER HESSENSCHAU:
"Damals musste das finanzschwache deutsche Reich Schulden machen und pumpte sich 125 Millionen Golddollar bei dem schwedischen Zündholzkönig Ivar Kreuger. Der Spekulant und Millionär sicherte sich mit dem Kredit das Monopol auf alle Zündholzwaren in Deutschland. Obwohl er bald danach wegen Fehlspekulationen scheiterte, das Zündwarenmonopol blieb bestehen. So gibt es über 50 Jahre schon das deutsche Standartzündholz: 2,1 mm Kantenbreite, 45 mm lang, und dabei am Ende ein roter Kopf."

Albecht Ritschl: "Die gab's in blau und die gab's in gelb. Das war so ein grün-gelb und darunter stand ganz klein Deutsche Zündwaren Monopolgesellschaft. DZMG. Das waren die Kreuger-Zündhölzer. Kosteten einen Einheitspreis von zunächst fünf Pfennig. Dann wurde sie etwas teurer im Zuge der Inflation und es gab nur die."

Prof. Dr. Albrecht Ritschl, Leiter des Instituts für Wirtschafsgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin erinnert sich noch genau an die Aufhebung des Monopols in den 80er Jahren.

"... auf einmal gab es mehr. Und es gab sie billiger. Und in schlechterer Qualität und mit der Zeit verschwanden die Kreuger-Zündhölzer vom Markt und erst als sie vom Markt verschwunden waren, lernte ich als Wirtschaftshistoriker genaueres über die Geschichte dieser Zündwaren - Monopol - Gesellschaft."

Da sich die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches verstand, blieb das Monopol bis in die 80er Jahre bestehen. Doch um den Jahreswechsel 1982 auf 1983 bereiten sich Deutschlands Zündholzhändler fieberhaft auf das wichtigste Ereignis ihrer Geschichte vor: Am 15. Januar 1983 Schlag Mitternacht ist es endlich soweit.

Lastwagen voll Zündhölzer, die bis 0 Uhr an den Grenzen auf ihre Auslieferung warteten, rollen jetzt nach Deutschland. Am nächsten Morgen liegen die ersten frei gehandelten Zündhölzer in den westdeutschen Geschäften. Ihr Preis ist bis zu 35 Prozent gefallen.

Walther-Peer Fellgiebel: "Das Ausland drängelt schon lange, das war nämlich bisher nicht möglich, weil nach dem Zündwarenmonopolgesetz praktisch keine einzige Schachtel eingeführt werden konnte, solange der Bedarf im Inland durch die inländische Kapazität gedeckt werden konnte. Ich durfte also gar nicht einführen und dementsprechend ist keine nennenswerte Menge hineingekommen, es sei denn im Reiseverkehr, was jeder natürlich mal ausgenutzt hat, - ein paar Zündhölzer mitbringen, das war frei."

Walther-Peer Fellgiebel von der deutschen Zündwarenmonopolgesellschaft erklärt 1983, dass mit Wegfall des Monopols schlagartig billige Zündhölzer aus osteuropäischer Produktion auf den westdeutschen Markt kommen. Auch die Hessenschau befürchtet, Billigprodukte aus der Tschechoslowakei, der DDR oder Jugoslawien könnten die deutschen Streichholzfabriken in Schwierigkeiten bringen. Denn:

"Besonderer Geschäftseifer wird bei den devisenhungrigen Staatshandelsländern beobachtet."

So ideologisch sah man 1983 die Marktlage der Zündhölzer zwischen West und Ost im Kalten Krieg.

Heute hingegen werden die alten Zündholzschachteln im Internet als Raritäten versteigert und es gibt Nostalgie-T-Shirts mit dem Emblem der Welthölzer. Das Welthölzer-Logo steht damit in der Reihe anderer früherer Markenprodukte, die Nostalgiewert errungen haben und zur Mode geworden sind.

Am 11. März vor 75 Jahren starb der Zündholzkönig Ivar Kreuger, der im Fernsehbericht der Hessenschau als "Spekulant und Millionär" betitelt wurde. Berufene Zeitgenossen Kreugers sahen das damals allerdings anders.

"Hier hatten wir einen Mann, der vielleicht die größte konstruktive Finanzbegabung unserer Zeit besaß."

John Maynard Keynes hielt zwei Tage nach Kreugers Tod in der BBC eine Lobeshymne auf den Finanzmann.

"Der englische Nationalökonom John Maynard Keynes hatte in den 30er Jahren eine intellektuelle Revolution eingeleitet, die die Grundlagen der herrschenden Konjunkturlehren auf den Kopf stellte: Nicht Sparen, sondern Geldausgeben wurde zur Devise für die öffentlichen Kassen in der Krise, und das Credo der Zentralbanken sollte nicht mehr die Stabilität des Geldwerts, sondern ebenfalls die Stabilisierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage sein."

Professor Albrecht Ritschl von der Humboldt-Universität zu Berlin beschreibt in einem Aufsatz über die Wirtschaft der Weimarer Republik, wie Keynes neue Lehren die damalige Wirtschaftspolitik direkt beeinflussten. Keynes lobendes Urteil über den Industriellen Ivar Kreuger hat seiner Meinung nach damit zu tun, dass....

Albecht Ritschl: " ... Keynes selbst ein relativ begnadeter Spekulant war, und sich ein verhältnismäßig großes Aktienvermögen an der Börse erspekuliert hat. Und gut darin war, gegen den Markt zu spekulieren und damit Recht zu behalten. Kreugers letztendliches Scheitern zeigt uns, dass er nicht so gut war wie Keynes."

Ivar Kreuger wurde am 2. März 1880 als Sohn eines Zündholzfabrikanten in Schweden geboren. Nach dem Studium in Stockholm arbeitete der junge und ehrgeizige Ingenieur in den USA und begann schnell, ein gefragter Bauingenieur zu werden. Er macht Erfahrungen mit Großprojekten in Mexiko, Indien und Afrika, und baute um die Jahrhundertwende an mehreren Wolkenkratzern mit. 1907 bewerben Kreuger und ein anderer junger Mann, Paul Toll, sich zeitgleich für das Patent einer wichtigen Erfindung auf dem Gebiet des Eisenbetonbaus von Julius Kahn. Die beiden Ingenieure beschließen, in Zukunft zusammenzuarbeiten.

"Im März 1908 wurde in Stockholm die Grundstücks- und Baufirma Kreuger &Toll gegründet. Anfangs machte selbst die Anschaffung eines Betonmischers Schwierigkeiten, aber schon bald bot sich eine Chance. Kreuger und sein Kompagnon bauten in Rekordzeit ein Warenhaus, über das das "Svenska Dagblad" schwärmte: Der Neubau (...) wird sicher das Signal einer neuen Epoche in der Stockholmer Baugeschichte werden".

Bruno Hollnagel, Autor verschiedener wirtschaftstheoretischer Bücher wie "Tollhaus Börse" beschreibt in seinem Buch "Die großen Spekulationen der Weltgeschichte" Kreugers zielstrebige Karriere: Kreugers Auftraggeber setzten für jeden Tag Terminüberschreitung eine Konventionalstrafe von 5000 Kronen fest. Der aufstrebende Unternehmer Kreuger akzeptierte, allerdings unter der Bedingung, dass auch er denselben Betrag erhalten sollte, wenn er vor dem festgesetzten Termin mit dem Bau fertig würde. Kreuger konnte das Bautempo tatsächlich so beschleunigen, dass die Vertragsklausel zur Terminüberschreitung ihm selbst, und nicht dem Auftraggeber zugute kommt. Der nüchtern-kalkulierende Kreuger hatte Nutzen und Risiko genau abgewogen und im richtigen Moment Mut gezeigt.

Von nun an reiht sich Erfolg an Erfolg. Bereits 1916, also in acht Jahren, hat die Firma ihr Startkapital von 10.000 Kronen zu einem Eigenkapital von drei Millionen Kronen vervielfacht.

Mittlerweile befindet sich die Zündholzfabrik des Vaters in Schwierigkeiten, denn der eher kleine Betreib kann sich gegen die Konkurrenz aus dem Ausland nicht mehr behaupten. Ivar greift ein.

Kreuger fusioniert und rationalisiert den kleinen Konzern so geschickt, dass er schon kurz vor Ende des ersten Weltkrieges Marktführer in Schweden wird. Er wandelt die "Kreuger & Toll" in eine Holdinggesellschaft um. Innerhalb weniger Jahre macht er aus seiner kleinen Konstruktionsfirma einen weltumspannenden Trust, der 260 Fabriken und 75.000 Mitarbeiter umfasst. Zum Schluss gehören laut Hollnagel dazu:

"Fast zwei Drittel der weltweiten Streichholzproduktion, Goldminen, Erzberg- und Verhüttungswerke, große Teile der schwedischen Papierindustrie samt den dazugehörigen Wäldern, teure Immobilien in einigen europäischen Hauptstädten und die Telefonfirma Ericsson."

Kreugers Streichholzfirma ist seit 1917 bis heute international unter der Bezeichnung Swedish Match Company bekannt. Doch Kreuger wollte nicht nur Streichhölzer verkaufen - er machte auch den Banken Konkurrenz:

Albecht Ritschl: "Kreugers Besonderheit war es, dass er an Staaten Kredite vergeben hat, die auf den internationalen Kapitalmärkten nicht ohne weiteres als kreditwürdig galten. Normalerweise müssen solche Länder hohe Strafzinsen oder hohe Risikozinsen bezahlen, wir denken an das Südamerikageschäft, wo hohe Zinsen gang und gäbe sind und wo es immer wieder vorkommt, dass solche Kredite ausfallen und die Zurückzahlung eben ein Problem wird. Kreuger war in diesem Geschäft engagiert, also das, was man als Hochrisikobereich bezeichnen würde, und er hat eine eigene Form der Kreditsicherung gehabt. Und das war eben, dass er sich von den jeweiligen Ländern im Gegenzug zu diesem Kredit ein Monopol hat überschreiben lassen und das war dieses Zündwarenmonopol, was es dann eben auch in Deutschland gegeben hat."

Kreuger gab nicht nur Kredite an ganze Staaten, sondern bot auch privaten Kleinanlegern eine besonders attraktive Sparform an. Sein Konzern gab Anleihen mit garantiertem Festzins und einer variablen Gewinnbeteiligung heraus. Für den Wirtschaftsfachmann Bruno Hollnagel ...

"(...) eine wunderbare Hängematte, auf der man sich ausruhen kann, und dann kriegt man noch als Bonbon nochmal so viel oder sogar zweimal so viel als Gewinnbeteiligung dazu. Das war eine wirklich Innovation, die meines Erachtens wieder sehr viel auch über die Person Ivar Kreuger sagt, nämlich dass es ihm sehr wohl wieder um Geld gegangen ist, aber nicht nur um seine Interessen. Er hat durchaus erkannt, dass er nur mit den Anlegern gemeinsam und mit den Geldgebern gemeinsam seine Ziele erreichen konnte."

Doch als Kreugers Imperium zusammenbrach, verloren seine Anleger ihr gesamtes Vermögen. Kreugers Garantien waren über Nacht nichts mehr wert.

Albecht Ritschl: "Diese Anleihen hatten die Besonderheit, dass sie nicht fest verzinslicht waren, sondern neben einem garantierten Festzins auch noch einen variablen Zins hatten. An sich ist das, würde ich sagen, ein finanzieller Schnickschnack, der dazu führt, die wahre Rendite dieses Papier ein bisschen zu verschleiern. Klar ist natürlich, dass diese Unternehmensanleihen, die er da vergeben hatte, durchaus riskant waren, und wie das bei Unternehmensanleihen so üblich ist, mit einem Konkursrisiko behaftet. Und als das Unternehmen Kreuger, oder sein Imperium, tatsächlich in den Bankrott ging, waren diese Anleihen entwertet."

Es war keine unübliche Finanzpraxis, die Kreuger da pflegte. In Amerika, an der Ostküste, gingen fliegende Händler mit Anleihen von Tür zu Tür, die dort gut verzinste deutsche Anleihen wie zum Beispiel Kommunalanleihen aus Berlin oder Köln, preußische Staatsanleihen oder Anleihen einzelner deutscher Unternehmen an die amerikanischen Hausfrauen verkauften. Die Händler versprachen eine gute Rendite und verschleierten das Risiko. All diese Anlagen waren nach der Weltwirtschaftskrise völlig entwertet, als Deutschland 1933 die einseitige Streichung seiner Auslandsschulden verkündete.

Albecht Ritschl: "Deutschland war eigentlich durch seine hohe Auslandsverschuldung, die vollkommen unverantwortlich war, in der Mitte der zwanziger Jahre und durch diese Reparationslast, die ja auch irgendwann mal bezahlt werden musste, finanziell auf dem Status eines der notorischen Schuldnerländer Lateinamerikas, wo es alle paar Jahre eine Finanzkrise gibt."

Deutschland war nach dem ersten Weltkrieg ein so genanntes "Risikoland", von dem unklar war, ob es seine Schulden zurückzahlen würde.

Albecht Ritschl: "Und in einer solchen Situation stand ein solches Land vor der Entscheidung, entweder auf dem internationalen Kapitalmarkt hohe Risikozinsen zu zahlen oder aber ein Geschäft abzuschließen, bei dem die Zinsbelastungen niedriger war aber der Kreditgeber, in diesem Fall Kreuger, noch anderswo Einnahmen erzielen konnte. Und dafür hat man ihm ein Monopol überschrieben."


Karrieren wie die von Kreuger waren für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg nicht untypische Blitzkarrieren, die durch die ungeheuren Unsicherheiten und politischen Risiken geprägt von Inflation in Deutschland und später dann der Weltwirtschaftskrise ermöglicht wurden. Kreuger profitierte von der speziellen wirtschaftlichen Situation und agierte als Unternehmer global: Einerseits unterhielt er rund 150 Tochterfirmen mit 260 Fabriken und 75.000 Mitarbeitern. Damit kontrollierte er in 33 Ländern den Zündholzmarkt, was etwa 60 Prozent der Weltproduktion bedeutete. Andererseits vergab er Kredite an verschiedene europäische Regierungen: Polen, Italien, Deutschland, Griechenland, Frankreich. Dennoch war er kein Modernisierer.

Albecht Ritschl: "Das überrascht manchen möglicherweise, aber wir müssen uns klar machen, dass das späte 19. Jahrhundert in vielerlei Hinsicht eine stärker globalisierte Weltwirtschaft gekannt hat, als das heutzutage der Fall ist. (...) Machen wir uns klar, das 19.Jahrhundert war eine Zeit sicherer Währungen im Goldstandard, es war eine Zeit freier Kapitalströme, es war eine Zeit freier Arbeitskraftwanderung, man musste an den Grenzen keinen Pass vorlegen, sondern allenfalls seinen Koffer öffnen für den Zöllner, ansonsten bestand Wanderungsfreiheit... "

... und es gab große Wanderungsströme, sowohl innerhalb der industrialisierten Länder, aufgrund der rasanten Verstädterung, als auch zwischen den Ländern. Das 19. Jahrhundert war die Zeit der massiven Völkerwanderung in die Neue Welt.

Albecht Ritschl: "Die große Besonderheit ist nicht die Globalisierung von heute, und da ist Kreuger auch kein Vordenker, die große Besonderheit ist die Entglobalisierung der Weltwirtschaft, die eingesetzt hat mit dem ersten Weltkrieg. Und die sich langsam erst wieder aufhebt seit dem herannahenden Ende des Kalten Krieges in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Wir sind sozusagen heute an einer Rückkehr zu einem historischen Normalzustand."

In der Krisensituation nach dem I. Weltkrieg reagierten die Menschen unterschiedlich auf die großen, nicht ohne weiteres begreifbaren wirtschaftlichen Probleme. Entweder vertrauten sie sich den großen Wirtschaftsbossen wie Kreuger an, kauften dessen Anleihen und hofften darauf, Anteil an deren finanziellem Erfolg zu haben. Andere Zeitgenossen jedoch hielten genau diese schillernden Figuren des Wirtschaftslebens für die Urheber sämtlicher Probleme.

Als vielfacher Millionär, der Zeit seines Lebens zurückgezogen lebte, bot Ivar Kreuger sich für die Rolle des Sündenbocks gut an. Die Menschen waren neugierig, sie verschlangen jede noch so winzige Information über sein Wirtschaftsimperium ebenso wie über sein Privatleben.

"Die Literatur über Kreuger wächst von Woche zu Woche, zur Zeit gibt es schon über zehn Werke, darunter eines von seiner Freundin und eines von einem Psychiater."

spottet Paul Elbogen 1933 in seinem Buch "Kometen des Geldes". Kreuger war solch ein Komet. Der Philosoph und Schriftsteller Ludwig Marcuse schreibt in "Die Legende unserer Tage" 1932 über Kreuger:

"Das Publikum hatte zu diesem Mann auf Grund seines Erfolgs mehr Vertrauen als zu großen mächtigen Staaten. Es kaufte die Staats-Anleihen durch seine Hand und fühlte sich geborgen."

Bruno Hollnagel: "Ja, also, man wird stark dadurch, dass man ein schlüssiges Konzept hat, möglichst einfach, möglichst eingängig das Konzept. Dass man das glaubhaft auch nach außen vertreten kann und vertritt, möglichst auch als Person vertritt."

Bruno Hollnagel bringt damit auf den Punkt, wie Ivar Kreuger es schaffte, Vertrauen in sein Unternehmen und seine Anlagen herzustellen.

Für Marcuse verkörperte Ivar Kreuger jedoch den Prototypen einer neuen Zeit der ökonomischen Dominanz im öffentlichen Leben:

"Wer ist nun der legendäre Mensch unserer Tage? Prometheus, der Erfinder? Der kommt meist in Schwänken als komische Figur vor. Denn in einer Zeit, die an keine Inhalte sich gebunden fühlt, ist derjenige, der mit diesem ganzen Erdball am Geschicktesten jongliert, der am Klügsten hintergeht, am Raffiniertesten sich verwandelt und zum Schluss am meisten geräubert hat - der Bewundertste. Welches sind die Helden und Heiligen von heute? Die erfolgreichen Heerführer, die erfolgreichen Diktatoren, die erfolgreichen Parteiführer, die erfolgreichen Wirtschaftsführer. Und die Abenteurer, welche die größten Stücke Kuchen auf ihrem Teller vereinigen. Solch eine Vereinigung nennt man Trust."

Albecht Ritschl: "Man war in den zwanziger Jahren fasziniert von finsteren Gestalten. Das war die Zeit, in der Verschwörungstheorien in Mode kamen, in der das Wort der Plutokratie sich breit gemacht hatte, die Vorstellung von irgendwelchen finsteren Erzkapitalisten, die in irgendwelchen Zigarrenverqualmten Hinterzimmern bei Billard und leichten Damen die Weltwirtschaft zu Grunde richten..."

...denn der Erfolg von Geschäftsleuten und Politikern wie Kreuger blende das einfache Volk und führe zu einer neuen Art moderner Helden, macht Ludwig Marcuse deutlich:

"Der Mensch braucht Vorbilder von Treue und Hilfsbereitschaft, von Askese und Heiligkeit, von Gottvertrauen und schöpferischer Kraft. Er sieht die erfolgreichen Dschingiskhane und schenkt ihnen bereitwilligst, was er seinem unscheinbaren Nachbarn, der vielleicht wirklich ein Vorbild an Treue und Pflichterfüllung ist, neidisch verweigert. Er schenkt es bereitwilligst den Ivar Kreugers."

Am Nachmittag des 11. März 1932 betritt Ivar Kreuger ein Waffengeschäft im Pariser Zentrum. Der Verkäufer demonstriert dem Großindustriellen verschiedene halbautomatische Waffen. Als Kreuger sich schließlich für eine 9 Millimeter Browning entscheidet, muss er seinen Namen nennen und wird ordnungsgemäß registriert.

Am folgenden Tag warten schwedische und amerikanische Bankiers und Investoren auf Ivar Kreuger. Doch der "Zündholzkönig" erscheint nicht. Die Wartenden werden unruhig, und Kreugers engster Vertrauter nimmt sich ein Taxi, um seinen Chef so schnell wie möglich zum Treffen ins Hotel du Rhin zu begleiten. Doch als er in der Wohnung ankommt, trifft er nur auf die Haushälterin. "Ist der Ingenieur nicht zu Hause?", fragt er nervös. "Doch, aber er schläft." "Er schläft nicht! Er ist tot!" Kreuger liegt angekleidet auf seinem Bett. Weste und Jacke sind aufgeknöpft, in der Brust steckt eine Kugel.

Am nächsten Tag blickt das Gesicht Ivar Kreugers von fast jedem Titelblatt jeder europäischen Zeitung. Die Nachricht seines Todes verbreitet sich in Windeseile über den gesamten Globus. Am nächsten Börsentag geben die Kurse drastisch nach. Es kommt zum so genannten "Kreuger-Crash".

Der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky kommentiert damals Kreugers Fall und sieht seine düstere Sicht auf die Wirtschaftswelt bestätigt:

"Die Dummheit der Menschen manifestierte sich früher im Militär, heute in den Wirtschaftsführern."

Durch Kreugers Tod geriet die Glaubwürdigkeit seiner Firmen endgültig ins Wanken. Die Bankvertreter drückten die Bewertungen weit nach unten. Schon wenige Wochen später meldet die Mutter-Firma Kreuger & Toll Konkurs an. Die Banken übernahmen Kreugers Firmen zu Preisen, die sie selbst diktierten. Sie verloren dabei nicht eine Krone ihrer Sicherheiten. Die Aktionäre hingegen, die ihre Kreuger-Aktien nicht rechtzeitig abstoßen konnten, verloren ihr gesamtes Vermögen.

Die Journalisten überbieten sich mit immer neuen Gräuelgeschichten über den Zündholzkönig. Kreuger habe im großen Stil Bilanzen gefälscht, der Konzern sei nur ein gigantisches Kartenhaus gewesen. Während Kreugers Imperium zusammenbricht, werden an seinem Selbstmord in Paris Zweifel laut. Die große Frage, die vom Stammtisch bis zum Bankkonsortium ganz Europa bewegte, war die: Hatte Ivar Kreuger sich umgebracht, oder war er ermordet worden? War er ein Spieler, der zu hoch gepokert hatte, oder wurde er das Opfer einer groß angelegten Intrige?

Bruno Hollnagel: "(...) Es liegt nahe. Denn er hätte gar keinen Grund, sich selbst zu erschießen. Ich will hier aber niemandem die Schuld in die Schuhe schieben, weil ich es nicht beweisen kann. Für mich ist Kreuger nur ein ganz nüchtern kalkulierender Mann gewesen."

Sofort nach Kreugers Tod wird der Streichholzkönig zur Legende und wird in Filmen und Romanen behandelt. Der Filmregisseur Howard Bretherton inszeniert 1932 den Film "The match king”, dessen Hauptfigur, ein cleverer, manipulierender Geschäftsmann, sich an Kreuger orientiert. Selbstverständlich schmückt der Regisseur - ganz Hollywood - den Wirtschaftskrimi mit einer verzweifelten Liebesgeschichte. Am Ende des Films erschießt sich der Streichholzkönig. Für Hollywood erschien der Selbstmord interessanter als eine tödliche Intrige.

Die Philosophin und Schriftstellerin Ayn Rand hingegen veröffentlicht 1934 das interaktive Stück "night of January 16th". Es spielt im Gerichtssaal und handelt ebenfalls vom Tode Ivar Kreugers. Das hohe Gericht verhandelt darin die Frage, ob Kreuger sich vom Dach eines Hochhauses gestürzt hat, oder ob seine Geliebte und Angestellte ihn ermordete. Das Stücke war so inszeniert, dass in jeder Aufführung Zuschauer als Geschworene auf die Bühne gerufen wurden und den Schluss des Stückes mitbestimmten: "Schuldig oder nicht schuldig".

Der britische Schriftsteller Graham Greene veröffentlichte 1935 mit dem Roman "England made me" eine weitere Variante der Geschichte Ivar Kreugers. Und auch der Schriftsteller Alfred Döblin baute Kreuger noch im Jahr seines Selbstmordes in einen Fortsetzungskrimi ein.

Alle Geschichten haben gemein, dass Kreuger in ihnen als manipulativer, gerissener oder sogar korrupter Wirtschaftboss dargestellt wird, dem der Aufbau seines Imperiums über alles geht, der dafür alles tun würde und dessen eigenes Leben ihm im Moment des finanziellen Ruins sinnlos erscheint.

Doch sein Bruder Torsten Kreuger wehrte sich von Anfang an vehement gegen die These, dass Ivar Kreuger sich 1932 das Leben nahm, weil er sich verspekuliert hatte. Mehr als 30 Jahre lang trug er Beweise in seinem Buch "Die Wahrheit über Ivar Kreuger" zusammen, das 1966 erschien. Im Licht der von ihm gesammelten Dokumente stellt sich der Fall Kreuger eher als Krimi, politische Affäre und als eine gigantische Schlacht der Banken dar.

Bruno Hollnagel: "Der Grund liegt also nicht so sehr an Kreuger, sondern an der Tatsache, dass ein ganz großes Unternehmen, einflussreiches Unternehmen pleite ging, denken sie an die Leute, die Anleihen hatten, (...) und nachher plötzlich soll das wertlos gewesen sein. War ja in Wirklichkeit gar nicht so, sein Bruder hat das ja nachgewiesen, dass er in Wirklichkeit gar nicht Konkurs war, aber auch da ist es so, das da sehr viel auch die Psychologie reinspielt. Wenn Sie sagen würden heutzutage glaubhaft durch ein entsprechendes Medium, eine bestimmte Firma ist nicht mehr zahlungsfähig, dann sind die Konsequenzen natürlich, dass niemand mehr etwas mit der Firma zu tun haben will."

Professor Ritschl sieht das anders:

"Es ist ganz einfach. Es gab genug Gründe für Kreuger und sein Imperium pleite zu gehen. Und er war beileibe nicht der einzige, und das einzige Finanzimperium, was während der Weltwirtschaftskrise pleite gegangen ist. Er war von diesen Figuren die Schillernste. Und er hatte die kreativste, könnte man sagen, man könnte aber auch sagen, die riskantesten Finanzierungsmethoden, das lädt zu Spekulationen ein, das lädt zu Verschwörungstheorien ein...."

... wie zum Beispiel die Vermutung, dass die Pariser Wohnung seines Bruders laut Torsten Kreuger einige Monate vor seinem Tod zwar leer stand, jedoch vermietet war und dubiosen Zwecken diente.

"Die mysteriöse Wohnung war ein Beobachtungsposten, von dem aus man alles kontrollierte, was Kreuger tat. Man hatte besondere Abhörgeräte montiert und konnte durch raffinierte Spiegelvorrichtungen Kreugers Tun und Lassen verfolgen."

Kreugers Bruder hat sich über die Jahre hinweg Zugang zu Akten geschaffen, die direkt nach dem Tod Kreugers unter Verschluss der Regierung gehalten wurden. Nach seinen Erkenntnissen scheint immer mehr für die Mordtheorie zu sprechen. Andererseits klingt die Geschichte zu abenteuerlich, zu sehr nach Krimi, um wahr zu sein. War der Tod Ivar Kreugers also ein bloßer Selbstmord eines verzweifelten Geschäftsmannes am Rande des Ruins oder eine groß angelegte Verschwörung der Kapitals?

Albecht Ritschl: "...Der Kreuger hat sich ganz einfach verspekuliert. Der hat aufs falsche Pferd gesetzt. Der Kreuger und sein Imperium waren davon ausgegangen, dass Europa wieder hochkommt, dass es sinnvoll ist, in diese ganzen europäischen Länder zu investieren und dass sich das langfristig bezahlt macht. Und da hat er falsch gewettet. Darin war er überhaupt nicht alleine. (...) Es war nach dem Ersten Weltkrieg die Vorstellung gewesen, dass man durch amerikanisches, finanzielles Engagement Europa wieder auf die Füße stellen kann. Und man hat dabei vergessen, dass jeder europäische Wiederaufschwung zunächst vorausgesetzt hätte, dass die politischen Probleme innerhalb Europas gelöst werden. (...) Alle diese Dinge sind nach dem II. Weltkrieg sehr intelligent gelöst worden. Nach dem Ersten Weltkrieg nicht, man meinte damals, man könnte mit so einer Art Scheckbuch-Diplomatie die ungelösten Probleme überdecken, und als das nicht mehr funktionierte, brach ein finanzielles Kartenhaus zusammen und alle wurden darunter begraben, die in diese Länder investiert hatten. Unter anderem Kreuger."

"Der Schlüssel zum Erfolg ist Schweigen, mehr Schweigen, und sogar noch mehr Schweigen".

Angeblich stammt dieser Satz von Ivar Kreuger selbst. Auch 2001, nach dem großen Börsencrash, stieg die Zahl der Selbstmorde unter den Brokern und Börsianern rapide an - wer viel wagt, kann auch viel verlieren. Manche sogar ihr Leben.

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