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Interview / Archiv | Beitrag vom 29.01.2008

Gewerkschaften planen europaweiten Protest gegen Nokia

Werksschließung in Bochum soll verhindert werden

Moderation: Birgit Kolkmann

Ein Vorhängeschloss verschließt  ein Tor des Nokia-Werkes in Bochum. (AP)
Ein Vorhängeschloss verschließt ein Tor des Nokia-Werkes in Bochum. (AP)

Der Europäische Metallgewerkschaftsbund (EMB) hat den Nokia-Konzern aufgefordert, die Schließung des Bochumer Werkes auszusetzen und über Alternativen zu verhandeln. EMB-Generalsekretär Peter Scherrer kündigte an, mit punktuellen Streiks die Unternehmensleitung unter Druck setzen zu wollen.

Birgit Kolkmann: Nun machen die Nokia-Betriebsräte mobil, nicht nur der in Deutschland, sondern europaweit. Morgen gibt es ein Treffen. Und die IG Metall unterstützt dieses massiv ebenso wie der Europäische Metallgewerkschaftsbund. Dessen Generalsekretär ist Peter Scherrer, den ich jetzt in der "Ortszeit" begrüße. Schönen guten Morgen, Herr Scherrer!

Peter Scherrer: Guten Morgen, Frau Kolkmann!

Kolkmann: Gestern trafen sich ja der Nokia-Chef Kallasvuo und Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Christa Toben. Eine Arbeitsgruppe wurde eingesetzt, die nach innovativen Lösungen für die Zukunft des Nokia-Standortes Bochum suchen soll. Was halten Sie davon? Ist die Messe noch nicht gesungen?

Scherrer: Nein, die Messe ist auf keinen Fall gesungen. Und das ist ein gutes Stichwort. Ich bin gerade auf dem Weg nach Bochum und werde dort mit dem Weihbischof Grave heute Nachmittag um zwei Uhr mit den Beschäftigten zusammentreffen. Und das heißt, breite Solidarität auch von der Kirche wird jetzt kommen. Und deshalb, denke ich, ist die Messe noch längst nicht gesungen. Und ich glaube auch, diese Arbeitsgruppe kommt viel, viel zu spät.

Kolkmann: Was fordern Sie denn konkret, die Rücknahme der Schließungsentscheidung für Bochum?

Scherrer: Ja. Genau das ist unser erstes Ziel, dass dieser Beschluss ausgesetzt wird und dass intensiv über Alternativen nachgedacht wird. Und das hätte bei einer guten und verantwortungsbewussten Unternehmensführung schon viel vorher kommen müssen.

Kolkmann: Kann denn die Nokia-Leitung das jetzt noch machen ohne Gesichtsverlust?

Scherrer: Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, das Management von Nokia hat in dieser Affäre, so will ich mal sagen, schon reichlich Gesichtsverlust erlitten. Da kommt es darauf auch nicht mehr an.

Kolkmann: Hat denn Nokia als Konzern eigentlich unterschätzt, welchen Widerstand es geben wird, zum Beispiel, dass viele Menschen in Deutschland jetzt Nokia-Produkte gar nicht mehr haben wollen?

Scherrer: Ja, ich bin überrascht, dass Sie darüber überrascht sind. Ich meine, das Management hat mehrmals gesagt, dass sie über die Wucht der Reaktionen überrascht ist. Und wenn man sich anguckt, was ziemlich genau vor zwei Jahren in Deutschland stattgefunden hat, die Schließung des AEG Electrolux Werkes in Nürnberg. Daraus hätten sie Lehren ziehen müssen. Aber es gibt doch in Europa viele andere Fälle, General Motors zum Beispiel in Portugal. Die haben ähnliche Fälle. Und deswegen wundert mich es, dass sie bei ihrem Vorhaben so vorgegangen sind.

Kolkmann: Nun hat ja die Konzernchefetage durchaus auch Angebote gemacht, zum Beispiel, dass Menschen aus Bochum in Rumänien dann ja auch arbeiten können und vielleicht billige Wohnungen angeboten bekommen. Das klingt schon ein bisschen zynisch. Wie kommt das bei den Betriebsräten an?

Scherrer: Ja, das ist meiner Meinung nach Verhöhnung von Menschen. Das kann man nicht machen. Und vor allen Dingen, das dann als, wie soll ich sagen, auf Druck als Kompensation anzubieten. Da gehört schon eine reichliche Portion Zynismus dazu.

Kolkmann: Zumal man ja in Rumänien dann nur noch ein Zehntel von dem verdient, was man in Deutschland verdient bei Nokia.

Scherrer: So ist es.

Kolkmann: Welchen Einfluss haben denn Sie als Betriebsrat oder als Betriebsräte auf europäischer Ebene?

Scherrer: Na, wir werden morgen nicht nur Betriebsräte zusammenholen in Brüssel, sondern wir werden eine sogenannte gewerkschaftliche Koordinierungsgruppe installieren. Das heißt, alle Gewerkschaften, die Mitglieder in Nokia-Betrieben in Europa haben, werden sich dort morgen treffen, zusammen mit dem Eurobetriebsrat bzw. mit führenden Mitgliedern des Eurobetriebsrates. Und da werden wir über mögliche europaweite Schritte reden.

Kolkmann: Wenn Sie gute Gewerkschaftsvertreter sind, und ich hoffe, das sind Sie auch, dann haben Sie natürlich auch Ihre Ansprechpartner in den Konzernetagen. Können Sie uns ein bisschen verraten, in welchen Gesprächen Sie da eventuell sind und ob es da Signale auch von der Nokia-Leitung gibt, möglicherweise doch noch einzulenken?

Scherrer: Ja, wir als europäische Organisation reden natürlich in erster Linie mit dem Vorsitzenden des Europäischen Betriebsrates. Und mit dem sind wir natürlich immer in Kontakt, und über den laufen auch unsere Kontakte zum Management. Aber da will ich jetzt nicht so sehr ins Detail gehen, sondern da muss ich morgen die Sitzung abwarten.

Kolkmann: Na, vielleicht können Sie uns einen kleinen Wink geben, ob es da vielleicht schon ein paar kleine positive Zeichen gibt?

Scherrer: Bisher noch nicht.

Kolkmann: Ja, das ist auch wirklich eine unangenehme Frage. Ich gebe es ja zu. Wie beabsichtigen Sie denn, den Konzern unter Druck zu setzen, zum Beispiel mit Streiks?

Scherrer: Na ja, europaweite Streiks, das ist immer sehr schwer zu organisieren, weil da die nationalen ...

Kolkmann: Das kann man ja punktuell machen, an Standorten, zum Beispiel in Bochum?

Scherrer: So ist das. Und darüber werden wir morgen zum Beispiel auch reden, ja. Und Sie haben eben angesprochen, dass viele Verbraucher Nokia-Handys mittlerweile ablehnen oder sagen, sie wollen das nicht. Und da haben wir eine Parallele zum Nürnberg-Fall. Electrolux hat enormen Schaden gelitten und nicht nur bei den hohen Schließungskosten, sondern sie haben deutlich an Absatz verloren.

Kolkmann: Nun geht es bei Nokia auch um die Frage des Subventionsmissbrauchs, ob Nokia da Subventionen eingestrichen hat für Arbeitsplatzaufbau, die möglicherweise nicht gerechtfertigt gewesen sind. Das hat aber offenbar gestern bei den Gesprächen der nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerin und dem Konzernchef keine Rolle gespielt. Hat man ihn noch geschont, um ihm vielleicht noch ein kleines Hintertürchen offen zu lassen?

Scherrer: Ja, ich denke mal, das ist jetzt auch eine Taktik. Sie haben eben selbst von Gesichtsverlust gesprochen. Man muss dem Management natürlich auch einen Ausweg anbieten. Und wenn jetzt solche Gespräche stattfinden, dann kommt es darauf an, welche Geste Nokia zeigt. Und wenn da Entgegenkommen ist, dann kann man im Detail und nachher in etwas ruhigerer Verfassung, in einer etwas ruhigeren Atmosphäre dann über die einzelnen Punkte diskutieren. Aber erst mal muss grundsätzlich von Nokia die Bereitschaft da sein, diesen Schließungsbeschluss zurückzunehmen.

Kolkmann: Hand aufs Herz, wie viel Hoffnung haben Sie?

Scherrer: Ich habe da durchaus Hoffnung, ja.

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