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Studio 9 | Beitrag vom 11.01.2016

Gießener KunstinstallationAusflug auf Stanislaw Lems Raumstation

Von Ludger Fittkau

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Der polnische Schriftsteller, Essayist und Philosoph Stanislaw Lem. (dpa / picture alliance / Forum Krzysztof Wojcik)
Der polnische Schriftsteller, Essayist und Philosoph Stanislaw Lem. (dpa / picture alliance / Forum Krzysztof Wojcik)

In der Installation "Zakopane" in Gießen begeben sich die Besucher auf die Raumstation aus Stanislaw Lems Science-Fiction-Roman "Solaris". Das Künstlerduo Jost von Harleßem und Hanke Wilsmann hat einen Parcours durch geschickt gebaute Theaterkulissen geschaffen.

Eine unwirtliche Welt, selbst Lems Planet Solaris muss gemütlicher sein. Ein Gewerbegebiet am Rande von Gießen. Öde Zweckbauten mit Fastfoodrestaurant, Fitnessstudio und leerstehendem Schuhcenter. Irgendwo unscheinbar dazwischen eine Tür, hinter der sich tatsächlich ein Theaterfoyer befindet. Am Empfangstresen ein smarter Mann Mitte 20. Sein Name: Stefan Dorn.

"Ich würde Sie gleich bitten, durch die Tür raus zu gehen und die weiße Tür nebenan zu nehmen, dahinter finden sie einen langen Gang, den gehen Sie bitte entlang und ganz am Ende des Gangs finden sie eine weitere Tür und die können Sie selbständig öffnen und hindurch treten. Und sobald sie da sind, wird sie eine Stimme in Empfang nehmen."

"Hallo, Gast 21. Schön, dass Sie da sind."

Ich folge der Stimme und dringe immer weiter in das Innere des leerstehenden Schuhcenters vor. Sphärische Musik wabert, grünes Neonlicht erhellt die Wege. Ein bisschen Geisterbahn-Atmosphäre. Irgendwann weist mich die Stimme aus einem Lautsprecher an, ich solle warten, bis mir der Zutritt durch die nächste Tür gewährt würde. Ähnliche Ansagen werden sich später ein paar Mal wiederholen, bis ich dann wieder im Theaterfoyer lande. "Zakopane" – so haben die beiden Künstler Jost van Harleßem und Hanke Wilsmann ihre Arbeit genannt. Eine Hommage an Stanislaw Lem. Denn die letzten Worte von Lems Roman "Solaris" lauten: "Zakopane, Juni 1959 - Juni 1960." Jost van Harleßem:

"Vorher hatten wir eine Arbeit gemacht, die hieß Clarenville. Auch nach einem Ort benannt, der überhaupt nichts mit dem Ort zu tun hat. Und Zakopane hat auch wenig mit dem Ort Zakopane zu tun. Aber auch nicht wirklich mit Solaris an sich. Weil wir nicht sagen wollen, wir machen Solaris, haben wir uns dann dieses Wort gesucht. Weil das Ganze nur aus Fundstücken und Dingen besteht und so ist dann auch der Titel ein Fundstück aus dem Buch, das dann in diese Welt gehört und dann vielleicht neu interpretiert wird dann."

Virtuelle Computerspielräume in einem Gewerbegebiet

Der zentrale Raum von "Zakopane" ist irgendwie der Idee von "Live-Escape-Rooms" nachgebildet. Das sind reale Räume, die virtuellen Computerspielräumen nachgebildet sind, aus denen man seine Spielfigur durch bestimmte Rätsellösungen aufs nächste Level bringen kann, auf dem dann weitere Rätsel warten.

Seit einiger Zeit ist es Mode, solche Computer-"Escape-Rooms" in realen, meist trashigen Großstadt-Locations nachzubauen, um reale Menschen dort hineinzuschicken. Als ich von der Stimme in den "Zakopane"-Raum geschickt werde, hockt dort auf einem Stuhl an einem Schreibtisch eine junge Frau aus Fleisch und Blut. Lems Roman "Solaris" im Kopf überlege ich, ob es sich um die Materialisierung einer Figur aus meiner Vergangenheit handeln könnte. Die Person kommt mir allerdings nicht bekannt vor. Sie sagt, sie heiße Laura Schilling:

"Ich muss gleich durch diese Tür gehen."

Die Frau, die behauptet, Laura Schilling zu sein, verschwindet schnell durch die nächste Tür. Die Stimme sagt mir, ich müsse bleiben. Ich setze mich also in den Raum, der wie eine Mischung aus Raumlabor und Gefängniszelle aussieht. Hinter einem Glasfenster gleiten Objekte wie im Weltraum vorbei, in einer Ecke steht ein Videomonitor, aus einem Lautsprecher erschallt eine Hörspielsequenz aus "Solaris":

"Alles ist in der Norm. Das ist Tarnung, Maske. In gewissem Sinne ist das eine Ultrakopie. Alles ist genauer als das Original."

Hanke Wilsmann:

"Klar, wir haben uns schon auch schon die Figuren in Solaris angeschaut und haben gesagt: Gut. Der eine landet im Selbstmord, der andere ist der Held, weil er sich darüber hinweg setzt, was ihm da passiert. Ein anderer wird verrückt und der andere will halt Krieg machen und diese Parameter von menschlicher Begegnung zu Andersartigkeit waren schon ein Sprungbrett. Aber das nur moralisch zu zeigen und zu sagen: Hey, was tut der Mensch, wenn ich ihm das Nirwana vor die Nase halte, war's dann nicht."

Hanke Wilsmann ist die zweite Schöpferin der Installation im Gießener Gewerbegebiet, die zuvor bereits erfolgreich in Mannheim gezeigt wurde. Den irritierenden psychologischen Spiegel des Romans "Solaris" von Stanislav Lem sucht man in der Tat in der aktuellen Arbeit von Wilsmann und van Harleßem vergeblich. "Zakopane" ist ein leichtfüßiger, 15-minütiger Parcours durch geschickt gebaute Theaterkulissen, Licht- und Klangeffekte. Mit gelungenen kleinen Persiflagen auf Horroreffekte, wie den batteriebetriebenen Kriechtieren, die aus einer Luke herauspurzeln, die man in der Wand des Zentralraumes öffnen kann. Auf Stanislaw Lems grausame Wunder wie in "Solaris" muss man in "Zakopane" verzichten. Das Gießener Gewerbegebiet, in das man nach der Aufführung wieder ausgespuckt wird, ist vielleicht auch schon grausam genug.

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