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Profil / Archiv | Beitrag vom 16.10.2012

Gleichgewicht von Licht und Finsternis finden

Der kolumbianische Schriftsteller Tomás González

Von Tobias Wenzel

Der kolumbianische Schriftsteller Tomás González (Juan Carlos Sierra)
Der kolumbianische Schriftsteller Tomás González (Juan Carlos Sierra)

Fast unbekannt blieb der kolumbianische Schriftsteller bis ins Rentenalter - bis er 2011 mit einem dünnen Roman auf Platz 1 der kolumbianischen Bestsellerliste landete. Dieser Roman ist nun unter dem Titel "Das spröde Licht" in deutscher Übersetzung erschienen.

Tomás González, ein hagerer Mann mit grau-meliertem Bart und einer Brille mit ovalen Gläsern, wird kräftig durchgeschüttelt. Er sitzt in einem Taxi, das in Deutschland sicher beim TÜV durchfiele.

"Rudolfo ist hier der öffentliche Nahverkehr. Er ist der einzige, der sich auf diese kaputten Wege hier wagt."

Der einzige aller Taxifahrer in und um Cachipay, der keine Angst um seine Stoßdämpfer hat. Das Dorf Cachipay liegt in den Bergen, hundert Kilometer nordwestlich von Bogotá. Das klapprige Taxi ist am Ziel. Die Finca des Autors ist von wild wuchernden Pflanzen umgeben, Kolibris fliegen vorbei an Kochbanenenstauden, Mangobäumen und Kaffeesträuchern.

Violeta, die grüngelbe Hauspapageiendame, flattert aufgeschreckt von der Eingangstür zu ihrem Stammplatz, einem über der Veranda gespannten Seil, mit atemberaubendem Blick auf die Berge und Täler. Der 62-jährige González liebt die nicht zu bändigende Vegetation genauso wie das Meer.

"Als ich Kind war, hatten wir ein Haus in Tolú am Golf von Morrosquillo, am Meer, am Atlantik. Alle Eindrücke meiner Kindheit sind geprägt durch das Meer. Da war ich zwei bis drei Monate im Jahr, immer wenn ich Ferien hatte. Deshalb habe ich unaufhörlich Sehnsucht nach dem Meer und spüre seine Gegenwart."

"Am Anfang war das Meer" heißt auch der erste Roman von Tomás González. Es geht um einen Aussteiger, der Medellín, die Geburtsstadt des Autors, verlässt, um am Meer zu leben. Er scheitert und wird getötet. Diese Geschichte ist stark autobiografisch. Zwei der Brüder von Tomás González wurden ermordet.

"Der Tod meiner Brüder hat bei mir einen Prozess in Gang gesetzt, der mit tiefem Entsetzen und rabenschwarzen Empfindungen begann, mit einem schwarzen Loch. Damit lässt sich erklären, warum ich so sensibilisiert bin für den Kontrast von Schrecken und Schönheit. Und den bringe ich in meine Bücher ein. Fast so wie ein Maler, der dafür Farben benutzt."

Ein Maler ist die Hauptfigur in "Das spröde Licht", dem neuen Roman des Kolumbianers. Eine Künstlergeschichte und ein feinfühliges Buch über Sterbehilfe. Der späte Durchbruch des Autors. Anfang der 80er-Jahre verließ González seine Heimat Antioquia, um in der Hauptstadt Bogotá zu leben. Dort arbeitete er als Barmann, bevor er 1983 mit seiner Frau und dem siebenjährigen Sohn zu Verwandten nach Miami auswanderte:

"Im Haus meines Schwiegervaters gab es eine kleine Werkstatt. Und da habe ich zusammen mit meinem Schwiegervater und meinem Schwager aus Reifen und Speichen Fahrrad-Räder zusammengesetzt. In der Bar war ich oft betrunken und konnte am nächsten Tag nicht schreiben. In der Werkstatt in Miami konnte ich sogar während der Arbeit über Probleme meines neuen Romans nachdenken. Denn die Arbeit war sehr mechanisch. Die Hände haben praktisch von allein gearbeitet."

Später zog die Familie nach New York. González arbeitete dort 16 Jahre als Journalist, Übersetzer und Schriftsteller, bis er, ganz wie die Hauptfigur seines Romans "Das spröde Licht", die US-amerikanische Megastadt wieder verließ, um nach Kolumbien zurückzukehren.

"Ich habe ja eine Kopie davon."

Tomás González sitzt an seinem Schreibtisch und deutet auf jene ausgedruckten Manuskriptseiten, auf die Violeta ihre Notdurft verrichtet hat. Der Papagei ist immer dabei, wenn der Kolumbianer schreibt, genauso wie dessen pechschwarze Hündin Sombra. Täglich um vier Uhr früh macht sich González an die Arbeit und schreibt Romane und Erzählungen, in denen die Gewalt Kolumbiens nie das dominierende Thema, aber dennoch immer im Hintergrund spürbar ist.

"Im Leben der Menschen bleibt die Gewalt immer im Hintergrund, wie ein fernes Geräusch. Als wir den Tod meiner beiden Brüder als Tatsache angenommen hatten, verlief unser Leben irgendwann wieder in geregelten Bahnen. Die Gewalt war in den Hintergrund getreten. Wenn man als Autor die Gewalt vordergründig schildert, erscheint die Welt düsterer, als sie eigentlich ist. Man sollte stattdessen das Gleichgewicht von Licht und Finsternis finden."

So groß das Leid auch sein mag, das in den Büchern und im Leben von Tomás González auftaucht, wie die schwere Krankheit seiner Ehefrau, immer findet der Autor als begeisterter Sinnenmensch zurück zum Reiz des Lebens: zum warmen Lichtspiel, zum beruhigenden Plätschern eines Baches oder zu einer aufgeschnittenen saftigen Mango.

"Die Ästhetik ist wichtiger für mich geworden als die Erkenntnis. Es ist ja möglich, dass es einen Gott gibt, der all dies gemacht hat. Nur werden wir das nicht erfahren. Aber niemand kann uns die wunderbare Fähigkeit nehmen, die Welt zu betrachten. Insofern haben wir alles. Es fehlt uns an nichts."

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